Die Nachricht
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Die Nachricht

Die mit den Seelen der Tiere spricht

Von Christoph Petersen

Ja, es funktioniert auch bei einer Schildkröte, macht dann bitte 12.000 Pesos (etwa 10,80 Euro). Natürlich glaubt man da zunächst an einen Scam: Anika (Anika Bootz) ist mit ihren Pflegeeltern Myriam (Mara Bestelli) und Roger (Marcelo Subiotto) in einem zum Wohnmobil umgebauten Van unterwegs, um ihre Dienste anzubieten. Das junge Mädchen kann (vermeintlich) mit lebenden und toten Tieren kommunizieren, entweder im direkten Kontakt, an ihrem Grab oder mithilfe eines Fotos. Myriam entschlüsselt die mitunter kryptisch klingenden Nachrichten, während sich Roger um den geschäftlichen Teil kümmert. Aber am Ende des argentinischen Berlinale-Wettbewerbsbeitrags „Die Nachricht“ ist man (fast) geneigt, an Anikas besondere Fähigkeiten zu glauben.

In gestochenem Schwarz-Weiß präsentiert Regisseur Iván Fund („The Lips“) sein Roadmovie, das es nicht gerade besonders eilig zu haben scheint und vornehmlich mit trauriger Trompetenmusik unterlegt ist. Das lässt den wiederholten Einsatz des Pet-Shop-Boys-Klassikers „You Were Always On My Mind“ nur noch stärker herausstechen. Die Tierbesitzer*innen spielen dabei kaum eine Rolle, im Zentrum steht allein das Außenseiter*innen-Trio, das auf ihren Wegen stets um ein psychiatrisches Krankenhaus zu kreisen scheint, in dem Anika zwischendrin ihre leibliche Mutter besucht. Dass sie eine ganz ähnliche Gabe besitzt und womöglich genau daran zerbrochen ist, wäre zumindest eine naheliegende Interpretation.

Anika (Anika Bootz) posiert vor einem Tierfriedhof, wo sie gleich Kontakt mit einem verstorbenen Hund namens „Snoopy“ Kontakt aufnehmen soll. Iván Fund, Laura Mara Tablón, Gustavo Schiaffino / Rita Cine, Insomnia Films
Anika (Anika Bootz) posiert vor einem Tierfriedhof, wo sie gleich Kontakt mit einem verstorbenen Hund namens „Snoopy“ Kontakt aufnehmen soll.

Iván Fund nimmt sich viel Zeit für Alltagsbeobachtungen, vom umständlichen Duschen unterwegs bis zum provisorischen Abendbrot an einer Tankstelle. Der Verdacht, dass die Erwachsenen das Kind für ihre Zwecke ausnutzen, liegt nahe, wird aber nach und nach durch den liebevollen Umgang miteinander entkräftet. Man muss sich eben irgendwie durchschlagen, da steckt gar kein böser Gedanke dahinter, das Misstrauen weicht der Melancholie. Immer wieder scheint dabei ein feiner, trockener, zugleich aber auch berührender Humor durch, etwa wenn Anika auf einem für sich schon einigermaßen skurrilen Tierfriedhof ausgerechnet am Grab eines Hundes namens Snoopy tätig wird.

Ein wenig erinnert das an Federico Fellinis neorealistischen Klassiker „La Strada – Das Lied der Straße“, aber Iván Fund verzichtet darauf, seinen Protagonist*innen zusätzliche Steine in den Weg zu legen. Ihr Leben ist sicherlich nicht das Leichteste, aber es gibt im ganzen Film keinen einzigen „Rückschlag“, der ihr Situation noch verschlimmern würde. Keine aufgebrachten Kund*innen, keine (zusätzlichen) Geldsorgen. Es ist ein sanftes Umhertreiben ohne besondere Höhen und Tiefen, weshalb es nicht unfair wäre zu sagen, dass der Film über weite Strecken vor sich dahinplätschert.

Der Auftritt des Wombats gehört zu den absoluten Höhepunkten von „Die Nachricht“. Iván Fund, Laura Mara Tablón, Gustavo Schiaffino / Rita Cine, Insomnia Films
Der Auftritt des Wombats gehört zu den absoluten Höhepunkten von „Die Nachricht“.

Am Straßenrand gibt es immer wieder spektakuläre Landschaften oder kleine Eigenheiten, die einen trotz der mangelnden Dramatik bei der Stange halten. Vor allem aber gibt es die – meist sehr kurzen – Auftritte der Tiere. Wenn man anstelle von Hund oder Katze direkt mit einer Schildkröte einsteigt, ist das doch schon eine klare Ansage! Und tatsächlich: Als absoluter Höhepunkt schaut sogar ein gemütlich kauender Wombat vorbei – und als Anika einem ihrer „Kommunikations-Partner“ eine tiefe Einsamkeit attestiert, weil er seine Brüder vermisst, holt die junge Besitzerin ebenfalls ein Tier hervor, das man in ihrer Tragetasche nicht unbedingt erwartet hätte.

Fazit: In diesem Roadmovie ist der Weg das Ziel. Eine zutiefst melancholische Meditation in gestochen-schönem Schwarz-Weiß, bei der man sich über ein kaum von der Hand zu weisendes Auf-der-Stelle-Treten schon deshalb nicht allzu sehr aufregen mag, weil man zumindest immer gespannt bleibt, welche Tiere noch für einen Kurzauftritt (soooo süß!) vorbeischauen werden.

Wir haben „Die Nachricht“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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