Auf der Suche nach dem ultimativen Feuerwerk
Von Janick NoltingVielleicht müssen die Piraten von heute gar nicht mehr auf Raubzüge gehen, um aus der Reihe zu tanzen und sich mit einem ganzen System anzulegen. Womöglich reicht vielleicht auch einfach ein rebellisches Symbol, wie in dieser japanisch-französischen Koproduktion: „A New Dawn“ ist ein Film, dessen Figuren sich mit der Endlichkeit der Dinge anfreunden müssen. Nur die Art und Weise, wie man diesen Abgang hinlegen will, das gilt es noch auszuhandeln. Der Anime erzählt eine Widerstandsgeschichte dreier Kindheitsfreunde, die nach ihrem Wiedersehen – im wahrsten Sinne des Wortes – an einem letzten großen Knall arbeiten, um sich von ihrer Vergangenheit zu verabschieden.
Die Handlung von „A New Dawn“ kreist um eine alte Feuerwerksfabrik, die am Rand einer Bucht und von Wäldern umgeben hoch in den Himmel ragt. Vor Jahren wurde das Familienunternehmen der Obinatas geschlossen, doch der junge Keitaro (Stimme: Riku Hagiware) will das Haus einfach nicht verlassen. Er verzweifelt beinahe am Vermächtnis seines verschwundenen Vaters. Als jetzt, nur noch wenige Stunden vor der Zwangsvollstreckung samt sofortigem Abriss, verbündet er sich mit zwei alten Bekannten, um ein ganz besonderes Zeichen in der Region zu setzen.
A NEW DAWN Film Partners
Die drei Hauptfiguren von „A New Dawn“ forschen und tüfteln an dem sogenannten Shuhari-Feuerwerk. Ein aufrührerisches Phänomen von kosmischen Ausmaßen verspricht man sich davon. Gekoppelt wird es an einen Piraten-Mythos, mit dem sich die drei Charaktere identifizieren. Aber welchen Zweck verfolgt man damit überhaupt noch? Man befindet sich hier an einem schier aussichtslosen Tiefpunkt. Schon am Beginn des Films strebt alles in dieser trostlosen Welt der Auflösung entgegen. Schließlich erzählt „A New Dawn“ vom Aufziehen eines Taifuns. Apokalyptische Stimmung liegt in der Luft.
Zugleich soll das Unwetter eine letzte Verschnaufpause bieten, um zur Rache zu schreiten und ein möglichst spektakuläres Bild zu kreieren, das, wie es für ein Feuerwerk nun einmal typisch ist, bereits wieder verglüht und verschwindet, da es gerade erst explodiert ist. Der Autor und Regisseur Yoshitoshi Shinomiya, der in der Vergangenheit unter anderem an dem Erfolgsfilm „Your Name.“ mitgearbeitet hat, vermengt dabei mehrere Themen und Motive. Da geht es um Konflikte mit den Behörden, um Landraub, Vertreibung, Zersiedelung, Naturschutz, Klimawandel, die Solarindustrie, kulturelle Feste und die Auseinandersetzung mit dem Erbe der eigenen (Wahl-)Familie.
Vor allem erzählt der Anime eine Coming-of-Age-Geschichte, die von einer Rückkehr an den Ort der Kindheit handelt, an dem plötzlich nichts mehr so ist wie früher. Erzählt wird das vor allem durch die Augen von Kaoru, die es eigentlich schon nach Tokio verschlagen hat, aber noch einmal in die alte Feuerwerksfabrik zu Keitaro zurückkehrt. Der Ort von damals hat sich in einen heimgesuchten Erinnerungsraum verwandelt und die animierten, oft entsättigt erscheinenden Wimmelbilder transportieren dieses Gefühl bestens. Wenn all der Krimskrams und Verfall die Leinwand überziehen, lauern Geschichten und Details an allen Ecken, auch wenn man sie beim Zusehen kaum erfassen kann. Überhaupt ist das Unübersichtliche einerseits ein Faszinosum dieses Films, aber auch seine große Schwäche.
„A New Dawn“ präsentiert sich zwar als handlungsgetriebenes Werk, bleibt aber ein eher eine lose Plot-Skizze. Es fehlt überall an Exposition. Der interessante Stoff bleibt dadurch überwiegend schleierhaft und eine Sammlung kleiner Teile, die nicht so recht zusammenpassen wollen. In der Umsetzung wird das schnell eintönig und zäh, weil so viele Momente aufgrund ihrer fehlenden Vorbereitung ins Leere laufen. All die Themen bleiben vage vorgetragen. Beziehungen von früher werden eher angedeutet als auserzählt. Wenn ein Beamer plötzlich angeht und alte Bilder projiziert, ist das ein emotionales Erlebnis für die Charaktere im Film. Doch für das Publikum handelt es sich nur um eine Facette von vielen, die kurz angerissen werden, aber überhaupt nicht größer zur Entfaltung kommen.
„A New Dawn“ ist mit weniger als 80 Minuten Laufzeit schlicht viel zu kurz, um seine vollgepackte Geschichte plausibel und nachvollziehbar zum Leben zu erwecken. Im selben Moment besitzt der Film aber ohnehin einen eher rauschhaft und assoziativ montierten Charakter, was durchaus seinen ästhetischen Reiz besitzt. Kurze Einsprengsel und Schnipsel aus der Vergangenheit flackern auf und verschwinden direkt wieder in einem Wust abstrakter Formen. Räume fließen surreal ineinander. Schon in der ersten Sequenz wird der Schauplatz über eine Art Zeittunnel und stapfend durch Wasser betreten, in dem sich kryptische Bilder zu erkennen geben.
Später bricht auf einmal das ganze Weltall in das Häusliche und sprengt den Raum in seinen Dimensionen. Szenen formen dabei mehr Fragmente als eine erzählerische Geschlossenheit. Und spätestens, wenn einer der Protagonisten beim Austüfteln des Schlachtplans zu halluzinieren beginnt, dreht der Film stilistisch amüsant frei. Plötzlich geht der gezeichnete Stil in eine Stop-Motion-Sequenz mit kleinen Objekten und Figuren über, die auf dem Tisch arrangiert werden.
Keine Frage also: „A New Dawn“ ist visuell durchaus beeindruckend geglückt! Insbesondere die wuseligen Hintergründe, die mal wie fließende Aquarell- und Tuschebilder aussehen, mal aber auch fast fotorealistisch anmutende Details in die Naturbilder einflechten. In der Sonne des Tages schleichen sich unscharfe Dunsteffekte über den Böden ein. Der Himmel ist derweil meist ein leeres, leuchtend weißes Nichts, negativer Raum, eine unbehagliche visuelle Leerstelle, gegen die sich die Figuren behaupten müssen.
Später dann, wenn das Unwetter losbricht, regnet es dichte, dunkle Tropfen und Striemen auf der Leinwand. Und wenn sich „A New Dawn“ endlich an den groß angekündigten Feuerwerkseffekten versucht, ist das so umwerfend schön in seinen Lichtblitzen, Lichttupfern und gefrierenden Augenblicken anzusehen, dass diese Eindrücke für all das leblos anmutende erzählerische Wirrwarr entlohnen. Zumindest fast.
Fazit: „A New Dawn“ besticht vor allem als abstrakter ästhetischer Rausch und wartet mit dem vielleicht schönsten Feuerwerk der Filmgeschichte auf. Die Widerstandsgeschichte, die Yoshitoshi Shinomiya damit erzählt, bleibt aber viel zu grob und unausgereift skizziert, um die Figuren, ihre Beziehungen und die damit verzahnten politischen Konflikte greifen zu können.
Wir haben „A New Dawn“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.