Living The Land
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Living The Land

Zeugnis einer untergegangenen Welt

Von Michael Meyns

Kaum ein Land hat sich in den letzten Jahrzehnten, vielleicht sogar in der Geschichte der Menschheit, so rasant entwickelt wie China. Gerade zu Beginn der 1990er Jahre nahm die Wirtschaftsleistung des bis vor kurzem bevölkerungsreichsten Staats des Planeten rasant an Fahrt auf, womit natürlich auch radikale Änderung für hunderte Millionen Menschen verbunden waren. Wenn nun der chinesische Regisseur Huo Meng in „Living The Land“ auf diese Zeit zurückblickt, mutet das wie ein Blick in eine untergegangene Epoche an. Auf oft dokumentarisch anmutende Weise schildert er das Leben der Landbevölkerung, beschreibt ihre Riten und Feste – und deutet mit kurzen Einbrüchen der Moderne bereits an, dass der Entwicklungsprozess nicht mehr aufzuhalten sein wird. Ob man das als nur positiv sieht oder es auch negative Konsequenzen geben könnte, bleibt dabei angenehm offen und der Interpretation des Publikums überlassen.

Frühjahr 1991, im Osten Chinas: Während seine Eltern in den Süden ziehen, um dort in Shenzhen, einer unmittelbar an der Grenze zu Hong Kong gelegen Metropole, Teil des chinesischen Wirtschaftswunders zu werden, wird der zehnjährige Chuang (Wang Shang) von der weitverzweigten Familie großgezogen. Diese lebt im ländlichen China zum Teil noch so wie vor Jahrhunderten. Strukturiert wird das Leben von der Landwirtschaft, für die Ernte gibt es Schulfrei, aber auch die Pflicht, mit Getreide die Schulgebühren zu bezahlen. Beerdigungen, Hochzeiten und andere Feste sind die einzigen Abwechslungen in einem Alltag, der weit weg von den Entwicklungen in den großen Städten wirkt. Doch auch dieses einfache Leben wird bald vom Fortschritt verdrängt worden sein…

Seine Tante ist für Chuang (Wang Shang) eine wichtige Stütze. Aber wenn sie heiratet, wird sie zu ihrem Ehemann in ein anderes Dorf ziehen müssen. Floating Light (Foshan) Film and Culture
Seine Tante ist für Chuang (Wang Shang) eine wichtige Stütze. Aber wenn sie heiratet, wird sie zu ihrem Ehemann in ein anderes Dorf ziehen müssen.

Bis zum Tod von Mao Zedong versuchte sich China an einer Planwirtschaft im sozialistischen Sinn, die zu teilweise katastrophalen Ergebnissen führte und Millionen Menschen an Hunger sterben ließ. Zwischen 1978 und 1989 führte Deng Xiaoping die Geschicke des Landes und machte erste Anstrengungen, China zu öffnen sowie an den internationalen Handel anzuschließen. Doch erst mit seinem Nachfolger Jiang Zemin, der 1989 Generalsekretär der Kommunistischen Partei wurde, begann der rasante wirtschaftliche Aufschwung, der China über Jahrzehnte Wachstumsraten von durchschnittlich mehr als neun Prozent bescherte und es zu der Weltmacht machte, die es heute ist.

Zu Beginn dieser Ära spielt nun „Living The Land“, der auf sehr vorsichtige Weise von den Folgen des Wandels erzählt. „Vorsichtig“ muss er deswegen ans Werk gehen, da China trotz aller wirtschaftlichen Freiheiten natürlich längst keine Demokratie ist. Kritik am Wesen des Staates sowie an den Entscheidungen der Regierenden sind daher nicht erwünscht. Wie schon andere Regisseur vor ihm, etwa Zhang Yimou in seinem Historien-Epos „Leben!“ oder Tian Zhuangzhuang in „Der blaue Drachen“, blickt auch Huo Meng deshalb in die Vergangenheit, um unterschwellig auch von der Gegenwart zu erzählen.

Der unaufhaltsame Fortschritt

Wie sehr man seinen Film jedoch als Allegorie über die auch problematischen Entwicklungen verstehen will, die China in den letzten Jahrzehnten zu einer wirtschaftlichen Macht haben werden lassen, bleibt offen. Wenn da immer wieder alte Onkel und Tanten von Chuang beerdigt werden, ließe sich leicht vermuten, dass mit ihnen auch die alten Wege, die jahrhundertealten Traditionen zu Grabe getragen werden. Und das, wodurch sie ersetzt werden, ist nicht unbedingt immer besser.

Auch wenn sich solche Interpretationen bisweilen aufdrängen, sollte man „Living The Land“ jedoch keinesfalls als nostalgischen Film verstehen. Viel zu nüchtern wirkt Huo Mengs Inszenierung, viel zu dokumentarisch sein Blick auf das Leben, die Riten und Traditionen der Landbevölkerung. Fantastische Gesichter hat er für seinen Film gefunden, vor allem ältere Menschen, die größtenteils nicht spielen, sondern das Darstellen, was sie vor Jahren einmal waren: einfache Bauern, Landbewohner*innen, vermutlich größtenteils Analphabet*innen.

Ein ganzes Leben an den Gesichtern erkennen

Im Abspann werden mehr als 700 Statisten namentlich erwähnt, auch ein Zeichen für die große Authentizität, die Huo Meng hier anstrebt. Vom Pflügen des Feldes über Beerdigungsrituale bis zur Essenszubereitung lässt sich hier bis ins Detail das Leben von Bauern in China Anfang der Neunzigerjahre nachvollziehen. Die Folgen des Konfliktes zwischen Tradition und Moderne werden dagegen nur unterschwellig angedeutet, etwa wenn es um die Umstellung des traditionellen Mondkalenders auf den modernen, im Westen üblichen Solarkalender geht.

Ein Datum wie zum Beispiel der 25. März liegt da schon mal Tage oder Wochen auseinander, was im Film einen verpassten Arzttermin nach sich zieht – und den Tod eines Menschen. Doch solche an sich dramatischen Momente werden in „Living The Land“ nur im Hintergrund mit erzählt. Sie fließen mit in diesem Fluss des Lebens, der Moderne, der alle Menschen mitreißt, ob sie wollen oder nicht.

Fazit: In seinem oft dokumentarisch anmutenden Film „Living The Land“ beschreibt der chinesische Regisseur Huo Meng das Leben der chinesischen Landbevölkerung Anfang der 1990er Jahre, zu Beginn jener wirtschaftlichen Entwicklung, die China bald zur Weltmacht werden ließ. Ohne nostalgisch zu werden, aber auch ohne ein abschließendes Werturteil, evoziert er eine untergegangene Welt, deren Riten und Traditionen vom unaufhaltsamen Fortschritt verdrängt wurden.

Wir haben „Living The Land“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo er in den offiziellen Wettbewerb eingeladen wurde.

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