Les Misérables - Die Geschichte von Jean Valjean
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Les Misérables - Die Geschichte von Jean Valjean

Der schon oft verfilmte Jahrtausendroman mal ganz anders

Von Gaby Sikorski

Der 1862 erschienene Roman „Les Misérables“ von Victor Hugo gilt als eines der Hauptwerke der französischen Literatur. Die epische Erzählung verbindet vor einem realistischen historischen Hintergrund Sozialkritik, Action, Abenteuer und Romantik. Weltweit bekannt wurde der Stoff vor allem ab 1980 durch die von Claude-Michel Schönberg komponierte Musical-Version, von Fans liebevoll „Les Miz“ genannt. 2012 wurde das Musical wiederum fürs Kino adaptiert, grandios besetzt mit Hugh Jackman als Jean Valjean. Dabei herausgekommen sind acht Oscar-Nominierungen sowie drei Oscar-Siege – u. a. für Anne Hathaway als Beste Nebendarstellerin. Daneben existiert eine Unzahl weiterer Verfilmungen – die älteste von 1905. Nach Robert Hossein, Bille August, Tom Hooper und Claude Lelouch, um nur einige zu nennen, hat sich nun auch der „Birnenkuchen mit Lavendel“-Regisseur Éric Besnard an den Stoff gewagt – wenn auch auf ungewöhnliche Weise.

Aber das gleich vorweg: Das Experiment ist gelungen! Das ist zunächst einmal dem Drehbuch zu verdanken, in dem lediglich der erste und der zweite Teil des Romans verarbeitet werden. Dies bedeutet nicht nur, dass noch mit mindestens einer Fortsetzung zu rechnen ist, sondern auch, dass sich Besnard auf relativ wenige Aspekte der umfangreichen Erzählung beschränkt. Im Wesentlichen geht es um den tragischen und spannenden Werdegang von Jean Valjean (Grégory Gadebois) vom guten zum schlechten Menschen – und wieder zurück: Der arme, aber ehrliche Jean wird als junger Mann zum Dieb, weil er seiner Schwester und ihren hungernden Kindern helfen will. Er stiehlt ein Brot, wird erwischt und zu vier Jahren Zwangsarbeit in einem Steinbruch verurteilt. Dass er insgesamt 19 Jahre in Gefangenschaft verbringt, liegt daran, dass er immer wieder Fluchtversuche unternimmt, die zur Verlängerung der ohnehin schon drastischen Strafe führen.

Grégory Gadebois und Bernard Campan stacheln sich gegenseitig zu schauspielerischen Höchstleistungen an! Happy Entertainment
Grégory Gadebois und Bernard Campan stacheln sich gegenseitig zu schauspielerischen Höchstleistungen an!

Zu Beginn des Films ist Jean Valjean querfeldein unterwegs – endlich aus der Zwangsarbeit entlassen, aber gebrandmarkt als Ex-Häftling, so dass er weder Arbeit noch Bleibe findet. Die Gefangenschaft hat ihn beinahe gebrochen, er ist hartherzig bis zur Grausamkeit, aber nicht vollkommen abgestumpft, sondern erfüllt von Wut auf die Gesellschaft, die ihn verstoßen hat. Nur ein einziger Mensch ist freundlich zu ihm: Bienvenu (Bernard Campan), der in selbstgewählter Armut lebt. Der Geistliche, dessen Name bereits „Willkommen“ bedeutet, nimmt Jean Valjean auf und lädt ihn zum Essen ein. Seine selbstverständliche Freundlichkeit verwirrt den zutiefst misstrauischen Jean. Während Bienvenus Schwester Baptistine (Isabelle Carré) ihren Bruder unterstützt, würde die energische Haushälterin Magloire (Alexandra Lamy) den ungebetenen Gast am liebsten direkt wieder vor die Tür setzen …

Der Andorra-Effekt

„Ich bin, wie man’s von mir erwartet“, sagt Valjean. Dieses Verhalten ist auch als „Andorra-Effekt“ bekannt, nach dem Theaterstück „Andorra“ von Max Frisch, das mit dem Antisemitismus abrechnet: Ein Mann, den alle für einen Juden halten, verhält sich so, wie die mit Vorurteilen behafteten Menschen seiner Umgebung es von ihm erwarten – quasi eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Dabei geht es um die fatale Wirkung von Vorurteilen und letztlich um die Identität der Betroffenen – eine zeitlose Problematik mit durchaus aktuellen Bezügen, die auch in „Les Misérables“ thematisiert wird. Toleranz und Verständnis, einst Elemente der Aufklärung, sind in der postnapoleonischen französischen Gesellschaft längst vergessen. Anfang des 19. Jahrhunderts ist das Land vom neu erwachten Feudalismus geprägt und gleichzeitig vom wirtschaftlichen Niedergang infolge der Napoleonischen Kriege.

Armut und Hunger sind an der Tagesordnung. Die Ärmsten sind gezwungen, ihre Zähne und Haare zu verkaufen oder sich zu prostituieren, um zu überleben. Mit drakonischen Strafen werden schon kleinste Vergehen ebenso erfolglos wie brutal geahndet. Valjean wird zum Symbol für die Unterdrückung des Volkes durch die Herrschenden im restaurativ geprägten Früh-Kapitalismus – und damit auch für die Wut im Lande. Die meisten sind zu müde und zu erschöpft, um sich zu wehren. Doch Valjean hat noch Feuer in sich, er führt einen eigenen Kampf, indem er sich dafür entscheidet, ein guter Mensch zu werden, statt mit Gewalt auf Gewalt zu reagieren. Bienvenu wird zu seinem Vorbild: Der vierschrötige Valjean und der beinahe zarte Bienvenu verkörpern zwei verschiedene Menschentypen, die letztlich mit unterschiedlichen Mitteln dasselbe erreichen wollen: Gerechtigkeit für alle. Der eine glaubt an sich selbst, und der andere glaubt an Gott.

Jean Valjean (Grégory Gadebois) ringt damit, das Gute in den Menschen zu sehen. Happy Entertainment
Jean Valjean (Grégory Gadebois) ringt damit, das Gute in den Menschen zu sehen.

Éric Besnard fängt die Atmosphäre des 19. Jahrhunderts in düster-sanften Farben ein. Die Stimmung ist melancholisch, mit ganz leisen Hoffnungsschimmern. Dieser „Les Misérables“ ist eher ein wuchtiges Charakterdrama als eine epische Erzählung, denn hier steht die Entwicklung von Jean Valjean im Fokus. Wie schon in Besnards vorherigen Arbeiten „Louise und die Schule der Freiheit“ oder „À la carte – Freiheit geht durch den Magen“ gibt es eingestreute wunderschöne Landschaftsaufnahmen, die zusätzlich die Einsamkeit des Titelhelden betonen. Außerdem fällt sofort die Genauigkeit bei Kostümen und Requisiten auf. Die Ausstattung wirkt allerdings gelegentlich allzu glatt, was auch für die Rückblenden in Valjeans Vergangenheit gilt. Da werden zwar die Brutalität und der Sadismus des Wachpersonals im Steinbruch mehr als deutlich, aber die Häftlinge wirken dabei ziemlich sauber und gut genährt, was auch für Valjean gilt.

Grégory Gadebois spielt ihn mit einer unfassbaren Präsenz als zugleich beängstigenden und scheuen Kerl, der schon zu viel Furchtbares gesehen hat und dennoch den Blick nicht von den Ungerechtigkeiten um sich herum abwenden kann. Er versucht, Demut zu zeigen, doch das funktioniert nicht. Niemand nimmt ihm den gefügigen Bettler ab. Er ist innerlich verhärtet, aber seine Augen verraten, dass noch Leben und Widerstand in ihm sind. Gadebois zeigt das sehr ergreifend und mit einer scheinbar selbstverständlichen Leichtigkeit. Doch dahinter steckt höchste Schauspielkunst, was vor allem für den Entwicklungsprozess gilt, den Valjean durchlebt.

Gleich zwei grandiose Hauptdarsteller

Sein Gegenspieler und Partner ist Bernard Campan als Bischof Bienvenu – die beiden Männer agieren auf derselben Wellenlänge, aber mit unterschiedlichen Vorgaben: Campan ist kein säuseliger Pastor, so wie Gadebois nicht einfach ein abgestumpftes Riesenbaby ist. Vielmehr spielt Campan den Bischof als gar nicht mal so netten, eher kühlen Pragmatiker, der erkannt hat, dass man mit Freundlichkeit weiterkommt als mit Gemeinheit. Gerade in ihrem Zusammenspiel werden die beiden Charaktere im Laufe der Handlung immer sympathischer. Die Männer starten eine Art Wettstreit: Wer hat recht mit seinem Bild von der Menschheit? Am Ende gewinnt Bienvenu – Valjean ändert sich. Doch seine Suche nach innerer Ruhe geht weiter.

Fazit: Éric Besnard macht aus der epischen Vorlage ein konzentriertes Charakterdrama, das zwar mitunter etwas gefällig gerät, aber im selben Moment mit gleich zwei herausragenden Schauspielleistungen von Grégory Gadebois und Bernard Campan auftrumpft.

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