Das Beste kommt nach dem Twist
Von Jochen Werner„Honey Bunch“ beginnt – wie jüngst auch „Companion“, mit dem der Film des kanadischen Regisseur*innen-Duos Madeleine Sims-Fewer und Dusty Mancinelli („Violation“) auch sonst ein paar Gemeinsamkeiten hat – mit einem Paar in einem Auto. Nicht in ein Ferienhaus zum Urlaubswochenende unter Freunden jedoch führt hier der Weg, sondern in eine abgelegene Klinik für Traumapatienten, denn Diana (Grace Glowicki) leidet infolge eines Unfalls an Amnesie und anderen, vermeintlich schockbedingten Funktionsstörungen des Gehirns.
Was denn geschehen würde, wenn die Folgen des Unfalls irreversibel seien, fragt Diana sich und ihren hingebungsvollen Ehemann Homer (Ben Petrie). Und überhaupt, wie wird es werden im Alter, wenn sie hässlich und krank und pflegebedürftig sei? Homers Versicherung, er würde sich unter allen Umständen um sie kümmern, und seine Liebe sei nicht an Dianas Jugend, Schönheit, Gesundheit, oder schlicht an die verliebte Leidenschaft des Moments gebunden, kann sie nicht glauben.
Cat People
Es sind Dialoge, die vermeintlich beiläufig in den Film eingestreut sind, die aber später überraschend wirkmächtg wieder aufgegriffen werden. Zunächst einmal aber täuscht „Honey Bunch“ etwas an, worin er dann am Ende genau nicht aufgehen wird. Denn mit der Ankunft in der psychotherapeutischen Klinik, die mit durchaus suspekten experimentellen Methoden arbeitet und in der in allen Räumen ominöse Gemälde einer unter mysteriösen Umständen verstorbenen Arztfrau hängen, scheint alles zunächst einmal in die Richtung eines klassischen Geisterfilms zu laufen.
Diana erlebt nächtliche Halluzinationen, die außer ihr niemand zu sehen scheint – aber handelt es sich um die Geheimnisse des Ortes? Oder doch um Flashbacks ihres eigenen Gedächtnisses, das, wie es anfangs einmal heißt, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung und aktueller Wahrnehmung nicht mehr trennscharf zu unterscheiden versteht? Und wohin genau verschwindet Homer, wenn sie des Nachts allein aufwacht?
Es ist schon einmal sehr lobenswert, dass Fewer-Sims und Mancinelli bei der Inszenierung dieser Halluzinationen nicht in die allzu abgegriffene Jumpscare-Mottenkiste greifen. Creepy sind diese Augenblicke durchaus, prononciert auch durch ein effektiv unheimliches Sounddesign – aber eben gerade nicht auf die ganz schlichte Weise, die nur kurz erschreckt statt nachhaltiger verunsichert.
Im Grunde ist es noch nicht einmal wirklich hundertprozentig klar, ob wir uns vor den Gestalten, die Diana in ihren Visionen erscheinen, überhaupt fürchten sollen – oder ob auch Diana selbst es überhaupt müsste? Denn auch die scheint gar nicht unbedingt in Angst und Schrecken versetzt von den geisterhaften Erscheinungen. Eher folgt man ihr bei einem verzweifelten Ringen darum, die Scherben ihrer zersplitterten Erinnerung zu einem verstehbaren Ganzen zusammenzusetzen.
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Natürlich muss es in einer Erzählung wie dieser einen zentralen Twist geben – eine große Enthüllung, die alles zuvor Gezeigte in einen Kontext setzt und das zentrale Geheimnis des Films offenlegt. Und fast nie gelingt es einem Film, dass dieser Twist dann nicht auch einen Hauch von Enttäuschung mit sich bringt. Denn der wahre Horror entsteht am Ende immer noch im eigenen Kopf, und lässt sich selten so richtig klar auf einen Punkt bringen – am schrecklichsten ist stets das Gefühl, dass prinzipiell alles nur irgend vorstellbar (oder auch: unvorstellbar) Furchtbare geschehen könnte, das zwangsläufig immer in dem Moment schrumpft, in dem sich eine Erzählung auf ein konkretes Furchtbares festlegt, das es dann auserzählt.
Somit kommt es gerade im twistlastigen Horror- und Thrillerkino gar nicht immer so sehr auf den Twist selbst an, sondern darauf, was der jeweilige Film damit oder auch danach anstellt. Und genau an diesem Punkt stellt sich heraus, dass „Honey Bunch“ nicht nur ein solider, sondern ein richtig guter und sogar ein origineller Film ist. Denn der Twist selbst ist für sich genommen zwar auch komplett in Ordnung und jedenfalls nicht gar so erwartbar, wie man zwischendurch vielleicht befürchtet. Aber wie er im Film funktioniert und was er auslöst, ist dann tatsächlich bemerkenswert, denn das, was nach einem durchaus geduldigen Aufbau schließlich enthüllt wird, zwingt Diana, sich dazu zu verhalten – und schließlich, auf einigermaßen abgründige und doch merkwürdig berührende Weise, eine Entscheidung zu treffen…
In diesem Finale und dem folgenden Epilog findet „Honey Bunch“ dann ganz zu sich, und während man sich über weite Strecken nicht ganz sicher war, wie viel Substanz dieser atmosphärisch durchaus stilsichere Retro-Horrorfilm am Ende tatsächlich aufweisen würde, erweist sich hier alles als durchdachtes, klug konstruiertes Spiel mit Genrekonventionen und Erwartungshaltungen. Nicht auf die platte, postmodern durchironisierte Art, die einen bloß auf dem Glatteis im Kreis führen will, sondern auf eine seltsam emotionale, aufrichtige Art, die hier tatsächlich einmal in die Abgründe einer Paarbeziehung vorstößt.
Fazit: Über weite Strecken wirkt der Retro-Horrorfilm des Regisseur*innen-Duos Fewer-Sims/Mancinelli wie eine vielleicht etwas allzu konventionelle Genre-Stilübung, irgendwo zwischen klassischer Geistergeschichte und „Gaslight“-Psychothriller. Aber weit gefehlt, denn „Honey Bunch“ hat nicht nur einen Plot-Twist jenseits des ganz Absehbaren zu bieten, sondern versteht vor allem, aus diesem Twist heraus etwas ganz Eigenwilliges, Abgründiges und sogar Berührendes zu entwickeln. Spätestens im Schlussdrittel entpuppt er sich als klug konstruierter und gut erzählter Film, der aus bekannten Genremotiven etwas Neues und Eigenes herausholt.
Wir haben „Honey Buch“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo er als Berlinale Special gezeigt wurde.