Zeit des Untergangs
Von Janick NoltingWas muss geschehen, bis jemand das eigene Spiegelbild bespuckt? Geert, eine der beiden Hauptfiguren von „Dust“, straft sich mit dieser Geste selbst. Wobei, man kann nicht so recht sagen, ob das Spucken tatsächlich aus Selbsthass geschieht, oder ob in dieser Szene einfach der anrollende Hass der Welt gegenüber dem eigenen verlogenen Image testweise geprobt und durchgespielt wird. Sein junger Chauffeur und Liebhaber plantscht derweil nackt im Pool von Geerts tristem Designerhaus. Kurz darauf landet ein Sack voller Schredder-Schnipsel im Wasser, Berge aus Papier. Damit ist die ganze Katastrophe in ein markantes Bild gefasst.
Aber immer der Reihe nach!
„Dust“, der neue Film von Anke Blondé, beginnt – na klar – mit tanzendem Staub. Im Dunkeln leuchtet ein Projektor in die Kamera. Davor schimmern kleinste Flusen und Partikel im Licht einer Präsentation von großen Träumen und Versprechen. Blondé, die zuvor unter anderem die Miniserie „Juliet“ inszeniert hat, blickt in diesem Business-Thriller zurück in die Zeit vor der Jahrtausendwende. Was heute technisch alltäglich und selbstverständlich ist, erlebt hier in seinen Kinderschuhen und Experimenten einen ersten Boom.
A Private View - Toon Aerts
Geert (Arieh Worthalter) und Luc (Jan Hammenecker) machen das große Geschäft mit der Umwandlung von Sprache in Text und umgekehrt. Man verkauft etwa den Traum, eines Tages einfach sein eigenes Mobiltelefon nach dem Wetter befragen zu können. In Flandern soll dabei die Region mit einem großen Forschungs- und Wirtschaftsstandort mit tausenden Arbeitsplätzen befruchtet werden. So zumindest der einstige Plan. Nun, im Jahr 1999, stehen Geert und Luc vor dem Ruin.
Auf einer Toilette treffen die Unternehmer einen Journalisten (Anthony Welsh), der ihren krummen Machenschaften samt der Erfindung von allerlei Scheinfirmen auf die Schliche gekommen ist. Sein Enthüllungsbericht ist bereits fertig und soll einen Tag später die Wall Street erreichen. Also bleibt Geert und Luc nur noch wenig Zeit, um die Spuren zu beseitigen und sich auf den Untergang ihres lukrativen Imperiums vorzubereiten …
„Dust“ ist von der Geschichte des belgischen Unternehmens Lernout & Hauspie inspiriert. 2001 ging das Unternehmen bankrott, nachdem die beiden Gründer verhaftet wurden. Der fiktionale Film versteht sich offenbar als Zeitdokument, welches die bereits vom anbrechenden Millennium geworfenen Schatten mit all ihren Hoffnungen, scheiternden Träumen, Zukunftsängsten und dubiosen Geschäften einzufangen. Einmal trifft Geert seine Schwester, die in einer Backstube arbeitet. Sie verweist stolz auf die neuen Maschinen, den neuen Ofen. Bald, so glaubt sie, könne man rund um die Uhr Brot verkaufen. Zu diesem Zeitpunkt wird die knallharte ökonomische Realität noch von naiven Hoffnungen verborgen. Im Hintergrund bahnt sich bereits die große Desillusionierung an.
Überhaupt macht Anke Blondés Inszenierung den Zerfall und das Scheitern schnell spürbar. „Dust“ ist ein atmosphärisch dichter, anfangs sehr vereinnahmender Film, dessen musikalisch wabernde Untermalung eine dauerhafte Bedrohung suggeriert. Die Bilder sind karg, gräulich oder höchstens noch in Sepiafarben getaucht. Dazu rattern wiederholt die großen Schredder auf der Tonspur. Berge an Akten und Dokumenten sollen vernichtet werden, um die eigene Vergangenheit zu verbergen.
Dazu schafft es der Film sehr gut, die Nervosität, Beklemmung und Hoffnungslosigkeit seiner verkrachten Existenzen im Mittelpunkt spürbar werden zu lassen. Der Kameramann Frank van den Eeden setzt oft auf wacklige, sehr nahe Aufnahmen, die wenig Übersicht und Perspektive in der Welt erlauben. Ein Ball, der im Schwimmbad plötzlich an eine Scheibe kracht, taugt zum Schockmoment. Es reicht das kleinste Geräusch, um einen in dieser permanenten Alarmstimmung aufschrecken zu lassen.
Letzte Begegnungen mit den Liebsten werden unternommen. Ein paar Bündel Geld werden im Pferdestall vergraben oder an die Verwandtschaft weitergereicht, damit sie wenigstens von den letzten Resten des kollabierenden Geschäftsmodells profitieren können. Das funktioniert als Paranoia-Kino für etwa eine Stunde. Nur leider geht „Dust“ danach noch eine knappe Stunde weiter und hier fällt der ganze Film derart ernüchternd in sich zusammen. Er tritt dann derart auf der Stelle, dass man sich mit jeder Minute mehr fragt, warum er so betulich und vage im Umgang mit seinen Figuren bleibt.
Man kann darüber streiten, ob „Dust“ Mitleid mit seinen zwielichtigen Hauptfiguren erregen will. In diesem Sinne kann der Film durchaus als Provokation verstanden werden. Er traut sich, sein Publikum durchweg mit der Gefühlswelt der Betrüger zu konfrontieren, ohne dass es noch einmal allzu starke Kontraste in der Perspektive geben würde. Man lässt sich gern auf dieses Spiel ein, auch wenn sich Filmschaffende mit derlei fragwürdigen Erzählperspektiven heute diskursiv schnell auf dünnes Eis begeben. Nur wäre es begrüßenswert, würde damit auch ein tieferer Reflexions- und Aushandlungsprozess angestoßen werden. In „Dust“ bleibt der nämlich auf erzählerischer Ebene weitgehend aus.
„Dust“ durchdringt weder die geschäftliche noch die private Ebene sonderlich erhellend. Die Familienkonstellationen und Affären bleiben schlaglichtartig. Wie genau die wirtschaftlichen Machenschaften derweil gestrickt sind, kratzt durchweg an der Oberfläche und bleibt im Grunde auf die wenigen Infos der Exposition beschränkt. Die Verstrickungen, die sich dort etwa bei schicken Empfängen abzeichnen, die Illusionen, die man schaffen muss, das Aufrechterhalten der ganzen Maschinerie; all das wäre ein hochspannender Stoff, um diesem Film mehr Substanz zu verleihen. Aber Blondés Regie und Angelo Tijssens’ Drehbuch erschöpfen sich lieber in den immer gleichen gequälten und betrübten Blicken und Szenen der Verzweiflung.
Die Zeit des Untergangs ist hier auch eine Zeit des Abwartens und Umherfahrens. Zwischendurch muss sich Luc immer wieder übergeben. Der Körper wird mit der Schuld und dem Scheitern kaum fertig. Aber warum schafft es der Film nicht, einen näheren Blick auf das ganze Gefüge zu werfen, um das es eigentlich gehen soll? Warum genügt er sich so in dieser irgendwann sehr zähen charakterlichen Momentaufnahme?
Dass „Dust“ irgendwann auch noch auf die abgedroschene Metapher des feststeckenden Autos zurückgreift und dass er ausgerechnet an dem Punkt der Konfrontation endet, an dem die Figuren gerade erst ins Sprechen, Nachdenken und Aufzeigen kommen, ist da nur der Gipfel der Enttäuschung. Zwei Männer müssen hier mit den Konsequenzen ihres Handelns leben und versuchen noch, die letzten Reste ihres Vermächtnisses geradezubiegen. Warum man dem aber so lange beiwohnen soll, darauf hat der Film immer weniger plausible Antworten.
Fazit: „Dust“ zeigt die Krise zweier Unternehmer als Untergangsszenario an der Schwelle zu den 2000er Jahren und dem aufziehenden Digitalzeitalter. Das ist anfangs spannend geglückt, verpasst aber völlig eine nähere Auseinandersetzung mit seinen eigenen Themen. Als Zustandsbeschreibung wird der eigentlich hochbrisante Stoff damit ernüchternd dünn und platt breitgetreten.
Wir haben „Dust“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.