Auf den Spuren von "A.I. – Künstliche Intelligenz"
Von Björn BecherEiner der größten Humanisten des Kinos macht einen Film über KI – kann das gut gehen? Natürlich! Das Meisterwerk „A.I. – Künstliche Intelligenz“ ist der Beweis. Doch funktioniert das auch ein weiteres Mal? „Sheep In The Box“ vom mehrfach preisgekrönten japanischen Autorenfilmer Hirokazu Kore-eda (herzzerreißend: „Nobody Knows“) weist zahlreiche Parallelen zum modernen Sci-Fi-Klassiker von Steven Spielberg auf. Gerade Kore-eda, der es wie kaum ein anderer versteht, aus kleinen, beiläufigen Momenten eine enorme emotionale Kraft zu entwickeln, hätte man einen ähnlichen Coup zugetraut.
Doch sein mäanderndes Sci-Fi-Drama lässt immer wieder den nötigen Fokus vermissen. Kore-eda führt zwar zahlreiche interessante Ideen ein, doch nur mit wenigen davon sagt er etwas Neues. Dennoch ist sein von starken Schauspielleistungen und tollen Bildern getragenes Werk mitunter faszinierend. Vor allem in jenen Momenten, in denen der Filmemacher das Erzählen gänzlich aufgibt und uns einfach schlafwandlerisch durch eine Welt gleiten lässt, in der künstliche Lebewesen von ihrer eigenen Utopie träumen.
NEON
In der nicht so fernen Zukunft: Zwei Jahre ist es her, dass die Architektin Otone (Haruka Ayase) und ihr Mann Kensuke (Daigo) ihren Sohn verloren haben. Was genau passiert ist, bleibt unklar. Ein Zug spielte dabei aber eine Rolle und die etwaige eigene Schuld am Unglück ist noch nicht aufgearbeitet. Da trifft die aufdringliche Werbung der Firma REbirth einen wunden Punkt: In Otone wächst der Wunsch, sich einen androiden Ersatz für ihr totes Kind anzuschaffen. Kensuke ist zunächst skeptisch, trotzdem willigt er schließlich in die vom Unternehmen angebotene Testphase ein.
So kommt ein Junge ins Haus, der aussieht wie ihr sieben Jahre alter Sohn Kakeru (Rimu Kuwaki) zum Zeitpunkt seines Todes. Ein paar Einschränkungen gibt es allerdings: Er darf nicht ins Wasser und nichts essen und wenn er sich zu weit von seinen Eltern entfernt, schaltet ein Chip ihn automatisch ab. Während Otone anfangs alles versucht, den Roboter wie ihren leiblichen Sohn zu behandeln, bleibt Kensuke auf Distanz. Er vergleicht das neue „Familienmitglied“ mit einem Tamagotchi oder einem Staubsaugerroboter. Doch nach und nach ändert sich die Beziehung beider „Eltern“ zu ihrem „Sohn“. Allerdings macht auch der kleine Kakeru neue Erfahrungen ...
Mit „Sheep In The Box“ entführt uns Hirokazu Kore-eda zwar in eine futuristische Welt, die sich aber kaum von unserer unterscheidet. Immerhin erfolgt die Postzustellung inzwischen ausschließlich per Lieferdrohne und es gibt humanoide Kinderroboter, die sich immer weiter verbreiten. Rund 3.000 sollen in Japan bereits im Einsatz sein. Dass diese Prämisse schnell und beiläufig eingeführt wird, sollte nicht verwundern. Denn natürlich geht es Kore-eda weniger um die Technik als um die Menschen. Wie schon in vielen seiner früheren Filme widmet er sich der Frage, was eine Familie eigentlich ausmacht.
In „Shoplifters – Familienbande“ wurde diese Frage noch ebenso überraschend wie berührend beantwortet. In „Sheep In The Box“ ist jedoch ausgerechnet dieser Aspekt der am wenigsten spannende. Ob biologische Verwandtschaft wichtig ist, wird zwar auch kurz noch zusätzlich anhand von Otones Schwester (Nana Seino), die eines ihrer Kinder adoptiert hat, verhandelt – dann aber recht schnell beantwortet. Auch im Kern reizvollere Diskussionen wie die Frage, ob Liebe an Echtheit gebunden ist, gehen eher unter.
NEON
Kore-eda scheint sich nicht so wirklich entscheiden zu können, worauf er eigentlich hinauswill. Die Trauerverarbeitung der Familie gerät immer wieder in den Hintergrund, weil stattdessen neue Ideen eingeführt werden. Einmal scheint sich „Sheep In The Box“ sogar in Richtung Thriller zu entwickeln: Im Hintergrund ist immer wieder von mysteriösen Entführungen zu hören. Und als Kensuke glaubt, der Roboter könne Erinnerungen seines verstorbenen Sohnes gespeichert haben, will er das nutzen, um herauszufinden, ob hinter dem Tod womöglich kein tragischer Unfall, sondern ein Verbrechen steckt.
Dass „Sheep In The Box“ trotzdem nicht langweilig wird, ist unter anderem dem starken Cast zu verdanken. Vor allem Haruka Ayase („Ichi - Die blinde Schwertkämpferin“) trägt viele Szenen mit einer stillen Verzweiflung, die oft mehr sagt als die Dialoge. Zugleich beweist Kore-eda nach „Die Unschuld“, „Like Father, Like Son“ und so vielen weiteren Filmen einmal mehr, wie außergewöhnlich gut er mit Kindern arbeitet. Schauspieldebütant Rimu Kuwaki spielt den künstlichen Kakeru mit einer faszinierenden Mischung aus mechanischer Fremdheit und kindlicher Verletzlichkeit. Vor allem im Zusammenspiel mit Komiker Daigo ergibt das ein paar berührende Momente.
Richtig faszinierend wird „Sheep In The Box“, wenn sich aus dem Hintergrund nach und nach ein komplett neuer Handlungsstrang herausschält. Kakeru trifft nämlich bald auf weitere Kinderandroiden, die – oft vernachlässigt von ihren Besitzer*innen – den Aufbau eines eigenen Lebens und einer eigenen Familie planen. Sogar ein paar echte Kinder sind Teil dieser bunten Truppe, die aus einer Kinderfabel wie „Peter Pan“ stammen könnte. Gerade dieser Teil gehört mit einigen traumartig-entrückten Bildern zu den gelungensten und schönsten Passagen.
Auch wenn diese Momente das Treiben vom eigentlichen emotionalen Kern entfernen, entstehen dank der großartigen Musik von Yuta Bandoh („Kaiju No. 8“) hier Szenen, die ein berührend-melancholisches Zukunftsmärchen andeuten. Vielleicht wäre das sogar die bessere Geschichte gewesen. So ist „Sheep In The Box“ paradoxerweise oft dann am besten, wenn Kore-eda das klassische Erzählen beinahe ganz aufgibt und die Kamera einfach eine merkwürdige andere Welt zeigt. In solchen Momenten erinnert das Sci-Fi-Drama uns dann auch noch mal daran, warum Kore-eda zu den feinfühligsten Regisseuren unserer Zeit gehört, selbst wenn „Sheep In The Box“ nicht zu seinen stärksten Filmen zählt.
Fazit: „Sheep In The Box“ macht zwar viel zu wenig aus seiner interessanten Idee, aber großartige Einzelszenen, starke Schauspielleistungen und einige poetische Bilder machen das Sci-Fi-Drama doch zumindest sehenswert.
Wie haben „Sheep In The Box“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film seine Weltpremiere als Teil des offiziellen Wettbewerbs gefeiert hat.