Gentle Monster
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Gentle Monster

Dahin, wo's wehtut

Von Christoph Petersen

Der Tiefschlag wartet im Fahrstuhl. „Sie müssen in die zweite Etage“, hat der Pförtner des Münchner Reviers ihr gesagt. Kurz zuvor wurde ihr österreichischer Mann Philip (Laurence Rupp) von der Kriminalpolizei zum Verhör mitgenommen. Aber jetzt steht da plötzlich „Kinderpornografie / Jugendpornografie“ neben dem Etagenknopf. Für die französische Pianistin Lucy (Léa Seydoux) bricht die Welt zusammen. Mit ihrem neunjährigen Sohn Johnny (Malo Blanchet) fährt sie erst mal zu ihrer Mutter (Catherine Deneuve). Und dann fangen die Zweifel an: Ist nicht vielleicht doch alles nur ein Missverständnis? Wäre ihre große Liebe überhaupt zu so etwas fähig? Und wenn ja, was für Videos hat er sich angesehen? Hat er womöglich auch Johnny etwas angetan?

Die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer („Was hat uns bloß so ruiniert“) lässt Ambivalenzen zu, die angesichts der Thematik für das Publikum nur schwer auszuhalten sind. Doch gerade darum geht es ja. Der Filmtitel bezieht sich zwar auf sein Online-Pseudonym, aber abgesehen davon ist „Gentle Monster“ kaum an Philip interessiert – nicht einmal daran, ihn zu verdammen. Stattdessen geht es allein um die Perspektive von Lucy. Dass sie sich anfangs noch an ihr bisheriges Leben klammert, ist nachvollziehbar, selbst wenn es ein Teil der Zuschauerschaft sicherlich mit ihrer Mutter halten wird: „Du musst kotzen gehen – und dann seinen Namen nie wieder in den Mund nehmen.“

Eine absolute Meisterleistung: Léa Seydoux wurde schon direkt nach der Weltpremiere in Cannes für eine mögliche Oscarnominierung ins Spiel gebracht. Alamode Film
Eine absolute Meisterleistung: Léa Seydoux wurde schon direkt nach der Weltpremiere in Cannes für eine mögliche Oscarnominierung ins Spiel gebracht.

Aber das ist leichter gesagt als getan, das weiß Kreutzer auch aus eigener Erfahrung. Schließlich hat auch sie dazu geneigt, dem Hauptdarsteller ihres vorherigen Films „Corsage“ zu glauben, als er ihr gegenüber die in den Medien hochkochenden Vorwürfe dementierte. Am Ende hat sich Florian Teichtmeister dann aber doch des Besitzes von mehr als 76.000 Dateien mit kinder- und jugendpornografischen Inhalten für schuldig bekannt. Und für Lucy ist die Situation natürlich noch viel krasser: Nicht nur geht es um ihre engste Bezugsperson, sie hat auch sonst niemanden, mit dem sie darüber sprechen könnte. Ihre Informationen sind noch viel zu vage, um endgültige Schlüsse zu ziehen – und sie will Philip weder im Freundes- noch im Familienkreis vorverurteilen. So bleibt allein die ermittelnde Kommissarin Elsa (Jella Haase) als Ansprechpartnerin. Aber die sieht es eigentlich nicht als ihren Job an, sich „um die Probleme der Frauen“ zu kümmern.

Alles bleibt also im Limbo, denn die Auswertung der beschlagnahmten Festplatten kann Monate dauern. Aktive Missbrauchsvorgänge haben Vorrang. Und die Ausreden klingen so verlockend: „Ich habe nur für eine TV-Dokumentation recherchiert.“ In ihrem Film der „Der Boden unter den Füßen“ hat Kreutzer von einer Unternehmensberaterin am Rande des Nervenzusammenbruchs erzählt – und das psychologische Drama zusätzlich mit Elementen des Paranoia-Thriller-Genres aufgeladen. Eine Qualität, die sie nun auch in „Gentle Monster“ ausspielt. Der Film ist wahnsinnig straff erzählt und erreicht so noch mal eine ganz andere Intensität. Da kommt dann die grandiose Tour-de-Force-Performance von Léa Seydoux („Dune: Part 2“) sogar noch obendrauf.

Die Nicht-Gefühle der Popstars

„Gentle Monster“ lässt sich zunächst auffällig viel Zeit, die Namen der Beteiligten und dann irgendwann den Titel einzublenden. In dieser Zeit sehen wir das Alltagsleben in dem neuen Haus auf dem Land, in das die Familie nach Philips Burnout gerade erst gezogen ist. Dabei fällt als allererstes das Sprachengewirr auf: Zwischen Deutsch, Österreichisch, Englisch und Französisch wird oft sogar innerhalb einzelner Sätze mehrfach gewechselt – derart authentisch hat man die Dialoge in einem mehrsprachigen Haushalt womöglich noch nie erlebt. Und dann kommt auch noch die Musik als weitere Sprache hinzu: Lucy ist zwar wie ihre Mutter ausgebildete klassische Pianistin, inzwischen aber vor allem dafür berühmt, ikonische Popsongs mit mehreren Instrumenten auf der Bühne zu dekonstruieren. Auf die Frage einer Journalistin, warum sie dafür ausschließlich Lieder männlicher Interpreten auswählt, hat sie eine klare Antwort: „Männer können oft nicht über ihre Gefühle sprechen – deshalb befrage ich sie auf diese Weise danach.“

Dass der Film ausgerechnet mit einer Zerlegung des Songs „Would I Lie To You“ von Charles & Eddie beginnt, mag man in diesem Zusammenhang als überdeutlich empfinden. Aber es funktioniert als erste Vorausdeutung für das zentrale Thema ganz hervorragend. Etwas anders verhält es sich bei der parallel erzählten Geschichte der Kommissarin: Während sie bei der Arbeit versucht, sexuelle Übergriffe zu verhindern, wird sie im Elternhaus mit einem dementen Arschloch-Vater (Sylvester Groth) konfrontiert, der ständig seine osteuropäische Pflegekraft beleidigt und begrapscht. Doch statt auch die Pflegerin zu schützen, bietet Elsa ihr mehr Geld an, um die Übergriffe weiter auszuhalten. Eine zugegeben provokante Spiegelung, die die Fragestellungen um Lucy aber eher verwässert als bereichert. Auf diesen Teil möchte man aber dennoch nicht verzichten, allein weil Jella Haase („Chantal im Märchenland“) als weiblichen Gangsterinnen-Rap hörende Kommissarin so großartig ist.

Fazit: Schwer auszuhalten, aber es lohnt sich.

Wie haben „Gentle Monster“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film seine Weltpremiere als Teil des offiziellen Wettbewerbs gefeiert hat.

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