The Weight
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
The Weight

Lohn der Angst in Bayern

Von Björn Becher

Schon Henri-Georges Clouzots Meisterwerk „Lohn der Angst“ aus dem Jahr 1953 bewies, wie spannend es sein kann, einer Gruppe zu folgen, die eine Fracht von A nach B transportieren muss. Dieses Motiv wird seitdem im Kino immer wieder aufgegriffen – nicht nur in William Friedkins Remake „Atemlos vor Angst“. Es bildet auch den Kern von so unterschiedlichen Filmen wie George Millers Action-Highlight „Mad Max: Fury Road“ oder dem Liam-Neeson-B-Movie „The Ice Road“.

Auch der erfahrene Editor Padraic McKinley greift in seinem Spielfilmregiedebüt auf dieses Szenario zurück – und dies auf eindrucksvolle Weise. Der übrigens in Bayern gedrehte „The Weight“ verbindet Western und Survival-Drama auf eine durchweg fesselnde Art und Weise. Sein großes Prunkstück sind dabei ein herausragender Ethan Hawke („Training Day“), der vom liebenden Vater zum keine Schmerzen kennenden Kämpfer wird, sowie ein das Geschehen in den richtigen Momenten antreibender Score.

Samuel und seine wertvolle Fracht: Er darf kein Gramm verlieren, wenn er seine Tochter wiedersehen will. Fields Entertainment / Augenschein Filmproduktion
Samuel und seine wertvolle Fracht: Er darf kein Gramm verlieren, wenn er seine Tochter wiedersehen will.

1933 tobt die schwere Wirtschaftskrise seit vier Jahren. Noch spielt der alleinerziehende Mechaniker Samuel (Ethan Hawke) nur den Outlaw, wenn er mit dem Auto über die Felder rast. So kann er seiner Tochter Penny (Avy Berry) zumindest für einen kleinen Moment die Sorgen nehmen. Doch als die beiden kurze Zeit später ihre Wohnung verlieren und unter einem fadenscheinigen Grund von der Polizei aufgegriffen werden, wird Samuel wirklich als Verbrecher abgestempelt. Bald landet er im Arbeitslager des strengen Aufsehers Clancy (Russell Crowe). Der erkennt nicht nur die Cleverness und die vielen Talente seines Häftlings, sondern auch dessen verzweifelte Lage. Am Ende des Monats wird Penny zur Adoption freigegeben und Samuel sie für immer verlieren.

Daher schlägt Clancy ihm einen Deal vor: Weil Präsident Roosevelt in wenigen Tagen alle Goldreserven für die Staatskasse beschlagnahmen will, möchte Minenbetreiber Taggert (Alec Newman) schnell noch ein Vermögen rausschmuggeln. Gemeinsam mit drei weiteren Häftlingen, dem arroganten Plappermaul Rankin (Austin Amelio), dem indischen Sozialisten Singh (Avi Nash) und dem naiven Farmer Olson (Lucas Lynggaard Tønnesen), soll Samuel vier Rücksäcke voller Gold durch die Wildnis Oregons transportieren. Bewacht werden sie von den schwer bewaffneten Amis (Sam Hazeldine) und Letender (George Burgess). Ihnen zwingt sich zudem die aus dem Minencamp geflohene, indigene Anna (Julia Jones) als Begleiterin auf. Samuel ist fest entschlossen, für den in Aussicht gestellten sofortigen und vollständigen Straferlass jedes Gramm Edelmetall am Zielort abzuliefern. Doch ist das bei allen in der Gruppe der Fall?

Ein etwas langer Auftakt, der sich aber lohnt!

„The Weight“ braucht ein klein wenig, bis das eigentliche Highlight – der spannende Trip durch die Wildnis – beginnt. Und auch wenn das Anfangsdrittel kleinere Kürzungen vertragen könnte, lohnt sich die Vorbereitung. Das herzliche Verhältnis von Vater und Tochter liefert sowohl einen Kontrast als auch den nötigen Unterbau für Samuels spätere Wandlung. Wenn er dann über alle Grenzen geht, um an sein Ziel zu kommen, versteht man, wofür er dieses Leiden auf sich nimmt. Die Szenen im Gefängniscamp sorgen dafür, dass auch Rankin, Singh und Olson zu Figuren aus Fleisch und Blut werden, deren Schicksal uns nicht egal ist. Vor allem geben sie aber natürlich der einmal mehr großartigen „Gladiator“-Legende Russell Crowe die Möglichkeit, in wenigen Szenen zu zeigen, dass er mit seiner Präsenz jeden Film bereichert.

Wenn der Goldtransport beginnt, entfaltet „The Weight“ seine volle Qualität. Schon der nächtliche, heimliche Aufbruch von der Mine ist eine spannende Sequenz, der zahlreiche weitere folgen. Erst einmal platziert das effektive Skript von Matthew Booi und Shelby Gaines erwartbare Hindernisse auf dem Weg. Da muss eine heruntergekommene Hängebrücke genauso überquert werden wie ein reißender Fluss. Beide Szenarien werden aber mit einem Twist versehen, der sie von vergleichbaren Szenen abhebt. Natürlich ist die vom Bayerischen Wald exzellent gedoubelte Wildnis Oregons nicht die einzige Gefahr, sondern man begegnet auch zwielichtigen Gestalten, die ein Auge auf die wertvolle Fracht werfen könnten. Dass Samuel und Co. auf ihrer riskanten Wanderung keinen einzigen Goldbarren verlieren dürfen, um ihren Straferlass zu bekommen, sorgt für zusätzliche Intensität.

Paranoia in der Reisegruppe

Früh liegt aber natürlich auf der Hand, dass die wahre Gefahr die Gruppe selbst ist. Sammelt Anna heimlich giftige Pflanzen? Hat Rankin bei einer Rettungsaktion in Wirklichkeit versucht, Samuel zu ertränken? Ist der eine gerechtere Verteilung von Vermögen predigende Singh wirklich bereit, reiche Rassisten noch reicher zu machen? Auch wenn ein paar Gut-und-Böse-Rollen klar verteilt sind, werden hier immer wieder auch Erwartungen unterlaufen. Dies sorgt dafür, dass der im positiven Sinne sehr geradlinige Film mit mehreren stark inszenierten, kurzen Action-Sequenzen hochspannend bleibt und gerade die zweite Hälfte fast durchweg an den Nerven zehrt.

Dass man hier nur selten auch mal beruhigt durchschnaufen kann, liegt nicht zuletzt am Score der Brüder Latham und Shelby Gaines. Ethan Hawke holte die für ihre Klangskulpturen aus unterschiedlichsten Materialien bekannten Künstler schon 2010 an Bord einer Off-Broadway-Theaterinszenierung, weil sie immer wieder Unerwartetes aus Tönen herausholen. Genau diese Qualität steuern sie auch zu „The Weight“ bei. Statt eines klassischen Orchesterscores lassen sie oft nur einzelne Instrumente, zum Beispiel eine hallende E-Gitarre, die Stille durchbrechen. Jeder dieser punktgenau eingesetzten Momente löst sofort Unruhe und zusätzliche Anspannung aus – auch weil das bisweilen gar nicht nach Musik, sondern mehr wie Lärm klingt.

Fazit: „The Weight“ ist ein packendes Survival-Drama und ein hochspannender Thriller, bei dem bekannte Genre-Motive durch eine physisch spürbare Inszenierung, einen brillanten Ethan Hawke und einen unkonventionellen Score aufgewertet werden.

Wir haben „The Weight“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Reihe Berlinale Special Gala seine Europapremiere gefeiert hat.

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