Die französische Antwort auf „Minority Report“ (und eine Menge andere Sci-Fi-Thriller)
Von Christoph PetersenWenn grummelige (Anti-)Helden aufwachen, dann gerne mit einem Kater. Damit ist in der Regel ja auch schon alles gesagt: innere Dämonen, gegen das System, die Flucht vor der eigenen Vergangenheit. Auch Zem, ein Ex-Junkie, der inzwischen als streetsmarter Cop in der titelgebenden „Zone 3“ von Paris unterwegs ist, hätte man problemlos mit diesem Klischee einführen können. Aber statt über seinen übermäßigen Alkoholkonsum des Vorabends stolpert Zem nach dem Erwachen über die sich in der Küche stapelnden Milchkartons. Dabei hat er die Hotline des Lieferdienstes schon häufiger angerufen, um zu melden, dass der Knopf für die automatische Nachbestellung defekt sei. So kreativ geht es mit der KI-Schelte im Anschluss aber leider nicht weiter.
Stattdessen liefert „November“-Regisseur Cédric Jimenez, basierend auf dem Roman „Hund 51“*, einen Science-Fiction-Verschwörungs-Thriller, der vor allem bekannte Versatzstücke des Genres zusammenmischt und bei dem von Anfang an eher mehr als weniger offensichtlich ist, worauf das alles hinauslaufen wird. Trotzdem kann man mit „Zone 3“ eine gute Zeit haben – wenn man nur mit den richtigen Erwartungen herangeht und generell Spaß an den geradlinigen Sci-Fi-Thrillern speziell der Neunziger und frühen Zweitausender hat. Zumal Jimenez sein Zukunftsszenario eines in drei Zonen geteilten Paris (1 = Elite, 2 = Privilegierte, 3 = der jämmerliche Rest) mit einem erfreulich zurückgenommenen Maß an CGI-Effekten umsetzt.
StudioCanal
Als der Entwickler von ALMA, einer umfassenden KI zur Verbrechensbekämpfung, in Paris erschossen wird, übernimmt die Zone-2-Ermittlerin Salia Malberg (Adèle Exarchopoulos) den Fall. Wobei es da scheinbar gar nicht so viel zu untersuchen gibt, schließlich verkündet ihr Chef, der Innenminister Alexandre Maupertuis (Romain Duris), schon erstaunlich schnell, dass John Mafram (Louis Garrel), der Anführer der „Wallbreaker“-Widerstandsbewegung, hinter dem Anschlag steckt.
Aber dann taucht eine zweite Leiche in „Zone 3“ auf, weshalb Salia wohl oder übel darauf angewiesen ist, bei den weiteren Ermittlungen mit dem dort zuständigen Zem Sparak (Gilles Lellouche) zusammenzuarbeiten. Der hält zunächst gar nichts von seiner neuen, ungleich eleganteren Partnerin. Doch für eventuelle Animositäten bleibt keine Zeit, denn offenbar steckt hinter den Morden eine viel größere Sache, als es das ungleiche Duo jemals für möglich gehalten hätte…
„Zone 3“ hat kolportierte 42 Millionen Dollar gekostet. Für eine europäische Produktion ist das wahnsinnig viel Geld. Aber was ohnehin viel wichtiger ist: Man sieht auch, wo die ganze Kohle hingeflossen ist! Sicherlich kann Cédric Jimenez trotzdem nicht in allen technischen Aspekten mit vier- bis sechsmal so teuren Hollywood-Blockbustern mithalten, aber die meisten Sets und auch ein Großteil der Action inklusive knalliger Autokarambolagen kommen offensichtlich ohne ein Übermaß an Computereffekten aus. Eine wirklich angenehme Überraschung, gerade in einem Film, der sich mit den möglichen Fallstricken einer potenziell allmächtigen Überwachungs-KI auseinandersetzt. Aber während „Zone 3“ in dieser Hinsicht erfreulich klassisch ist, hätte man sich an anderer Stelle mehr frische Ideen gewünscht:
So wurde das zugrundeliegende Buch zwar in seinem Erscheinungsjahr als „Lieblingsroman der französischen Buchhändler“ ausgezeichnet, zugleich wurde in der Kritik aber immer wieder darauf hingewiesen, dass sich der in anderen Genres längst hoch angesehene Autor Laurent Gaudé in seiner ersten Sci-Fi-Erzählung zu sehr auf bekannte Tropen und Klischees verlassen würde. Eine Schwäche, die auch die Verfilmung – trotz einer Zukunfts-Karaoke-Szene – nicht abstreifen kann: Fragt man nach dem Abspann, welche Filme wohl Vorbild standen, wird sofort jeder eine ganze Reihe an Titeln herunterbeten können. Fragt man hingegen nach Ideen, die man noch nirgendwo sonst gesehen hat, dürfte sich neben der Milchbestellung eher ein betretenes Schweigen breitmachen.
StudioCanal
Dass sich „Zone 3“ dennoch über seine – für das Genre ja ohnehin eher knappe – Laufzeit von 105 Minuten als durchgehend kurzweilig erweist, liegt deshalb neben dem Fokus auf real gebaute Kulissen vor allem an seinen zwei Stars: Adèle Exarchopoulos („Blau ist eine warme Farbe“) muss zwar mit einer gewöhnungsbedürftigen Perücke antreten, entwickelt aber trotzdem eine überzeugende Buddy-Cop-Dynamik mit ihrem „Beating Hearts“-Regisseur Gilles Lellouche, selbst wenn man den beiden wohl noch eher eine Vater-Tochter-Beziehung als eine erotische Romanze abgekauft hätte.
Amüsant ist in diesem Fall zudem auch das Product Placement: Das französische Modeunternehmen Lacoste wird bereits im Vorspann als Co-Produzent genannt, und Regisseur Cédric Jimenez hat beim Design der Kostüme auch eng mit dem Konzern zusammengearbeitet. So tragen die Raver*innen auf einer Art Sci-Fi-Love-Parade allesamt futuristische Lacoste-Kostüme. Zugleich sieht man aus dem Fenster von Zems Appartement eine gigantische LED-Werbetafel mit Lacoste-Spots – inmitten all der zerfallenen Gebäude von Zone 3. Eine erleuchtete Insel der Dekadenz inmitten der menschenunwürdigen Zustände einer separierten Gesellschaft – und damit genau der Ort, wo in Sci-Fi-Dystopien normalerweise die Unterdrückungsslogans der Herrschenden platziert werden.
Fazit: Geradliniger Sci-Fi-Verschwörungs-Thriller, wie es sie vor zwei Jahrzehnten noch zuhauf gab, die seitdem aber (leider) immer seltener geworden sind. Das Szenario ist dabei sicher nicht das originellste und auch größere Überraschungen bleiben aus, aber dafür haben Action und Sets einen angenehm handgemachten Vibe, während die Stars Gilles Lellouche und Adèle Exarchopoulos eine stimmige Chemie beisteuern.
Wir haben „Zone 3“ beim Venedig Filmfestival 2025 gesehen, wo er als Abschlussfilm seine Weltpremiere gefeiert hat.
*Bei diesem Link handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf über diesen Link oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.