Wo True-Crime-Podcasts auf Schminktipps treffen
Von Michael MeynsKaum zu glauben, aber als Haifaa Al-Mansour 2011 „Das Mädchen Wadjda“ drehte, war das tatsächlich der allererste Film, der jemals in Saudi-Arabien gedreht wurde. In dem arabischen Land selbst durfte das sozialrealistische Drama dann allerdings nicht gezeigt werden: Kinovorführungen sind dort erst seit 2018 möglich. Seitdem hat sich in Saudi-Arabien zwar einiges getan, eine zutiefst patriarchalische Gesellschaft ist es aber immer noch. Genau davon erzählt Al-Mansour nun in ihrem neuen Film „Unidentified“, der erneut in der Hauptstadt Riad gedreht wurde und zumindest vordergründig als Krimi daherkommt, wenn die junge Protagonistin, die sich leidenschaftlich gerne True-Crime-Formate anhört, einem Verbrechen auf die Spur kommt. Doch unter der Oberfläche zeigt Al-Mansour die konservativen Strukturen eines Systems auf, in dem sich zwar manches geändert hat, vieles aber auch nicht.
Frisch geschieden ist die junge Noelle (Mila Alzahrani) nach Riad gezogen, wo sie allein in ihrer Wohnung lebt. Sie jobbt bei der Polizei, mehr als Akten zu scannen darf sie dort allerdings nicht. Dabei ist Noelle eine Art Kriminal-Junkie und begeisterter Fan eines True-Crime-Podcasts, bei dem neben Berichten über aufsehenerregende Verbrechen auch Schminktipps gegeben werden. Diese Erfahrung kommt Noelle zugute, als in der Wüste außerhalb von Riad die Leiche einer jungen Frau gefunden wird. Die Polizei zeigt nicht allzu viel Interesse an intensiven Ermittlungen und so macht sich Noelle allein auf die Suche nach Antworten. Schnell stößt sie auf einen Cousin der Toten, in dessen Auto sie zudem Blutspuren entdeckt. Aber ihre Erfolge stoßen innerhalb der Polizei eher auf Gegenwind als Unterstützung…
Rotana Studios
„Unidentified“ bildet den Abschluss einer losen Trilogie von Filmen, in denen Haifaa Al-Mansour junge Mädchen beziehungsweise Frauen, die um ihre Rechte in der konservativen saudischen Gesellschaft kämpfen, in den Mittelpunkt stellt: In „Das Mädchen Wadjda“ war es zunächst nur ein Fahrrad, das die Hauptfigur unbedingt geschenkt haben wollte. In „Die perfekte Kandidatin“ geht es um den Wunsch einer jungen Frau, für ein öffentliches Amt zu kandidieren (was in der Realität erst ein paar Jahre vor Veröffentlichung des Films möglich wurde). Zum Abschluss dreht sich „Unidentified“ nun um kriminalistische Karriereziele – und damit natürlich zugleich um den Wunsch, ein autonomes, unabhängiges Leben führen zu können.
Für Zuschauer*innen im Westen mag es selbstverständlich sein, aber dass man Noelle Autofahren sieht und dass sie allein in einer Wohnung wohnt, sind alles Dinge, die noch bis vor wenigen Jahren für Frauen in Saudi-Arabien unmöglich waren. Das sind anfangs jedoch nur nebensächliche Beobachtungen in einer straff inszenierten Krimihandlung, die sich wenig anders entwickelt, als man es aus westlichen Serien oder Filmen kennt: Eine neugierige Person ermittelt auf eigene Faust, stößt auf unerwartete Zusammenhänge – und kommt dank ihrer durch True-Crime-Podcasts geschulten Spürnase der Wahrheit immer näher. Doch diese glatte Oberfläche wird immer wieder von Momenten durchbrochen, in denen Haifaa Al-Mansour andeutet, wie die saudische Gesellschaft trotz aller progressiven Entwicklungen immer noch funktioniert.
Rotana Studios
„Es ist leichter, mit dem Mord an einer Frau durchzukommen“, heißt es an einer Stelle, „denn die Gesellschaft kümmert es nicht, wenn eine Frau stirbt.“ Erst recht nicht, wenn sie wie die junge Tote, die zu Beginn in der Wüste gefunden wird, sich vielleicht nicht den konservativen Regeln unterworfen hat, wenn sie möglicherweise sogar mit einem Mann verabredet war (in Saudi-Arabien nicht nur für eine unverheiratete Frau ein Unding). In so einer Situation ist es mitunter selbst die Angehörigen der Toten lieber, dass gar nicht erst nach einem Mörder gesucht wird, denn würde das Verhalten der Frau bekannt, wäre das eine Schande für die ganze Familie. Auch der Polizei sind diese Strukturen bewusst, gerade wenn es sich wie hier um eine wohlhabende Familie handelt. Ohne religiöse Institutionen oder gar das Königshaus direkt anzugreifen, deutet Haifaa Al-Mansour diese Strukturen an und hat am Ende zudem noch eine ziemlich spektakuläre Wendung auf Lager.
So extrem ist der Twist, dass er manches zuvor Gesehene nicht mehr ganz logisch erscheinen lässt, aber für die gesellschaftskritische Intention des Films funktioniert das Ende trotzdem ganz ausgezeichnet. Geradezu verblüffend, dass die saudische Filmkommission, die den Film finanzierte, diesem Drehbuch zustimmte und offenbar nicht erkannte, welche subversives Potenzial hier unter der Oberfläche einer scheinbar einfachen Genreerzählung steckt. Für ein westliches Publikum jedenfalls bietet „Unidentified“ einen faszinierenden Blick in die Strukturen einer anderen Welt, in der sich zwar einiges bewegt, aber das Patriarchat noch immer die Macht hat.
Fazit: Unter dem Deckmantel einer Krimihandlung seziert die saudische Regisseurin Haifaa Al-Mansour in ihrem souverän inszenierten „Unidentified“ die Strukturen einer Gesellschaft, die bei allen Fortschritten noch immer zutiefst patriarchalisch funktioniert. Ein spannender, ungewöhnlicher Blick in eine dem Westen sonst oft verschlossene Welt.
Wir haben „Unidentified“ im Rahmen des Red Sea International Film Festival in der saudi-arabischen Stadt Jeddah gesehen.