Nonstop Spannung und Action
Von Oliver KubeWarum muss das französische Animationsabenteuer „Tierisch abgefahren - Rettet die Pets!“ eigentlich in den USA spielen? Glaubt man wirklich, dass viele (US-amerikanische) Kinder in der anvisierten Altersklasse von sechs bis zehn Jahren nicht wissen, dass es außerhalb der USA noch andere Länder gibt? Jedenfalls ist die actiongeladene Story jetzt in einer Umgebung angesiedelt, die nach Nordamerika aussieht und wo die – realen wie fiktiven – Orte englische Namen tragen. Ein junges hiesiges Publikum wird mit der Mojave-Wüste oder den Rocky Mountains natürlich trotzdem keine Probleme haben – dank der Hollywood-Konkurrenz ist man schließlich eh längst dran gewöhnt.
Trotzdem ist es ein wenig schade. Schließlich zählt der locker-leichte, hochtourig-temperierte „Tierisch abgefahren - Rettet die Pets!“ zu jenen europäischen Animations-Produktionen, die sich der finanziell deutlich besser ausgestatteten Konkurrenz jenseits des Atlantiks eigentlich gar nicht derart anbiedern müssten. Die meisten (jungen) Kinofans werden bei dem Film des „Die Dschungelhelden“-Regieduos Benoît Daffis und Jean-Christian Tassy schließlich kaum einen großen Unterschied zu US-Blockbustern wie „Pets“ bemerken.
MFA
Der Waschbär Falcon (Stimme im Original: Damien Ferrette) ist so etwas wie der Robin Hood unter den herrenlos in Bay City lebenden Straßentieren. Er stiehlt Leckereien aus Imbisswagen und von Picknickdecken, um sie an seine bei der Futterbeschaffung nicht ganz so fitten Freund*innen zu verteilen. Weil Weihnachten vor der Tür steht, plant er seinen bislang größten Coup, der ein regelrechtes Festmahl für die Tiere aller Arten ermöglichen soll. Abgesehen haben es Falcon und der Dachs Hans (Frantz Confiac) auf das mit Spezialitäten angefüllte Restaurant eines Zuges, bevor dieser die Stadt verlässt. Zwar warnt ihn sein Adoptivvater, der weise Täuberich Rico (Nicolas Marié), vor seinem Komplizen, aber Falcon glaubt an das Gute im Tier. So macht er sich ans Werk, ohne zu ahnen, dass Hans ihn nur ausnutzen will, um sich an dem Polizeihund Rex (Hervé Jolly) zu rächen, der ihn vor Jahren ins Tierheim gebracht hat.
Falcon schleicht sich also wie geplant an Bord und stöpselt ein paar elektronische Verbindungen um. So übernimmt der im Wald sitzende Hans per Fernsteuerung die Kontrolle. Mittels einer fingierten Durchsage sorgt er außerdem dafür, dass alle Menschen aussteigen. Während der nun führerlose Zug im halsbrecherischen Tempo die Stadt verlässt, muss Falcon gemeinsam mit Rex sowie den anderen im Gepäckwaggon in Käfigen, Körben und Aquarien eingesperrten Haustieren einen Weg finden, irgendwie von Bord zu kommen…
Ab dem Moment, in dem der Zug den Bahnsteig verlässt, wird nahezu nonstop Action geboten. Die Animation ist in Bezug auf den Detailreichtum zwar nicht ganz auf dem Level der Titel von Pixar, Disney Animation, Illumination oder DreamWorks, aber doch erfreulich nahe dran. Für einen lediglich 12,5 Millionen Euro teuren Film ist sie sogar schlichtweg großartig. Die Säugetiere, Reptilien, Vögel und Fische sind durchgehend ihren realen Bewegungsmöglichkeiten entsprechend animiert – und auch die Landschaften, Panoramen sowie Stadtbilder sehen klasse aus. Wirklich brillant ist allerdings die technische Umsetzung des Zugs sowie all das Actionfeuerwerk, das in, auf, unter und rund um ihn herum abgefeuert wird.
Das gerade noch rechtzeitige Umstellen einer Weiche, das Abkoppeln einzelner Waggons, die Flucht vor einem Feuer an Bord und der Versuch, eine kollabierende Hochbrücke zu überqueren – all dies ist packend inszeniert und animiert. Die Aufnahmen sind konsequent dynamisch – auch weil die Kameraeinstellungen häufig aus der Perspektive der eher kleinen Tiere gefilmt sind. Es sollte nach „Tierisch abgefahren - Rettet die Pets!“ wirklich niemanden wundern, wenn nicht nur die beiden Regisseure, sondern auch Teile ihrer Crew schon bald Job-Angebote vonseiten der Mega-Studios aus Hollywood erhalten.
MFA
Obwohl es sich um einen Actionfilm voller Gefahren handelt, gibt es keine wirklich beängstigenden Szenen, die klein(er)e Kinofans verstören könnten. Das Hauptaugenmerk liegt auf Spaß – und der wird reichlich geboten. Auch der Protagonist Falcon (was es mit dem Spitznamen auf sich hat, erfahren wir im Laufe der Geschichte) ist für Kinder passend charakterisiert: Er ist mutig, hat aber – wie einige seiner Weggefährt*innen – auch Ängste zu überwinden. Selbst der Bösewicht der Story ist nicht übermäßig furchteinflößend und hat eigene Probleme, die ihn menschlich, äh, tierisch wirken lassen.
Das Ganze geht rasant voran und ist mit knapp 90 Minuten keinen Moment zu lang. „Tierisch abgefahren - Rettet die Pets!“ erhebt nicht den Anspruch, ein bahnbrechendes oder besonders originelles Konzept zu präsentieren. Der Film kommt bisweilen sogar formelhaft daher und bietet ein recht vorhersehbares Ende. Was aber beides völlig okay ist, denn die Story erfüllt ihren Zweck, indem sie die Zielgruppe ziemlich sicher gut unterhält. Und auch für die Erwachsenen gibt es ein paar witzige Momente – unter anderem in Form von Filmzitaten (darunter etwa „Stirb langsam“ und „Mission: Impossible“).
Aber neben diesen üblichen Verdächtigen gibt es auch zugspezifische Anspielungen, etwa auf „Runaway Train“ oder „Unstoppable - Außer Kontrolle“. Zu all dem serviert man uns noch einen überraschenden surrealistischen Moment, der schon ganz zu Beginn passiert und den die meisten Zuschauenden zum Ende wahrscheinlich längst wieder vergessen haben: Direkt nach dem kurzen Vorspann rast ein Zug ungebremst auf den mitten in der Stadt gelegenen Bahnhof zu, bevor er auf einmal und ohne zunächst ersichtlichen Grund einfach seitlich umkippt. Dann greift eine riesige Hand ins Bild und stellt die entgleiste Lokomotive plus Anhänger wieder auf, bevor die eigentliche Geschichte losgeht – als wäre nichts gewesen.
Spielt der gesamte folgende Film also auf einer Modelleisenbahnanlage? Oder war das – wie bei einem legendären Monty-Python-Sketch – vielleicht sogar die Hand Gottes? Von diesem einmaligen Durchbrechen der vierten Wand abgesehen, ist „Tierisch abgefahren - Rettet die Pets!“ eine leichte und für Kenner*innen solcher Werke recht vorhersehbare Animations-Sause. Stattdessen besticht der Film mit einer sehr ansprechenden Optik und einer aufregenden, aber immer wieder auch niedlichen Geschichte um Freundschaft und Zusammenhalt – angereichert mit ein wenig Satire auf die sozialen Medien und Sensationsjournalismus. Auch wenn es vielleicht ein paar zu viele Nebenfiguren gibt, hindern diese das Publikum nicht daran, die recht simple Handlung zu verstehen und Freude an dem turbulenten Geschehen zu haben.
Fazit: Für Action-Fans mit Kindern ist das hier eine prima Gelegenheit, den cinephilen Nachwuchs schon mal behutsam an das eigene Lieblings-Genre heranzuführen.