Der wohl irrste Film des Jahres
Von Christoph PetersenSchon nach fünf Minuten haben Kater Tom und Maus Jerry bei einer ihrer Rangeleien versehentlich einen antiken Talisman aktiviert – und damit ein magisches Portal in eine chinesische Götterwelt geöffnet. Noch einmal fünf Minuten später kämpfen ein giftgrünes fliegendes Teufelchen und ein Laserstrahlen verschießendes Einhorn gegen einen mechanischen Drachen, der von einer durch Kindheitstraumata zum Bösewicht mutierten Mega-Ratte befehligt wird. Nach dem Zeichentrick-Abenteuer „Tom & Jerry: Der Film“ (1992) sowie dem Live-Action-Hybrid-Abstecher „Tom & Jerry“ (2021) ist der dritte Kinofilm der ikonischen Streithähne ganz sicher nicht das, was sich Fans der legendären Cartoons – die übrigens nur in Deutschland zu einer TV-Serie zusammengefügt wurden – erwartet hätten.
Nachdem es schon länger üblich ist, Hollywood-Produktionen aus Kostengründen in Fernost animieren zu lassen, stammt „Tom und Jerry: Der verlorene Kompass“ nun sogar vollständig aus China. Regisseur und Drehbuchautor Gang Zhang ist dabei offensichtlich selbst ein Fan des tierischen Duos: Gleich zu Beginn sehen wir, wie Tom bei einer Verfolgungsjagd durch die Saiten einer Harfe hindurchhetzt – und danach in Scheiben zu Boden sinkt. Das wirkt in 3D zwar noch mal eine Ecke verstörender als damals im handgezeichneten Vormittagsprogramm, trifft aber durchaus den anarchischen Ton der Vorlage. Trotzdem scheint sein hauptsächlicher Einfluss das chinesische Götter-Genre zu sein – und so erinnert „Der verlorene Kompass“ noch viel mehr an eine Günstig-Variante des Mythen-Megahits „Ne Zha 2“, der im vergangenen Jahr mit Einnahmen von mehr als zwei Milliarden Dollar zum erfolgreichsten Animationsfilm aller Zeiten avancierte.
Splendid Film
Hier trifft amerikanischer Stummfilm-Slapstick auf chinesischen Fantasy-Overkill, bis die beiden Titelhelden im endgültig überbordenden Finale eigentlich nicht viel mehr zu tun bekommen, als zwischen den inzwischen gebirgsgroßen Götter-Kontrahenten nicht zertrampelt zu werden. Aber selbst mit diesen zwei gegensätzlichen Einflüssen, bei denen nicht einmal versucht wird, auch außerhalb der Produktionsumstände zu erklären, warum sie jetzt zusammenpassen sollten, ist noch lange nicht Schluss: So will der Mega-Ratten-Antagonist nicht nur den göttlichen Kompass, um damit seinen Thanos-artigen Handschuh zu vervollständigen – sein mechanischer Schwanz erinnert auch sofort an „Spider-Man 2“-Bösewicht Doctor Octopus.
Ist es vielleicht eine verquere Art der Völkerverständigung, wenn hier die Popkulturen der zwei großen konkurrierenden Weltmächte einfach vollkommen wertfrei zusammengeworfen werden? Immerhin gibt es auch eine Anspielung auf das ikonische Disney-Schloss samt Feuerwerk im Hintergrund, obwohl die Rechte an Tom & Jerry doch inzwischen beim Konkurrenzstudio Warner Bros. liegen. Als würde das nicht reichen, ist mit einem Trojanischen Pferd in verführerischer Katzenform auch noch ein Schuss griechische Mythologie dabei – und während einer besonders hektischen Actionszene ertönt plötzlich der zumindest kurzzeitig entschleunigende Donauwalzer.
Splendid Film
„Tom und Jerry: Der verlorene Kompass“ ist vor allem deshalb nicht langweilig, weil das alles so vollkommen irre ist – und man sich ständig fragt, was die Verantwortlichen wohl noch alles in die interkulturelle Mixtur mit hineinschmeißen. Die Story selbst verliert sich hingegen schnell in einem ebenso hyperaktiven wie generischen Götter-Fantasy-Overkill – da sollte man dann doch lieber direkt zum Genre-Primus „Ne Zha“ greifen. Und während „Tom & Jerry“-Fans zumindest in den ersten 15 Minuten noch auf einige nette Anspielungen auf die klassischen Stummfilm-Scharmützel hoffen dürfen, verschwindet das Duo im weiteren Verlauf ohnehin immer weiter im Hintergrund.
Der Comedian Ryan George hat schon seit Jahren großen Erfolg auf YouTube mit seinem Format „Pitch Meeting“, in dem er auf möglichst bissige Art nachstellt, wie in den obersten Studio-Etagen immer wieder fragwürdige Business-Entscheidungen gefällt werden. Besonders beliebt sind etwa seine Episoden zu „Thor 4: Love & Thunder“, „She-Hulk“ oder „Black Adam“. Aber an einer Sketch-Version des Pitch-Meetings zu „Tom und Jerry: Der verlorene Kompass“ würde sich wohl selbst er die Zähne ausbeißen – manchmal ist der ganz reale Irrsinn einfach nicht mehr zu übertreffen.
Fazit: Wer selbst nach Jahrzehnten noch immer den Cartoon-Titelsong „Aber bitte mit Sahne“ von Udo Jürgens im Ohr hat, wird sich spätestens nach zehn Minuten verwundert fragen, ob er versehentlich im falschen Kinosaal gelandet ist. Aber gerade dieses völlig schamlose Popkultur-Potpourri, als hätte jemand wahllos Cheeseburger und Dumplings in einen Mixer geschmissen, ist tatsächlich das Interessanteste an „Tom und Jerry: Der verlorene Kompass“, der sich ansonsten doch ziemlich hinzieht.