Colony
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Colony

Diese Zombies lernen aus ihren Fehlern

Von Björn Becher

Mit „Train To Busan“ bewies der südkoreanische Filmemacher Sang-Ho Yeon, dass selbst der Zombiefilm noch weiterentwickelt werden kann. Er variierte in seinem globalen Superhit, der allein im Kino mehr als das Zehnfache seines Budgets eingespielt hat, gekonnt bekannte Genreversatzstücke und unterstrich zugleich, dass in Extremsituationen oft der Mensch das wahre Monster ist. Vor allem aber präsentierte er Untote, die sich mit rasender Geschwindigkeit fortbewegen konnten und in der Masse regelrecht zu einer unaufhaltsamen Lawine wurden. Im Animations-Prequel „Seoul Station“ sowie dem Action-Sequel „Peninsula“ baute der Regisseur sein Franchise zwar aus, ließ aber vergleichbare Innovationen vermissen. Das soll sich jetzt ändern.

Genau zehn Jahre nach dem größten Erfolg seiner Karriere kehrt Sang-Ho Yeon, der zwischenzeitlich auch die Netflix-Serie „Hellbound“ verantwortet hat, zum Zombie-Mythos zurück – und er hat wieder einen frischen Ansatz im Gepäck: Während die ganze Welt über Künstliche Intelligenz diskutiert, gibt er der Untoten-Plage in „Colony“ eine kollektive Intelligenz – und macht sie dadurch besonders gefährlich. Zudem treibt er wie schon bei „Train To Busan“ wieder die Fortbewegungsmöglichkeiten der hier als Terrorwaffe eingesetzten Infizierten auf die Spitze. Das Ergebnis ist packende Horror-Action, der man als Genrefan allerdings sehr holzschnittartige Figuren und eine doch recht vorhersehbare Story verzeihen muss.

Der Sicherheitsbeamte Choi Hyun-seok (Ji Chang-wook) gehört zu den wenigen, die die erste Zombie-Welle im Hochhaus überlebt haben. Plaion Pictures
Der Sicherheitsbeamte Choi Hyun-seok (Ji Chang-wook) gehört zu den wenigen, die die erste Zombie-Welle im Hochhaus überlebt haben.

Auf Bitten ihres Ex-Manns Han Gyu-seong (Go Soo), der ihr noch einen Job verschaffen will, bevor er selbst in die USA auswandert, besucht die Biotechnologieprofessorin Kwon Se-jeong (Gianna Jun) die Konferenz eines Pharmakonzerns – und landet damit mitten in einem Terroranschlag. Der wahnsinnige Wissenschaftler Dr. Suh Young-chul (Koo Kyo-hwan) bringt ein Virus in Umlauf, das Infizierte zu Zombies werden lässt. Der Polizei gelingt es gerade noch, den gesamten Komplex abzuriegeln und damit den Ausbruch auf das eine – dummerweise ziemlich gewaltige – Gebäude zu begrenzen.

Während draußen Han Gyu-seongs zweite Frau Gong Seol-hee (Shin Hyun-been) mit ihrem Team aus Biotechnologen nach einer Lösung sucht, ist drinnen eine kleine Gruppe von Überlebenden um Professorin Kwon auf sich allein gestellt. Doch eine Hoffnung gibt es. Auch Verursacher Suh, der mit dem Ausbruch eine neue Menschheit schaffen will, muss sich noch im Gebäude aufhalten – und könnte selbst das Gegenmittel sein. Wenn sie ihn finden und zu einem der Ausgänge schaffen, wird ein Rettungsteam dort eingreifen. Das scheint angesichts der Bedrohung, die mit ihrer kollektiven Intelligenz in ihrer Gesamtheit deutlich gefährlicher ist als jeder Untote für sich, zwar ein Selbstmordkommando zu sein – doch es ist ihre einzige Chance ...

Auf ihre Rückkehr mussten wir zehn Jahre warten!

Nach einem nur kurzen Vorgeplänkel bahnt sich das Virus seinen Weg durch die dutzenden Stockwerke. Schnell wimmelt es von nach Blut gierenden Untoten in dem riesigen Hochhauskomplex, der im unteren Teil – „Dawn Of The Dead“ lässt grüßen – ein Kaufhaus beheimatet. Die kleine Gruppe von Überlebenden, mit der wir mitfiebern sollen, besteht allerdings aus den genreüblichen Abziehbildern wie dem arroganten Geschäftsmann oder einer gehänselten Schülerin und ihren Peiniger*innen, bei denen nur die Frage ist, in welcher Reihenfolge sie sterben. Dass sie einem trotzdem nicht völlig egal sind, ist vor allem das Verdienst von Gianna Jun („My Sassy Girl“), die sich 2016 als eine der besten und bekanntesten koreanischen Schauspielerinnen plötzlich von der Leinwand verabschiedete. Nach einem Jahrzehnt mit nur ein paar TV- und Streamingrollen gibt sie als kämpferische Heldin ein fulminantes Kino-Comeback.

In Erinnerung bleibt sonst eigentlich nur Ji Chang-wook („Fabricated City“) als Kaufhaus-Sicherheitskraft, die vor allem ihre im Rollstuhl sitzende Schwester (Kim Shin-rok) beschützen will. Nach einem Twist bekommt der von ihm gespielte Charakter nämlich als eine der wenigen Figuren eine Entwicklung und wird zum Berserker, der sich im „John Wick“-Modus in einem langen Flurkampf durch die Gegnerhorden schnetzelt. Die angesprochene Wendung ist einer der wenigen clevereren Momente in einem Skript, das seine Überraschungen sonst meist überdeutlich früh ankündigt. Schließlich lockt uns Regisseur Sang-Ho Yeon hier kurz auf die falsche Fährte, dass sich die Figuren einfach nur saudumm verhalten, um uns dann zu offenbaren, dass Menschen oft auch ohne Virus zu Monstern werden.

Dr. Suh Young-chul (Koo Kyo-hwan) herrscht über seinen Untoten-Schwarm. Plaion Pictures
Dr. Suh Young-chul (Koo Kyo-hwan) herrscht über seinen Untoten-Schwarm.

Viel mehr als für seine menschlichen Figuren interessiert sich der südkoreanische Filmemacher aber ohnehin für seine Zombies – und diese sind dann auch das unbestrittene Highlight von „Colony“. Die Untoten haben nämlich einen gemeinsamen Verstand. Lernt ein Infizierter etwas, verfügt kurz darauf auch das gesamte Kollektiv über dieses Wissen. So können die Zombies zunächst noch nicht einmal Schaufensterpuppen aus Styropor von realen Menschen aus Fleisch und Blut unterscheiden. Doch das bleibt nicht lange so – und damit hört der Intelligenzzuwachs noch längst nicht auf. Die Überlebenden müssen also immer neue Wege finden, um sich an Untoten vorbeizuschleichen. Auch ihre Bewegungen entwickelt sich weiter. Wo sie zunächst wie Raubtiere auf allen vieren krabbeln, können sie bald aufrecht sprinten, um dann sogar mehrere Körper zu einem zu verschmelzen.

Schon bei „Train To Busan“ ließ sich Sang-Ho Yeon von verschiedenen Tanzstilen inspirieren, um seine Zombies sich auf ebenso unheimliche wie unnatürliche Weise verrenken zu lassen. Diesen schon damals visuell so frischen wie verstörenden Ansatz erweitern der Filmemacher und sein Choreograf Jeon Yung nun sogar noch. Auch dank des herausragend schaurigen Soundeinsatzes ist es absolut furchteinflößend, wie die Untoten immer wieder ihre Knochen brechen und neu zusammensetzen – oder ihre Kiefer beim Zubeißen mahlen. Unterstützt wird das von einer großartigen Make-up-Arbeit, die es möglich macht, dass hier echte Körperakrobaten am Werk sind und man nicht auf CGI-Effekte zurückgreifen muss – was besonders im Kontrast zu einer Szene mit infizierten Affen, die natürlich animiert wurden, deutlich wird.

Fazit: Mit „Colony“ liefert „Train To Busan“-Mastermind Sang-Ho Yeon einen weiteren sehenswerten Beitrag zum Zombiegenre. Die menschlichen Figuren bleiben zwar eindimensionale Klischees und die Story verläuft recht vorhersehbar, doch die zugrundeliegende Monsteridee und vor allem die verstörend-choreografierte Körperlichkeit der Untoten sorgen für packenden Action-Horror.

Wir haben „Colony“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo er als Mitternachtsfilm seine Weltpremiere gefeiert hat.

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