Staatsschutz
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Staatsschutz

Zwischen Selbstjustiz und Staatskunde

Von Michael Meyns

Mit dem Ende der rechtsextremen NSU begann die – schleppende – Aufklärung ihrer Morde, wurden Fragen nach möglichem Versagen der Behörden laut, nicht nur, aber besonders bei Deutschen mit Migrationshintergrund. Auf dem rechten Auge blind seien die Behörden, hieß es oft – daraus resultierte eine verständliche Wut, die schnell auch in künstlerischen Formen Spuren hinterließ: Im Bereich des Films war es etwa Fatih AkinsAus dem Nichts“, der engagiert, aber auch einseitig vom Behördenversagen erzählte.

Einige Jahre später hat nun Faraz Shariat mit „Staatsschutz“ einen ganz ähnlichen Film gedreht, der von einer jungen Staatsanwältin deutsch-asiatischer Herkunft erzählt, die Opfer eines rechtsextremen Anschlags wird – und angesichts des Schweigens auch ihrer eigenen Behörde die Dinge bald selbst in die Hand nimmt. Was vielfältige Fragen darüber aufwirft, welches Handeln angesichts akuter Gefahr gerechtfertigt erscheint. Aber auch darüber, welche künstlerischen Mittel trotz hehrer moralischer Ansprüche akzeptabel sind und welche fragwürdig.

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Irgendwo in Deutschland arbeitet Seyo Kim (Chen Emilie Yan) seit kurzem als Staatsanwältin. Sie glaubt an den Rechtsstaat, spricht sich in Fällen gegen Rechtsextreme mal für einen Freispruch aus, mal für eine Gefängnisstrafe, je nach Beweislage. Trotz dieser neutralen Haltung hat sie sich Feinde gemacht und wird eines Tages beim Weg zur Arbeit vom Fahrrad gedrängt und mit einem Molotowcocktail beworfen.

Die äußerlichen Verletzungen verheilen schnell, aber die inneren schwelen – denn ihre eigene Behörde nimmt die Ermittlungen nur sehr langsam auf, zumindest in den Aguen Seyos. Für sie steht der Täter schnell fest: ein stadtbekannter Rechtsextremist, der offenbar auch nicht zum ersten Mal Deutsche mit Migrationshintergrund bzw. Asylbewerber angegriffen hat. Seyo ermittelt auf eigene Faust, verschafft sich Zugang zu den Archiven des Gerichts und stößt in den Akten auf zahlreiche Fälle, in denen die Ermittlung bei offenbar von Rechts verübten Taten sehr schnell eingestellt wurden.

Seyo Kim taucht immer tiefer in ein Netz aus rechten Strukturen, behördlichen Versäumnissen und möglichen Vertuschungen ein – und bringt damit ihr eigenes Leben in Gefahr. PLAION PICTURES
Seyo Kim taucht immer tiefer in ein Netz aus rechten Strukturen, behördlichen Versäumnissen und möglichen Vertuschungen ein – und bringt damit ihr eigenes Leben in Gefahr.

Vor einigen Jahren machte der iranischstämmige deutsche Regisseur Faraz Shariat mit seinem semiautobiografischen Debütfilm „Futur Drei“ auf sich aufmerksam, einem Film, der eine Perspektive auf die deutsche Realität warf, die im deutschen Kino immer noch viel zu oft außen vor bleibt. Damals schrieb Shariat noch am Drehbuch mit. Für seinen zweiten Film „Staatschutz“ verfilmt er nun ein fremdes Skript, doch man muss leider davon ausgehen, dass er mit manchen Aspekten der Geschichte nur allzu gut vertraut ist.

Verfasst haben das Drehbuch Claudia Schäfer, die sich schon öfter mit migrantischen Perspektiven beschäftigt hat, etwa in ihren Büchern zu „Ellbogen“ oder „Naomis Reise“, sowie Sun-Ju Choi und Jee-Un Kim. Die beiden Frauen koreanischer Herkunft engagieren sich abseits ihrer Autorinnen-Arbeit in zahlreichen Initiativen gegen Rassismus, so etwa bei „korientation“, nach Eigenbeschreibung „eine (post)migrantische Selbstorganisation und ein Netzwerk für Asiatisch-Deutsche Perspektiven.“

Engagiert – aber auch gelungen?

All das voranzustellen scheint nicht ganz unwichtig, denn „Staatsschutz“ ist ein dezidiert aktivistischer Film, der seine agitatorischen Intentionen in keinem Moment verhehlt. Was auch bedeutet: Dies ist ein Film vollkommen frei von Ambivalenz oder Zwischentönen – ein Film, der das Handeln seiner Hauptfigur zwar an ein, zwei Stellen eher pro forma in Frage stellt, am Ende aber gar keine Zweifel daran lässt, dass Seyo das Recht auf ihrer Seite hat. Vielleicht nicht unbedingt das staatliche Recht, aber doch ganz unbedingt das moralische.

Und ja, wenn man in den letzten Jahren die Nachrichten von Anschlägen gegen Migranten oder Deutsche mit Migrationshintergrund gelesen hat, von schleppenden oder verschleppten Ermittlungen und rassistischen Chatgruppen innerhalb der Polizei, wenn man weiß, was bei Hanau oder dem Namen Oury Jalloh gemeint ist – dann muss man zu dem Schluss kommen, dass im deutschen Rechtssystem manches im Argen liegt.

In Seyo Kim hat sich aus guten Gründen jede Menge Wut angestaut. PLAION PICTURES
In Seyo Kim hat sich aus guten Gründen jede Menge Wut angestaut.

Auch als weißer Deutscher, der nie Probleme mit Polizei oder Rechtsstaat hatte, ist die Wut über diese Strukturen nachvollziehbar. Allerdings ist Wut für ein künstlerisches Werk nicht unbedingt der beste Berater. Im Bemühen, die Missstände des Systems anzuprangern, verfallen Shariat und die Drehbuchautorinnen auf allzu schematische Darstellungen. So zeichnen sie das Bild einer fiktiven Stadt, in der eine Mordserie von NSU-Ausmaßen offenbar unter den Tisch gekehrt wird und in Bäckereien wie Amtsstuben offener Rassismus herrscht. Sogar die Verhaftung und Folter einer Staatsanwältin durch Polizisten bleibt hier ohne Konsequenzen. Ähnlich wie im Mittelteil von Fatih Akins „Aus dem Nichts“ läuft zudem das zentrale Gerichtsverfahren ein wenig so ab, wie man sich das nach zu vielen Gerichtsserien im TV vorstellt.

Was am Ende ein etwas seltsames Verhältnis zum Rechtssystem verrät: Eigentlich glaubt die Hauptfigur an das Recht, versucht auch immer wieder, mit den Mitteln des Rechtsstaates und der von Julia Jentsch gespielten linken Anwältin Alexandra Tiedemann gegen rechte Missstände anzukämpfen. Doch wann immer es ihr beliebt, wann immer es ihrer Sache dient, bricht sie Regeln und Gesetz und kommt damit natürlich durch – schließlich dient es der implizit guten Sache.

Leider zu wenig "Dirty Harry"

Fast wie eine junge, weibliche Dirty Harry-Variante kurvt Seyo in einem fetten Sportwagen durch die Landschaft, beschattet rechte Schläger und stellt sich gegen ein System, das ihr nicht gerecht wird. Das kann man so machen, das würde vielleicht sogar funktionieren und überzeugen – wenn man sich trauen würde, richtig exzessiv zu werden, von einer Figur zu erzählen, die ganz bewusst aus dem System aussteigt und zu einer überlebensgroßen Rächerfigur wird. Einen Hang zur Selbstjustiz in Einklang mit einem grundsätzlichen Glauben an die Funktionsfähigkeit des deutschen Rechtssystems in Einklang zu bringen, ist dagegen ein deutlich schwierigerer Ansatz, an dem Faraz Shariats „Staatsschutz“ letztlich scheitert.

Fazit: Auch wenn man grundsätzlich mit der Aussage von Faraz Shariats „Staatsschutz“ übereinstimmt, dass das deutsche Rechtssystem, der Staat, die Polizei bisweilen auf dem rechten Auge blind sind: Zu einem überzeugenden Spielfilm reicht eine moralisch einwandfreie Haltung nicht aus – denn die führt hier zu einem am Ende allzu schlichten, agitatorischen Film ohne Ambivalenzen.

Wir haben „Staatsschutz“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Sektion Panorama seine Weltpremiere gefeiert hat.

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