Der große Twist kommt gleich am Anfang
Von Michael Bendix„Er/Sie ist eine 10/10, aber …“, beginnt ein populäres TikTok-Meme, bei dem eine scheinbar perfekte Person durch eine einzige irritierende Eigenschaft plötzlich in einem anderen Licht erscheint. Meist handelt es sich dabei um sogenannte „Icks“, also kleine, eigentlich banale Eigenheiten oder Verhaltensweisen, die urplötzlich und instinktiv ein Gefühl der Abneigung auslösen. Der norwegische Regisseur Kristoffer Borgli („Sick Of Myself“) treibt dieses Prinzip in „Das Drama – Nochmal auf Anfang“ in ein mögliches Extrem – und geht trotzdem nicht besonders weit damit. Dabei machten schon nach den ersten Screenings Meldungen über einen besonders verstörenden Twist die Runde, der auf keinen Fall im Vorfeld verraten werden sollte …
… und auch im Vorfeld der Pressevorführung, die ich besucht habe, wurde den anwesenden Journalist*innen noch einmal eingebläut, dass sie Spoiler doch bitte um jeden Preis vermeiden sollten. Nun handelt es sich aber gar nicht um einen Plot-Twist im engeren Sinne: Die große Enthüllung erfolgt nämlich bereits nach etwa 20 Minuten – und ist weniger eine Wendung, die das Geschehen neu sortiert, als vielmehr das eigentliche Fundament der Handlung. Über Kristoffer Borglis zweiten englischsprachigen Film nach dem Nicolas-Cage-Traum-Wahnsinn „Dream Scenario“ zu schreiben, ohne ins Detail zu gehen, ist vielleicht nicht unmöglich, aber mindestens eine ziemliche Herausforderung. Ich gebe natürlich trotzdem mein Bestes.
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So viel kann aber zumindest verraten werden: Eine Hochzeits-Komödie, wie von den vorab veröffentlichten Promo-Postern angetäuscht, ist „Das Drama“ sicherlich nicht – selbst wenn Borgli den Film als eine Art RomCom im Schnelldurchlauf beginnen lässt. Das Meet-Cute in einem hippen Coffeeshop lässt zumindest eine Ahnung zu, wie sich eine „richtige“ romantische Komödie mit Robert Pattinson und Zendaya – zwei der attraktivsten und charismatischsten Hollywood-Stars der jüngeren Generation – anfühlen könnte. Aber Borgli lädt die zumindest in der Theorie liebenswürdig unbeholfene Anbahnung zwischen dem Museumskurator Charlie Thompson (Pattinson) und der Buchhändlerin Emma Harwood (Zendaya) von Anfang an mit Unbehagen auf.
Zum einen arbeitet er mit Jumpcuts, Tonaussetzern und atonalen Klarinettenklängen, die sich so nervös zuckend bewegen wie der dauerangespannt agierende Pattinson. Zum anderen beginnt die Beziehung direkt mit einer ersten kleinen Übergriffigkeit beziehungsweise Lüge: Als Emma kurz auf der Toilette verschwindet, nutzt Charlie die Gelegenheit, um schnell das von ihr auf dem Tisch zurückgelassene Buch zu fotografieren – und ihr anschließend vorzugaukeln, er habe den Roman ebenfalls gerade erst verschlungen.
Die Flunkerei fliegt zwar schon während des ersten Dates auf, doch sie funktioniert – Charlie und Emma werden ein Paar. Ausgehend von Charlies Vorbereitungen auf seine Hochzeitsrede fächert „Das Drama“ in einer schnellen, zeitlich fragmentierten Montage die ersten beiden Beziehungsjahre auf: guter Sex, vertrautes Herumlümmeln, sich etablierende Insider-Jokes, Heiratspläne – Szenen einer harmonischen Partnerschaft. Damit hat es allerdings ein Ende, als sich Emma und Charlie gemeinsam mit dem befreundeten Paar Mike (Mamoudou Athie) und Rachel (Alana Haim) in einem Lokal treffen, um das Hochzeitsmenü zu planen.
Sie probieren verschiedene Gerichte aus, der Roséwein fließt in Strömen – und irgendwann schlägt Mike ein Spiel vor: Alle Anwesenden müssen verraten, was das Schlimmste war, das sie je getan haben. Rachel etwa eröffnet der Runde, dass sie ihren geistig beeinträchtigten Nachbarsjungen in einer Waldhütte in den Wandschrank gesperrt und ihn dort zurückgelassen habe. Doch erst Emmas Geschichte – die hier wie gesagt nicht verraten werden darf – bringt die Stimmung nachhaltig zum Kippen, weit über die Geschehnisse des alkoholgetränkten Abends hinaus.
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Denn für Charlie steht fortan nicht nur die gemeinsame Beziehung, sondern auch die geplante Ehe zur Disposition. Emmas Offenbarung wirft zahlreiche Fragen auf, über die – wie die Stars in Interviews immer wieder betont haben – möglichst auch nach dem Ende des Abspanns noch weiterdiskutiert werden soll: Wie gut kann man den Menschen, mit dem man sich ein Leben teilt, wirklich kennen? Welchen Stellenwert hat die Vergangenheit eines Menschen für die gemeinsame Gegenwart und Zukunft – und wo verläuft die Grenze des Tragbaren? Wiegt das moralische Gewicht einer geplanten Tat genauso schwer wie das einer tatsächlich begangenen?
Wie Pattinson von Szene zu Szene immer weiter über den Rand des Nervenzusammenbruchs hinausrutscht, ist großartig – ebenso wie Zendaya, die bewusst mit ihrer Star-Persona spielt. Sie ist eine ideale Sympathieträgerin, tritt charmant und gewinnend auf, zugleich kommt man ihr aber nie ganz auf die Schliche. Charlies wachsende Angst, er könnte im Begriff sein, eine Psychopathin zu heiraten, wäre der ideale Startpunkt für eine eskalationsfreudige Farce oder sogar einen waschechten Thriller. Doch wie schon bei „Dream Scenario“, in dem plötzlich die ganze Welt von Nicolas Cage zu träumen beginnt, hat Borgli zwar das richtige Ensemble und eine reizvolle Prämisse zur Hand – aus seinem großen Aufschlag macht er aber erstaunlich wenig.
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Das Plakat von Ingmar Bergmans „Passion“ an der Wand und Charlies Erwähnung von Louis Malles „Lacombe Lucien“ verraten nicht nur etwas über den bildungsbürgerlichen Background der Protagonist*innen, sondern verweisen auch auf eine bestimmte europäische Autorenfilmer-Tradition. „Das Drama“ ist vor diesem Hintergrund nicht zuletzt als gezielte Provokation für ein US-Mainstream-Publikum lesbar (oder was der Filmemacher sich darunter vorstellt), indem sich der Film die Strahlkraft seiner Stars und die kulturell stark codierte Oberfläche einer romantischen Komödie anverwandelt, um selbstgefällig-halbgare Spitzen auf spezifisch amerikanische Be- und Empfindlichkeiten auszuteilen. Das Personal wird dabei – bis auf ein paar parodistische Miniaturen über Hochzeitsrituale weitgehend humorfrei – von einer unangenehmen Situation in die nächste verfrachtet.
Der Cringe ist Borglis Grundmodus, Spaß soll das Ganze aber ganz explizit nicht machen – auch den finalen Meltdown, auf den der Film unweigerlich zusteuert, schneidet „Das Drama“ passend zur insgesamt eher freudlosen Inszenierung vorzeitig ab. Eine Eigendynamik entwickelt sich aus der Ausgangssituation bis dahin kaum, vielmehr konstruiert das Drehbuch fortlaufend künstliche Fallen und verweist auf seine eigenen Talking Points. Borgli hört das sicherlich nicht gerne, aber: Gerade mit Pattinson und Zendaya in den Hauptrollen hätte man die nur angetäuschte romantische Komödie – genau dieses Antäuschen hat „Das Drama“ übrigens mit der erst vor wenigen Monaten erschienenen Anti-RomCom „Was ist Liebe wert – Materialist“ gemein – eigentlich viel lieber gesehen. Schließlich ist das RomCom-Genre ohnehin viel zu tot, um sich derart ernsthaft noch immer daran abzuarbeiten.
Fazit: Interessante Prämisse (die nicht verraten werden darf), dazu zwei charismatische Stars – doch am Ende bleibt „Das Drama“ trotzdem ein eher unbefriedigendes Kinoerlebnis.