Glennkill: Ein Schafskrimi
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Glennkill: Ein Schafskrimi

Ein echter Wohlfühl-Krimi

Von Stefan Geisler

Es ist selten, dass ich mich darüber freue, wenn ein Film der Presse vorab in der deutschen Synchronisation gezeigt wird. Im Falle der Bestseller-Verfilmung „Glennkill – Ein Schafskrimi“ gab es jedoch gleich zwei gute Gründe, dem Vorführungstermin entgegenzufiebern: Anke Engelke und Bastian Pastewka. Bereits seit „Die Wochenshow“ sind die beiden im Doppel ein Garant für gute Laune – und haben schon mehrfach bewiesen, dass sie gemeinsam eine wunderbare Chemie besitzen. Warum sollte diese Dynamik nicht auch hinter dem Mikrofon spürbar werden?

Tatsächlich sind die beiden auch als Stimmen der animierten Detektiv-Schafe ein Highlight und tragen entscheidend dazu bei, dass sich die Welt von „Glennkill – Ein Schafskrimi“ direkt angenehm vertraut anfühlt. Man schließt die ungewöhnlichen Woll-Ermittler sofort ins Herz – auch wenn die eigentliche Auflösung des Kriminalfalls doch sehr vorhersehbar ist. Viel überraschender ist da eher, dass ausgerechnet ein Film über detektivische Herdentiere mit einer überraschend politischen Note punkten kann.

Jeden Abend liest Schäfer George seinen Schafen einen Krimi vor. Sony Pictures
Jeden Abend liest Schäfer George seinen Schafen einen Krimi vor.

Der Schäfer George Hardy (Hugh Jackman) ist leidenschaftlicher Krimi-Liebhaber. Am liebsten verbringt er seine Zeit damit, seinen Schafen spannende Mordgeschichten vorzulesen. Dabei hat er keine Ahnung, dass die Tiere ihn nicht nur verstehen, sondern nach den Vorlesestunden eifrig über Täter, Motive und Hinweise diskutieren. Doch mit dem idyllischen Leben ist es schlagartig vorbei, als George eines Tages tot auf der Weide entdeckt wird. Die Schafe müssen schon bald einsehen, dass ihr geliebter Schäfer heimtückisch ums Leben gebracht wurde. Da der örtliche Polizist Tim Derry (Nicholas Braun) bislang kein ernsthaftes Verbrechen aufklären konnte, beschließt die Herde, selbst aktiv zu werden.

Unter der Führung der klugen Lily (Stimme im Original: Julia Louis-Dreyfus / deutsche Fassung: Anke Engelke) machen sich die Schafe an die Ermittlungen. Unterstützt wird die Wolldetektivin von dem sturen Einzelgänger-Widder Sebastian (Bryan Cranston / Douglas Welbat) und dem gemütlichen Mopple (Chris O’Dowd / Bastian Pastewka), bei dem es sich um das einzige Schaf handelt, das nicht auf Kommando unschöne Erinnerungen vergessen kann. Gemeinsam bringen sie nach und nach die Wahrheit ans Tageslicht.

Keine detailgetreue Umsetzung der Vorlage

„Glennkill: Ein Schafskrimi“ ist keine detailgetreue Umsetzung des Erfolgsromans von Leonie Swann, der sich nach der Veröffentlichung im Jahr 2005 zum Bestseller entwickelte. Dabei gibt es nicht nur gravierende inhaltliche Änderungen, sondern auch kleinere Anpassungen, die eher kosmetischer Natur sind. So hat der schwarze Widder Othello jetzt mit Sebastian einen deutlich weniger unverfänglichen Namen bekommen, und auch die Hauptfigur Lily hörte in der Vorlage noch auf den Namen Miss Maple – natürlich ein klarer Verweis an die patente Senioren-Ermittlerin, die von der legendären Kriminal-Schriftstellerin Agatha Christie erschaffen wurde.

Der größte Unterschied ist aber der Fall an sich, denn das Mysterium um den Mord des Schäfers wurde deutlich entschärft und simplifiziert. Statt düsteren Themen wie Depressionen oder Selbstmord gibt es nun einen familienfreundlichen Kriminalfall, bei dem es um einfache Motive und eine ganze Menge Schotter geht. Das lädt zwar zum Miträtseln ein, doch gerade genrekundige Zuschauer*innen dürften der Lösung schnell auf die Schliche kommen.

Lily und Mopple müssen gemeinsam den Mörder finden. Sony Pictures
Lily und Mopple müssen gemeinsam den Mörder finden.

Eine Sache ist trotz aller Änderungen aber geblieben: der Charme der Vorlage. Wer braucht schon knifflige Kopfnüsse à la „Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“, wenn man Woll-Ermittler haben kann? Und es macht einfach einen Heidenspaß, die Welt der Menschen aus der Sicht der vierbeinigen Spürnasen neu zu entdecken. In seinen besten Momenten erinnert das bunte Treiben dabei an die „Shaun das Schaf“-Serie der Aardman-Studios – auch wenn es nie ganz an den liebevollen Wahnwitz des anarchischen Stop-Motion-Knetvergnügens heranreicht. Dafür gibt es immer wieder philosophische Einschübe, die insbesondere das ältere Publikum abholen dürften. Wenn die unwissenden Vierbeiner beispielsweise ungehemmt naiv über Sinn und Zweck von Kirche und Gott diskutieren, eröffnet das einen frischen Blick auf verinnerlichte kulturelle Riten und Normen.

Leider verpasst „Glennkill – Ein Schafskrimi“ die Chance, irisches Dorfleben wirklich lebendig werden zu lassen. Während Kultfilme wie „Lang lebe Ned Devine!“ gerade davon leben, knorrige Typen vor die Kamera zu zerren und die besondere Atmosphäre der irischen Provinz einzufangen, fühlt sich die Ortschaft Denbrook stets wie eine Kulisse ohne echtes Leben an. Viele der Bewohner*innen des Städtchens wirken viel zu modern und hip für so ein verschlafenes Kaff – und den rauen Charme von dämmrigen Pubs und echten Land-Unikaten mit wettergegerbten Gesichtern sucht man vergebens.

Nicholas Braun ist als Polizist Tim ein echter Szenendieb. Sony Pictures
Nicholas Braun ist als Polizist Tim ein echter Szenendieb.

Natürlich kann „Glennkill – Ein Schafskrimi“ dennoch mit ein paar sympathischen Figuren punkten. Insbesondere der heillos überforderte Dorfpolizist Tim Derry (Nicholas Braun) erweist sich als echter Szenendieb. Immer wieder trifft dieser während seiner Ermittlungsarbeiten auf einzelne Mitglieder der Schafherde – denn diese versuchen, ihn teilweise sehr direkt auf die richtige Spur zu stoßen oder ihm erst einmal die Grundlagen der Ermittlungsarbeit zu vermitteln. Dass der Gesetzeshüter irgendwann eine regelrechte Paranoia vor den cleveren Tieren entwickelt, ist dabei absolut nachvollziehbar – schließlich scheinen diese ihm immer einen Schritt voraus zu sein.

Dennoch gibt es in dem vergnüglichen Treiben auch immer wieder Momente, die wirklich ans Herz gehen. Denn auch die Schafe sind nicht frei von Fehlern. Insbesondere die Geschichte des ausgestoßenen „Winterlamms“, das aufgrund seiner Geburt während der kalten Monate von den anderen Mitgliedern der Herde diskriminiert und ausgeschlossen wird, geht ans Herz und sorgt für einige der emotionalsten Momente des Films.

Ein Film wider das Vergessen

Zudem positioniert sich „Glennkill – Ein Schafskrimi“ auch sehr geschickt als Mahnung vor dem Vergessen. Die Schafe können hier nämlich sehr bewusst traumatische Ereignisse und unliebsame Erinnerungen auf Knopfdruck löschen – wovon die Herde auch reichlich Gebrauch macht. Und so ignorieren die Vierbeiner nicht nur alle unschönen Elemente der Realität, sondern verzerren auch bewusst ihr eigenes Weltbild. Welchen Wert auch negative Erinnerungen besitzen können – und welche hilfreichen Schlüsse aus diesen gezogen werden können –, muss Lily erst im Laufe des Films entdecken.

Natürlich ist diese Erkenntnis nicht nur auf einer persönlichen Ebene wichtig, sondern beinhaltet auch eine politische Note. Gerade in solch chaotischen Zeiten, in denen sich der Faschismus wieder verstärkt ausbreitet und demokratische Ordnungen bedroht werden, ist es unglaublich wichtig, sich an die Fehler der Vergangenheit zu erinnern. Wer hätte mit solchen Zwischentönen in einem sonst sehr beschwingten Kriminalfilm über ermittelnde Schafe gerechnet?

Fazit: „Glennkill – Ein Schafskrimi“ ist ein herzerwärmendes Whodunnit-Abenteuer für die ganze Familie. Auch wenn der eigentliche Fall nicht mit vergleichbaren Genre-Vertretern mithalten kann, ist es ein kurzweiliges Vergnügen, den flauschigen Vierbeinern bei der Ermittlungsarbeit zuzusehen. Dass in dieser launigen Detektivgeschichte auch noch Platz für eine politische Note ist, die zudem locker und organisch in die Geschichte eingebunden wurde, ist eine angenehme Überraschung.

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