The Birthday Party
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
The Birthday Party

Schon spannend, aber wo bleiben die Überraschungen?

Von Michael Meyns

Nur Idealist*innen glauben, dass es ausschließlich auf die Qualität ankommt, um in den Wettbewerb eines großen Festivals eingeladen zu werden. Manche Filme werden des Proporzes wegen eingeladen, andere, weil deren Regisseur*innen schon immer dabei waren – und wieder andere, weil man die heimische Filmindustrie protegieren möchte. Letzteres dürfte ein Grund gewesen sein, warum „The Birthday Party“ im Wettbewerb von Cannes gezeigt wurde.

Denn der dritte Film von Léa Mysius, deren erste beiden Filme in Nebensektionen des Festivals liefen, ist ihr zugleich konventionellster und auch schwächster – ein geradliniger Home-Invasion-Thriller mit oft hanebüchenem Drehbuch. Auf der Habenseite stehen französische Schauspielstars wie Hafsia Herzi oder Benoît Magimel in den Hauptrollen – und eine oft rasante, spannungstreibende Inszenierung, die zumindest phasenweise die gravierenden Schwächen vergessen lässt.

Thomas (Bastien Bouillon), Nora (Hafsia Herzi) und Tochter Ida (Tawba El Gharchi) müssen in dieser Nacht besonders dicht beieinanderstehen.  Le Pacte
Thomas (Bastien Bouillon), Nora (Hafsia Herzi) und Tochter Ida (Tawba El Gharchi) müssen in dieser Nacht besonders dicht beieinanderstehen.

So ganz scheinen sie nicht zusammenzupassen: Der Landwirt Thomas (Bastien Bouillon), der früh aufsteht, um die Kühe zu melken, und seine Frau Nora (Hafsia Herzi), die bei einem Beratungsunternehmen das Geld verdient, das ihr Mann bei Prostituierten ausgibt. Ihre Tochter Ida (Tawba El Gharchi) ist oft bei der Nachbarin Cristina (Monica Bellucci), einer Künstlerin, die sich eine Scheune zum Atelier umbauen ließ.

Die abgelegene Idylle wird an Noras Geburtstag zerstört. Thomas hat eine Überraschungsparty geplant. Aber mit diesen Gästen hat auch er nicht gerechnet: Flo (Paul Hamy) und Bègue (Alane Delhaye) stehen plötzlich vor der Tür, agieren bedrohlich und zwingen alle dazu, mit ihnen auf ihren kürzlich aus dem Gefängnis entlassenen Bruder Franck (Benoît Magimel) zu warten. Der ist offenbar auf Rache aus. Aber an wem und wofür?

Die Abgründe bleiben unergründet

Mit ihren ersten beiden Regiearbeiten, dem ungewöhnlichen Coming-of-Age-Abenteuer „Ava“ sowie dem vertrackten Fantasy-Drama „The Five Devils“, etablierte sich Léa Mysius als Expertin für originelle Genrevariationen mit feministischem Touch. Mit „The Birthday Party“ adaptiert die auch sehr erfolgreich als Drehbuchautorin beschäftigte Filmemacherin erstmals einen fremden Stoff, nämlich den Bestseller „Histoires De La Nuit – Geschichten der Nacht“. Dessen Autor Laurent Mauvignier erhielt u. a. den Pric Goncourt, den renommiertesten Literaturpreis Frankreichs. Der steht normalerweise für höchste Ambitionen – und weniger für spannende Thrillergeschichten. Andeutungsweise sind dann auch die Subtexte zu spüren, die es in der Romanvorlage gab. Zumindest in einigen Momenten scheint sich „The Birthday Party“ in düstere gesellschaftliche Abgründe zu stürzen, wenn sich langsam offenbart, weshalb Franck und seine Brüder wirklich in diese scheinbar heile Welt der Familie eingedrungen sind.

Eine der Figuren trägt ein dunkles Geheimnis mit sich herum (wir bleiben hier extra so vage, um die ohnehin kaum vorhandenen überraschenden Entwicklungen der Handlung nicht zu spoilern). Sie war einst nicht einfach in kriminelle Handlungen, sondern in abstoßende, widerwärtige Machenschaften verwickelt. Doch das ist schnell vergessen – es bleibt ein Moment, der so rasch wieder vorbei ist, dass es fast zynisch wirkt, wie Mysius ihn als bloßen Plotpoint nutzt. Das ist besonders deshalb schade, weil die „Emilia Perez“-Autorin als Regisseurin wirklich inszenieren kann – mit präzisen Bildern und einer markanten Licht-Schatten-Dramaturgie beschwört sie eine bedrohliche Stimmung herauf. Sie erzeugt Spannung und inszeniert zum Ende hin auch ein, zwei irritierend-extreme Gewaltspitzen.

Benoît Magimel spielt Funny Games

Auch der Cast überzeugt, allen voran Benoît Magimel, der sichtlich Spaß hat als lässig-sadistischer Antagonist. Mit seinen seltsamen Brüdern – der eine wirkt wie ein französischer Tom Hardy, der andere leicht neben der Spur, als wäre er aus einem Film von Bruno Dumont herübergestolpert – dringt er ins Heim der Familie ein und zerstört dort schnell alle Gewissheiten. Als Genrefilm funktioniert das leidlich gut, auch wenn man einige ziemlich absurde Handlungsmomente schlucken muss und nach dem Abspann nicht allzu intensiv darüber nachdenken sollte. Nur schade, dass sich Léa Mysius diesmal mit derart wenig begnügt hat und nicht den Pfad weitergegangen ist, den sie mit ihren ersten beiden, so besonderen Filmen eingeschlagen hat.

Fazit: Mit ihrem dritten Film „The Birthday Party“ liefert Léa Mysius einen ziemlich konventionellen Genrefilm, der die bekannten Muster eines Home-Invasion-Thrillers nur minimal variiert. Stilistisch und schauspielerisch ist das zwar überzeugend, aber doch weit von der erzählerischen Originalität ihrer ersten beiden Filme entfernt.

Wir haben „The Birthday Party“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.

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