Endlich wieder RICHTIG große Emotionen
Von Pascal ReisEin erstes Beben ging durch das Internet, als bekannt wurde, dass Heathcliff in Emerald Fennells Verfilmung von „Wuthering Heights – Sturmhöhe“ nicht vorlagengetreu von einem nicht-weißen Schauspieler verkörpert wird, sondern vom frisch oscarnominierten Shootingstar Jacob Elordi („Frankenstein“). Doch diese Casting-Entscheidung war nur der erste Ausschlag auf dem Seismographen einer weit umfassenderen Entrüstung darüber, was sich die „Promising Young Woman“-Regisseurin mit ihrer Adaption von Emily Brontës Jahrhundertroman wohl erlauben würde.
Richtig ins Rollen kam das Entsetzen erst mit der Veröffentlichung des ersten Trailers. Dieser nährte den Verdacht, Fennell könne nach „Saltburn“ erneut auf kalkulierte Provokationen setzen: auf grenzüberschreitende Bilder, die wie maßgeschneidert für die Weiterverwertung auf Instagram und TikTok erscheinen. Nach der Sichtung von „Wuthering Heights – Sturmhöhe“ allerdings sollte niemand mehr ernsthaft behaupten können, dem Film gehe es vor allem um den bloßen, vordergründigen Schockeffekt.
Warner Bros.
Aus einem Anflug von Wohltätigkeit nimmt Mr. Earnshaw (Martin Clunes) den Findelknaben Heathcliff (die „Adolescence“-Sensation Owen Cooper) in seine Familie auf. Dieser wächst fortan auf dem abgelegenen Anwesen Sturmhöhe auf, wo er mehr geduldet als akzeptiert wird. Einzig mit Cathy (Charlotte Mellington), der Tochter des Hauses, verbindet ihn von Beginn an eine intensive Nähe. Tag für Tag streifen die beiden über das Moor und wachsen über die Jahre zu einer unauflöslichen Einheit zusammen, im festen Wissen, seelenverwandt zu sein.
Als Cathy (im Erwachsenenalter verkörpert von Margot Robbie) sich schließlich aus gesellschaftlichem Kalkül dazu entschließt, den wohlhabenden Edgar Linton (Shazad Latif) zu heiraten, zerbricht für Heathcliff (nun gespielt von Jacob Elordi) die Welt. Er verlässt Sturmhöhe – und kehrt Jahre später zurück, innerlich verhärtet und getrieben von einem Plan, den er über lange Zeit mit kalter Konsequenz verfolgt: Er will Cathy ebenso erniedrigen und zerstören, wie er sich einst von ihr und der Gesellschaft, die sie repräsentiert, herabgesetzt fühlte.
Ein weiterer Umstand, der im Vorfeld auf Ablehnung stieß, war Emerald Fennells frühzeitige Klarstellung, dass ihre „Wuthering Heights“-Verfilmung im Wesentlichen lediglich den ersten Teil von Emily Brontës Roman behandeln würde. Damit bleiben jene mindestens ebenso zentralen Motive ausgeklammert, in denen sich die zerstörerische Dynamik zwischen Cathy und Heathcliff auf die nachfolgende Generation überträgt. Tatsächlich dürfte diese Entscheidung jedoch vor allem Literaturpuristen vor den Kopf stoßen, die den kunstfernen, oft reflexhaften Vergleich zwischen Romanvorlage und filmischer Adaption zwanghaft forcieren und jede Abweichung vom Original als Verrat missverstehen.
Das radikale Eindampfen der – je nach Ausgabe bis zu 460 Seiten umfassenden – Vorlage verfolgt dabei ein eindeutiges Ziel: die kompromisslose Konzentration auf die leidvolle Liebesbeziehung zwischen Cathy und Heathcliff. Szenen, in denen die beiden Protagonisten nicht präsent sind, fungieren weniger als eigenständige Handlungsmomente denn als metaphorische Zuspiele. Gleich zu Beginn hören wir etwa lediglich ein rhythmisches Knarzen, das unweigerlich an ein Bettgestell denken lässt, in dem sich ein Paar lustvoll einander hingibt. Als sich schließlich noch ein Stöhnen hinzugesellt, scheint der sinnliche Akt deutlich. In Wahrheit aber ringt hier ein Mann am Galgen um sein Leben.
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Das ist nur eines der vielen Beispiele dafür, wie Emerald Fennell in ihrer ungemein bildstarken, gezielt auf intuitive Empfindungen setzenden Inszenierung auf das qualvolle Band zwischen Cathy und Heathcliff hinweist: Liebe bedeutet hier nicht nur völlige Hingabe, sie steht zugleich für Selbstauslöschung, Verdammung, Demütigung, Leid und in letzter Konsequenz für den Tod. Gespiegelt wird diese alles um sie herum mit Pein infizierende Aufopferung zweier Menschen natürlich auch in der windgepeitschten, von dicken Nebelschwaden umflorten Moorlandschaft, die Kameramann Linus Sandgren gleichermaßen sinnlich wie gespenstisch in Szene setzt. Es ist ein Ort, an dem man einander entdecken und erforschen kann – aber weit mehr noch ein Raum, in dem man sich verliert.
Man kann anhand dieser wuchtigen, kontrastreichen 35-Millimeter-Aufnahmen, die die Tiefe der Leinwand ausloten und die ausstattungswütigen Details von Kostümen und Kulissen noch haptischer wirken lassen, nur dankbar sein, dass sich Fennell gegen ein größeres Budget vom Streaminggigant Netflix entschieden hat. So darf der Film auf der großen Leinwand all seine traumwandlerische Kraft entfesseln – vor allem, wenn sich dazu der sphärisch-verzerrte Sound von Popstar Charli xcx unter das Geschehen mischt.
Emerald Fennell stellt sich mit „Wuthering Heights – Sturmhöhe“ ganz in die Tradition des vor Emotionen und theatralischen Gesten überschäumenden Melodrams, um die gesamte Bandbreite romantischer Ausformungen in all ihren Abstufungen auszuleuchten: Wenn Heathcliff mit seinen Händen einen Schirm über Cathys Stirn bildet, um sie vor dem prasselnden Regen zu schützen, wirkt das im klassischsten Sinne zutiefst romantisch. Sobald allerdings deutlich wird, dass die beiden sich nur noch auf andere Menschen einlassen, um einander mit maximaler Bösartigkeit zu verletzen, offenbart die dargebotene Niedertracht in „Wuthering Heights“ zugleich zwingend, warum der Stoff seinen Ruf als Mutter aller toxischen Beziehungen mehr als verdient.
Man fiebert und leidet über die gesamten fast 140 Minuten Laufzeit mit – eben weil Emerald Fennell ohne jede falsche Zurückhaltung darauf fokussiert ist, das gegenseitige Verzehren dieser beiden Figuren entwaffnend pompös, sinnlich und elektrisierend zu inszenieren. Cathy und Heathcliff sind in ihrem Begehren so überlebensgroß, dass sie alles um sich herum regelrecht verschlingen: Das gilt nicht nur für Cathys Schlafzimmer, deren Wände ihrer Haut nachempfunden sind, mit Adern, Härchen und Muttermalen. Auch die gut besetzten Nebenfiguren (u.a. Hong Chau, Shazad Latif, Alison Oliver) werden verschluckt und dienen letztlich als ausgebeutete Ausläufe der amourösen Zerstörungskraft, die von den beiden Protagonisten ausgeht.
Wer den eingangs erwähnten Trailer gesehen hat und nun in der Hoffnung ein Kinoticket für „Wuthering Heights“ löst, polarisierende Sex- und Fetischszenen zu erleben, wird durchaus enttäuscht. Zwar gibt es Momente, in denen eine Hinrichtung für orgiastische Enthemmung sorgt, in denen Margot Robbie sich zwischen dem wilden Geröll von Wuthering Heights selbst befriedigt oder einen Finger langsam in das Maul eines in Aspik eingelegten Fisches schiebt – ein Akt, der unweigerlich die Erinnerung an Heathcliff mit einer klaren erotischen Komponente verknüpft.
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Diese Szenen machen letztlich jedoch nur einen Bruchteil der 140-minütigen Laufzeit aus – und stehen konsequent im Dienst des Begehrens, von dem Emerald Fennell unentwegt erzählt. Symptomatisch dafür ist auch die bereits viel beschriebene Szene, in der einer Magd ein Pferdegeschirr umgelegt wird, bevor sie von einem Knecht genommen wird. Keine Sekunde wird hier darauf gesetzt, einen dem BDSM entlehnten Schockeffekt zu provozieren. Vielmehr nutzt Fennell den Moment, um eines der intensivsten, nachhaltigsten Bilder des Films zu schaffen: Cathy, die das anrüchige Treiben beobachtet, wird die Sicht von Heathcliff genommen – Augen und Mund verschlossen –, sodass nur noch das scharfe Atmen aus ihrer Nase hörbar bleibt.
Fazit: Auf Social Media könnte „Wuthering Heights – Sturmhöhe“ allein durch das Mitwirken von Charli xcx und Jacob Elordi ähnliche Wellen schlagen wie „Saltburn“. Wer hier aber auch bemühte Tabubrüche erwartet, wird enttäuscht: Emerald Fennell zeichnet hier für ein formalästhetisch wuchtiges, stark gespieltes und von großen Emotionen regelrecht überschäumendes Melodrama verantwortlich, das nicht zuletzt die Kraft des Kinos beschwört.