Zwischen Beats, Bergen und 19 Schafen
Von Ulf LepelmeierEin pinkes Schaf, das zwischen all seinen weißen Artgenoss*innen nicht nur sofort ins Auge springt, sondern zugleich als Sinnbild für jugendlichen Aufbruch und eine gewisse rebellische Verspieltheit steht: Ein treffenderes Motiv für das Poster von „DJ Ahmet“ hätte man wohl kaum finden können. In einer konservativ geprägten, ländlichen Gegend Nordmazedoniens wächst der 15-jährige Titelheld auf, dessen unerschütterliche Musikbegeisterung selbst den widrigen Umständen trotzt.
Regisseur Georgi M. Unkovski stellt einen grundsympathischen Protagonisten ins Zentrum seines Filmdebüts, das mit Leichtigkeit und Humor ausgestattet ist, dabei aber die harte Lebensrealität nicht ausblendet. Mit jugendlicher Unbefangenheit erzählt der beim Sundance Festival mit dem Publikumspreis ausgezeichnete Film eine universelle Coming-of-Age-Geschichte, in der über das Minarett-Mikrophon auch schon mal das ganze Dorf versehentlich mit dem Windows-Startsound beschallt wird.
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Der 15-jährige Ahmet (Arif Jakup) lebt mit seinem jüngeren Bruder Naim (Agush Agushev) in einem abgelegenen nordmazedonischen Dorf. Seit dem Tod der Mutter ist die familiäre Situation angespannt: Der Vater (Aksel Mehmet) ist streng und verschlossen, Naim spricht kein einziges Wort mehr und das Geld wird immer knapper. So nimmt der Vater den musikbegeisterten Ahmet von der Schule, damit dieser sich um die 19 Schafe der Familie kümmern kann. Und dann verliebt sich der zur Hirtenarbeit verdonnerte Teenager auch noch Hals über Kopf in die selbstbewusste Nachbarin Aya (Dora Akan Zlatanova), die allerdings schon jemand anderem versprochen ist und bald vor den Traualtar treten soll.
Die beiden verbindet die Musik: Während Ahmet kurze Glücksmomente erlebt, wenn er zusammen mit Naim über Kopfhörer oder die kleinen Lautsprecher der Mutter Songs hört, lädt Aya TikTok-Tanzvideos hoch und plant, bei einem anstehenden Tanzwettbewerb im Dorf aufzutreten, selbst wenn dies der Familie ihres zukünftigen Ehemanns missfallen könnte…
Ahmet ist ein schlaksiger Lockenkopf, der sich gerade in Bezug auf Aja zunächst schüchtern zeigt, aber stets sehr entschlossen für seinen Bruder eintritt. Seine großen, wachen Augen sind voller Sensibilität und lassen immer wieder den funkelnden Optimismus eines Jungen aufblitzen, der sich trotz allem nach etwas Schönem im Leben sehnt. Die jugendliche Leichtigkeit und Freude, die Ahmet trotz der angespannten familiären Situation immer wieder mit breitem Lächeln zum Ausdruck bringt, weiß Arif Jakup in seiner Debütrolle überaus ansteckend herüberzubringen. Auch das Verhältnis zwischen ihm und dem stummen Naim ist – irgendwo zwischen Vorbild und Verbündetem – schön herausgearbeitet. Die Brüder verbindet ein unerschütterliches Band. Sie liefern sich, gerade nach dem Tod der Mutter, gegenseitig Halt, während der Vater nicht recht weiß, wie er mit seinen Söhnen umgehen soll.
Regisseur Unkovski entscheidet sich in seinem Debütfilm bewusst dafür, das Dorfleben in Nordmazedonien weder zu romantisieren noch zu dramatisieren. Die Trauer um die verstorbene Mutter lässt er als melancholischen Grundton beständig mitschwingen, ohne sie das Geschehen vollständig dominieren zu lassen. Dabei gehen die drei Hinterbliebenen sehr unterschiedlich mit ihrer Trauer um: Während der Vater jede Freude zu unterdrücken versucht, hält Ahmet die Erinnerung an seiner Mutter wach, während der jüngere Naim kein Wort mehr von sich gibt. Der Vater zerrt ihn deswegen sogar zu einem angeblichen Heiler, der die finanzielle Situation der Familie nur noch weiter verschärft. In einer der stärksten Szenen, die die familiäre Dynamik sanft ins Rutschen bringt, schleudert Ahmet seinem Vater entgegen, dass ihre Mutter zwar nicht mehr da sei, aber seine Söhne sehr wohl noch immer leben würden.
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Manche Elemente der Coming-of-Age-Erzählung wirken zwar sehr vertraut, aber durch seine spezifische kulturelle Perspektive und den besonderen Tonfall kann sich der Film trotzdem von ähnlich gelagerten Erzählungen abheben. Richtige DJ-Turntables zum Üben sind in Ahmets Welt zwar in weiter Ferne, doch Aya verpasst ihm trotzdem den titelgebenden Beinamen, als er bei ihrer Tanzperformance die Musik auflegt. Ihr erstes Zusammentreffen ist dann auch direkt mit pumpenden Balkan-Beats unterlegt und dazu in Zeitlupe inszeniert – ganz der übersteigerten Wahrnehmung Ahmets entsprechend, der einen entrückten Augenblick erlebt, als die zuvor in Deutschland aufgewachsene Aya in der charakteristisch-bunten Tracht der Yörük-Gemeinde plötzlich auf dem Feld erscheint.
Unkovski erlaubt sich einzelne dieser bewusst stilisierten Momente, die aus dem Rahmen fallen, aber nicht ins Kitschige kippen, sondern die Perspektive des Jugendlichen mitsamt seinem Gefühlschaos ernst nehmen. Während die Hauptfigur für den jugendlichen Charme zuständig ist, verleihen gerade die etwas überzeichneten Nebenfiguren dem Film seinen Witz, darunter die schnatternde Frauengruppe des Dorfs sowie die mit ihrer Sturheit für Running Gags sorgenden Schafe. Und natürlich der liebenswerte, aber überforderten Priester, der mit seinem Versuch, Technik und Tradition zu verbinden, immer wieder Slapstick-Momente produziert – inklusive der eingangs erwähnten Gastauftritte des ikonischen Windows-Sounds.
Fazit: „DJ Ahmet“ punktet mit einem enorm sympathischen Protagonisten sowie einem Humor, der zwar den Clash von Tradition und Moderne fein seziert, aber dabei die realen Probleme in dem abgelegenen Bergdorf dennoch ernst nimmt. Georgi M. Unkovski gelingt so ein warmherziger Coming-of-Age-Debütfilm, der vom Verlust und familiären Spannungen erzählt, zugleich aber auch den Blick auf das richtet, was das Leben aufhellt: Die jugendliche Lebensfreude, die der titelgebende Ahmet versprüht, ist wahrlich ansteckend.
Wir haben „DJ Ahmet“ beim Filmfest Sevilla gesehen.