So lange wurde noch nie für einen Film applaudiert!
Von Janick NoltingManchmal gibt es Filme, die mit solcher Wucht und Dringlichkeit in die Gegenwart eingreifen, dass all das, was man sonst im Kino sehen kann, kurz bedeutungslos erscheint. „Naza“ ist einer dieser Filme. Die israelischen Regisseur*innen Yuval Abraham und Rachel Szor legen damit ihr zweites dokumentarisches Werk über den Nahostkonflikt und die Beziehung zwischen Israel und den Palästinensern vor. Ihr Vorgänger „No Other Land“, der gemeinsam mit den palästinensischen Filmemachern Basel Adra und Hamdan Ballal entstand, sorgte erst für einen Eklat auf der Berlinale und gewann dann einen Oscar. Darin ging es um die Besatzung und Zerstörung eines Dorfes im Westjordanland und die systemische Ungleichheit zwischen den Regisseuren Abraham und Adra.
„Naza“ schaut nun hinter die Kulissen von Israels Kriegsführung gegen die Hamas und die Zivilbevölkerung in Gaza seit dem Massaker des 7. Oktober 2023. Sie liefern damit eine wichtige Ergänzung zu all den Berichten und Aufnahmen, die ohnehin aus dem Kriegsgebiet im Netz kursieren. Ihre Anklage hat nichts damit zu tun, das Leid zu relativieren, das auch Menschen in Israel zugefügt wurde. Gedreht wurde über mehrere Jahre hinweg heimlich in Tel Aviv. Über den Dächern der Stadt trifft Yuval Abraham nachts 24 anonymisierte Geheimdienstoffiziere und Soldaten. Diese geben ihm detaillierte Einblicke in die Technik und Methoden, mit der die Streitkräfte Terroristen und Zivilpersonen gleichermaßen ausschalten und ganze Straßenzüge im Gazastreifen in Schutt und Asche legen.
IMMERGUTEFILME
Der Titel „Naza“ wird früh erklärt. Es handelt sich dabei um eine Verklausulierung und Abkürzung, mit der man Kollateralschäden in der Zivilbevölkerung beziffert. Aus einem Menschenleben, egal ob Mann, Frau oder Kind, wird ein Naza. Sprache wird zum Werkzeug der Distanz, Entmenschlichung und Abstraktion. So, wie überhaupt der ganze Film von der Abstraktion und einer medialen Entkopplung vom Realen und Konkreten handelt. 80 beunruhigende Minuten dauert dieses in mehrere Kapitel unterteilte Dokument und Zeugnis. Dessen O-Töne sind in ihrer abgebrühten Nüchternheit, aber auch in den wenigen Zweifeln und Selbstbefragungen so entsetzlich, dass man sie nicht so schnell wieder abschütteln kann. „Es ist wie ein Videospiel“, sagt einer der Interviewten – und das ist nur ein erschütternder Moment, ein eindringliches Zitat von vielen.
Ein Schwerpunkt von „Naza“ liegt darin, wie das Planen von Angriffen von einem KI-System und Algorithmus gestützt wird. Die Kriegstaktik und das Töten sind, wie es der Film erzählt, von automatisierten Prozessen durchzogen. Allein was etwa einzelne Signale und Begrifflichkeiten in überwachten Chats anbelangt. So geht Krieg offenbar heute. Im Film stellt sich dann unter anderem die Frage: Ist es besser, eine künstliche Intelligenz über Opfer entscheiden zu lassen als einen Menschen, der vielleicht einen Angehörigen verloren hat? Und was soll „besser“ in dem Zusammenhang überhaupt bedeuten? Die Rationalisierung von Kriegen wird hier in ihrem ganzen Zynismus seziert.
In den Gesprächen wird beschrieben, wie man digitale Karten überblickt und dann mit ein paar Klicks angezeigt bekommt, wen man ins Visier nimmt und wie hoch der jeweilige Wert auf der Naza-Skala ist. Zum Teil werden die Schilderungen und Erfahrungen mit Skizzen auf Papier veranschaulicht, aber was soll dieses Gekritzel schon erzählen? Da wird nur die nächste Verfremdung von Verbrechen betrieben, die mit dem tatsächlichen Leid nur noch wenig zu tun hat. Menschen werden in Daten verwandelt, eine irgendwann schier ungreifbare Masse. Verstörend sind die Berichte von „Naza“ auch deshalb, weil sie, sofern man den anonymen Protagonisten und Quellen glauben kann, all das Sprechen von einer angeblich tragischen Unvermeidbarkeit der Opfer in sich zusammenfallen lassen.
Mag sich die Hamas auch hinter Zivilist*innen verstecken: Die Einblicke, die die Beteiligten geben, zeugen ebenso von einem gezielten Morden, Abschrecken und Eskalieren. Letztlich geht es darum, ob man schießt und bombt oder nicht. Es geht um ein knallhartes Aufwiegen von Menschenleben und politischen Zielen. Die Mission und das Befolgen von Befehlen stehen anscheinend über allem. Ein Protagonist bezeichnet seine Arbeit einmal als rein technischer Natur. Kein Platz für moralische Einwände, Fragen und dergleichen. Gegen Ende spielt der Film dann einen älteren O-Ton des Präsidenten Benjamin Netanjahu ein, in dem dieser seine Definition von Terror darlegt. Und nach all dem, was die 24 Interviewten über das Zerstören und Vertreiben erzählen, scheint es da kaum noch einen Unterschied zu dem andauernden Vorgehen zu geben.
Was geht dabei nur in den Beteiligten vor? „Naza“ erzählt von überwältigten Gefühlen im Nachgang der Terroranschläge des 7. Oktobers. Diese traumatischen Erfahrungen sitzen tief und der Film thematisiert das auch. Aber er sucht ebenso die Umschlagpunkte, an denen Rache und Widerstand entgrenzt werden, an denen eine Kollektivschuld projiziert und das Auslöschen anderer eine verquere Genugtuung oder gar einen Kick bringen soll. Zumal mit dem bereits angedeuteten spielerischen Charakter der Kriegstechnik! Und wie ist das dann, wenn man live aus sicherer Distanz die letzten Sekunden von Menschenleben miterleben kann? Wenn man quasi Gott spielen oder sich wie ein Gott fühlen kann, wie hier anklingt?
Nach der Weltpremiere im Wettbewerb der Filmfestspiele in Venedig, wo er mit einer 24,5 Minuten langen Standing Ovation einen neuen All-Time-Rekord für Festival-Applaus aufgestellt hat, war in manchen Kritiken und Kommentaren eine Skepsis zu vernehmen. Man hat den Film zum Teil eher in die Ecke des Journalismus stellen wollen und weniger in die der Kunst oder des künstlerischen Dokumentarfilms. In der Tat liegen die Wurzeln von „Naza“ im Journalismus. Er geht auf Recherchen und Artikel zurück, unter anderem aus dem +972 Magazine oder dem britischen The Guardian, der den Film mitproduziert hat. Und tatsächlich ist das zunächst einmal ein investigativ inszeniertes Recherche- und Interview-Kino. Aber es folgt einem eigentlich brillanten und höchst eindrucksvollen formalen Konzept.
„Naza“ besteht abseits weniger Archivbilder zu einem Großteil aus nächtlichen Aufnahmen von Tel Aviv. Der Film nimmt hier eine irritierende Überlagerung vor. Auf der Tonspur hört man die Interviews, Berichte schlimmster Gewalt. Dazu wird als Kontrast ganz gewöhnlicher Alltag gezeigt. Rund 60 Kilometer entfernt von Gaza. Menschen feiern, schauen fern, sitzen auf dem Balkon oder liegen mit dem Smartphone im Bett. Es ist eine unheimliche, voyeuristische Kamera, die das Leben einfängt. Sie schaut durch Fenster, auf Hochhäuser, Leuchtreklamen oder den Straßenverkehr, der am Holocaust-Gedenktag plötzlich stillsteht. Sirenen heulen, Menschen schauen sich verängstigt um. Auch dieser permanente Ausnahmezustand gehört dazu.
Am Anfang des Films sieht man Raketen am Himmel glühen, die aus Gaza auf Israel abgefeuert wurden. Das sind Bilder einer Normalität, die immer schon mit ihrer Kehrseite aufgeladen ist. Aber auch mit einem grundlegenden destruktiven menschlichen Potenzial. Die Interviewten selbst schieben sich wiederholt als gespenstische und symbolträchtige Schattenrisse vor die Skyline der Stadt. Und die eingespielten TV-Berichte und politischen Ansprachen werden mit ihren Verherrlichungen und Verharmlosungen kaum dem gerecht, was man womöglich ganz real anrichtet. Schlussendlich wird das Entfernte doch noch explizit und drastisch visualisiert, dann brechen Bilder der Verwüstung, der zerquetschten Leichen und leidenden Menschen in die Montage des Films. Man kann darüber streiten, ob „Naza“ damit nicht sein eigenes Konzept ein Stück weit verrät. Aber vielleicht braucht es die Brutalität solcher Bilder als Gegenpol zu dem fast bürokratischen, abstrahierenden Kriegshandwerk, das zuvor über die Sprache ergründet wird.
Fazit: „Naza“ gehört zu den herausragendsten Dokumentarfilmen der Kinogeschichte. So schwer erträglich die Gewaltschilderungen sind, sollte ihn jeder gesehen haben. Allein schon, weil dies nicht nur ein Film über Israel und Gaza ist, sondern überhaupt einer über die zynischen Techniken des Tötens im 21. Jahrhundert. Ein erschütterndes Meisterwerk.
Wir haben „Naza“ beim Filmfest in Venedig gesehen, wo er seine Weltpremiere als Teil des offiziellen Wettbewerbs gefeiert hat.