Meet The Parents
Von Jochen Werner„Manchmal sehe ich die Dinge ganz gern etwas verschwommen“, sagt Donghwa (Ha Seong-Guk), der Protagonist aus „What Does That Nature Say To You“, einmal zu seinem Schwiegervater in spe. Eigentlich müsse er aufgrund seiner schlechten Augen die ganze Zeit eine Brille tragen, aber auch der nicht allzu scharfe Blick hat seine Reize. Eine Präferenz, in der ihm der Regisseur Hong Sang-soo („Die Schriftstellerin, ihr Film und ein glücklicher Zufall“) unumwunden zuzustimmen scheint, denn auch dessen neuer Film schwelgt geradezu in der defizitären Ästhetik niedrig aufgelöster Digitalvideos. Darin geht er zwar nicht gar so weit wie zuletzt bei „In Water“, der wohl radikalsten unter Hongs jüngsten Arbeiten, eine auf gerade einmal eine Stunde Laufzeit verknappte, schemenhafte Studie im Sich-Entziehen. Aber eine bewusste und durchdachte künstlerische Entscheidung ist die Wahl der Unschärfe auch hier allemal.
Im Gegensatz zum im Kern todtraurigen „In Water“ kommt „What Does That Nature Say To You“ allerdings in der Form der Komödie daher – so offen wie lange nicht mehr im ja ohnehin immer zwischen Komik, Melancholie und schneidender Schärfe changierenden Werk Hongs. Seine Protagonist*innen erscheinen bei ihm stets als Wiedergänger des immer gleichen Figurenensembles, und hier werden sie in eine Konstellation gesteckt, die beinahe an Hollywood-Komödien wie „Meine Braut, ihr Vater und ich“ erinnert: Donghwa – Mittdreißiger, talentloser Möchtegern-Dichter, und seinem reichen und erfolgreichen Vater zum Trotz quasi mittellos – lernt nach drei Jahren erstmals die Eltern und Schwester seiner Freundin Junhee (Kang So-Yi) kennen. Eigentlich wollte er sie nur heimfahren und kurz hallo sagen, doch Junhees Vater Oryeong (Kwon Hae-Hyo) nötigt ihn, den ganzen Tag im prachtvollen Haus zu verbringen.
Jeonwonsa Film Co.
Das Familienanwesen hatte der Vater einst auf einem kleinen Berg errichtet, und um das Haus herum einen Park angelegt – für seine krebskranke und inzwischen verstorbene Mutter, die dort einen schönen Lebensabend verbringen sollte. Ein guter Sohn sei er gewesen, so betont Junhee wiederholt – ein bisschen zu häufig, als dass nicht irgendetwas daran merkwürdig erscheinen müsste. Aber mit Wiederholungen stetig wiederkehrender Sentenzen arbeitet „What Does That Nature Say To You“ ohnehin noch ein Stück obsessiver, als es die Filme Hongs ohnehin immer wieder tun. Um Donghwas Auto – einen ziemlich alten, etwas klapprigen Gebrauchtwagen, der Junhees Familie wenig standesgemäß erscheint – geht es da immer wieder, genauso wie natürlich um das Geld seines erfolgreichen Vaters.
Er kann einem schon leid tun, dieser Donghwa, wie er da einen langen Tag lang böse Miene zum guten Spiel machen muss und angesichts der fortwährenden, passiv-aggressiven, mit höflichstem Lächeln vorgetragenen Spitzen seiner potenziellen Schwiegereltern nicht aus der Rolle fallen darf. Und ein bisschen freut man sich mit, wenn es dann am Ende doch alles aus ihm herausplatzt, ausgelöst natürlich – wie eigentlich jeder authentische emotionale Ausdruck bei Hong Sang-Soo – durch den Alkoholrausch. Soju gibt es hier allerdings nicht, dafür fließen das bereits im letztjährigen „A Traveller’s Needs“ in den Hong-Kosmos eingeführte koreanische Reisbier Makgeolli, Rotwein und ein brauner Schnaps, vermutlich Brandy oder Cognac, in rauhen Mengen – solange, bis alle Hemmungen fallen und die Wahrheit auf den gut gefüllten Esstisch kommt.
Der Weg dorthin ist oft zum Schreien komisch, und „What Does That Nature Say To You“ ist definitiv der lustigste Film, den der Vielfilmer seit „The Woman Who Ran“ gemacht hat. Und doch schreiben sich in ihm auch dunklere Themen ein, Gedanken an Krankheit und Sterblichkeit, an eine Endlichkeit, die seit einigen Filmen vermehrt im scheinbar ewig um dieselben Themen, Figuren und Gespräche kreisenden Kosmos von Hong auftauchen. Die todkranke Schauspielerin in „In Front Of Your Face“ (2021), der im Verschwimmen der Bilder angedeutete Verlust des Augenlichts in „In Water“, hier die an Lungenkrebs verstorbene Großmutter, die Junhees Eltern allein in einem zu großen Haus zurückließ: Gedanken an körperlichen Verfall und die eigene Sterblichkeit nehmen zuletzt spürbar mehr Raum ein in Hongs Filmen.
Altersmilde werden sie deshalb aber nicht unbedingt, ihr Blick auf ihre Protagonist*innen bleibt geschärft, aber nicht unbedingt erbarmungslos. Vielleicht ist das gerade der Grund, warum sich so viele Menschen beim Anschauen eines Hong-Films fühlen, als kämen sie nach Hause. Denn Pfeifen sind diese Hong-Protagonisten natürlich alle – von den materialistischen Eltern, die den Freund ihrer Tochter genüsslich lächelnd demütigen, über Junhee, die diesem nicht ein einziges Mal zur Seite springt, bis zu Donghwa selbst, dessen Gedichte schlecht und dessen Lebensplan zweifelhaft ist. So richtig geglückte Leben führen sie ja alle nicht, diese Künstlermänner bei Hong, aber schöne und etwas pathetische Sentenzen zur Kunst und dem Bohèmeleben führen sie allesamt im Mund.
Jeonwonsa Film Co.
Allesamt Pfeifen also, aber es sind unsere Pfeifen, in denen wir uns in unserer eigenen Pfeifenhaftigkeit wiedererkennen. Fürchterlich schlechte Entscheidungen treffen sie am laufenden Band, und auch, dass es mit Junhee und Donghwa nicht ewig gut gehen wird, liegt eigentlich auf der Hand. Aber gerade darin, dass all diese Figuren in ihrer ganzen Lächerlichkeit sichtbar werden, liegt auch eine gewisse Gnade. Denn Hong gelingt das Kunststück, sie in all ihrer Fehlbarkeit erkennbar werden zu lassen, ohne sie dadurch je völlig zu verwerfen. Stattdessen dürfen wir uns in ihnen widerspiegeln, mit unseren eigenen Fehlern und all den schlechten Entscheidungen, die wir getroffen haben und noch treffen werden. Als Pfeifen unter Pfeifen.
Das Wort „Weisheit“ taucht mehrmals auf in „What Does That Nature Say To You“, als etwas Wesentliches, das man benötige, um große Poesie zu erschaffen. Hongs Kosmos ist von Gestalten bevölkert, die weit von jener Weisheit entfernt sein mögen – aber für das Werk dieses bedeutenden Gegenwartsregisseurs passt dieses große Wort, ein bisschen absurderweise, vielleicht gar nicht so schlecht. In der Kinogeschichte ist es am Ende vielleicht am ehesten mit den Meisterwerken des großen Franzosen Éric Rohmer verwandt, denn auch dort sehen wir immer wieder Menschen zu, die irren, fehlen, nicht anders können, die am Ende mit leeren Händen dastehen und trotzdem immer wieder neu anfangen – und wieder dieselben Fehler machen. In dieser Hinsicht steht vielleicht trotzdem ein Satz der Altersmilde am Ende von „What Does That Nature Say To You“: Es ist alles eine Erfahrung. Und was immer auch geschieht, es ist okay.
Fazit: Der bereits 33. Film des großen südkoreanischen Regisseurs Hong Sang-Soo ist einer seiner lustigsten überhaupt – und insgesamt einer der besten der letzten Jahre im Werk des erklärten Vielfilmers. Denn obwohl er oftmals schreiend komisch ist, lässt „What Does That Nature Say To You“ auch Raum für traurigere Zwischentöne – und setzt ganz nebenher ein Nachdenken über die Sterblichkeit fort, das sich seit eigenen Filmen zunehmend in Hongs Werk einschreibt. Ein großer, lustiger, böser und doch seltsam tröstlicher Film.
Wir haben „What Does That Nature Say To You“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.