Calle Málaga - Ein Zuhause in Tanger
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Calle Málaga - Ein Zuhause in Tanger

Ausbruch aus dem Rüstige-Rentner-Genre

Von Jochen Werner

Irgendwann, so sagt die 79-jährige Maria Angeles (Carmen Maura) einmal, komme der Punkt, an dem man seine Kinder einfach nicht mehr versteht. Das sei völlig unabhängig davon, ob man ihnen eine gute Mutter gewesen sei. Dass Maria Angeles ihrer Tochter Clara (Marta Etura) eine recht schöne Kindheit bereitet hat, daran lässt Maryam Touzanis Film „Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger“ eigentlich kaum einen Zweifel aufkommen. Und doch ist es jetzt zu dieser Situation gekommen: Clara, die inzwischen in Madrid lebt und schon lang nicht mehr zu Besuch war im heimischen Tanger in Marokko, sitzt da und eröffnet ihrer Mutter, dass sie ihr Haus zu verkaufen beabsichtigt. Fragen muss sie dafür nicht, denn der verstorbene Vater hinterließ ihr das Haus als Alleinerbin …

… sicherlich, ohne über eine solche Konstellation jemals überhaupt nur nachgedacht zu haben, da ist sich Maria sicher. Und doch sieht sich die von einer schlimmen Scheidung betroffene und in einem unterbezahlten Job im Pflegesektor gegen die ökonomische Not anarbeitende Clara sich nun zu dem radikalen Schritt gezwungen. Sie könne sich die Miete für die Wohnung in Madrid nicht mehr leisten, wolle endlich eigenes Wohneigentum in Spanien besitzen und habe daher beschlossen, die Wohnung in Tanger, in der Maria Angeles seit über 40 Jahren lebt, zu verkaufen. Diese könne schließlich ebenfalls nach Spanien ziehen und dort ihre Enkelkinder aufwachsen sehen. Und ohnehin, es gebe nichts zu diskutieren, die Entscheidung sei gefallen. Basta.

Einmal mehr fantastisch: Carmen Maura ist ja nicht von ungefähr eine der ganz, ganz großen Diven des spanischen Kinos! Pandora Filmverleih
Einmal mehr fantastisch: Carmen Maura ist ja nicht von ungefähr eine der ganz, ganz großen Diven des spanischen Kinos!

Es ist eine ungeheuer kalte und brutale Szene, die am Anfang von „Calle Málaga“ steht. Da sitzen zwei Menschen, die sich einmal nahe waren, und in einem einzigen Gespräch reißt ein Abgrund auf, von dem alle wissen, dass er sich nie wieder schließen wird. Es gibt Dinge, die man nicht ungesagt machen kann, und für Maria Angeles bedeutet diese Situation den unwillkürlichen Taumel in eine der erschreckendsten Konsequenzen des Altwerdens: den Verlust der Autonomität. Zwar verweigert sie den Plan ihrer Tochter, die Mutter mit zu sich in die „Alte Heimat“ nach Spanien zu nehmen – Maria Angeles entstammt einer Familie von Geflüchteten vor dem Franco-Faschismus, die sich wie nicht wenige politisch Verfolgte in jenen Jahrzehnten in Marokko niedergelassen hat.

Zugleich bleibt ihr als einzige Alternative jedoch nur der Umzug in ein Altersheim in Tanger. Jedenfalls bis sich die so renitente wie – mit dem Mut der Verzweiflung – erfinderische Maria dort selbst wieder auscheckt, um heimlich in ihre zum Verkauf stehende Wohnung einzubrechen. Dort kann sie, zumindest für ein kurzes Zeitfenster, noch einmal in ihr altes Leben zurückkehren.

Schmerzhaft melancholisch

Ist „Calle Málaga“ eine weitere Rüstige-Rentner*innen-Arthouse-Dramödie für ein gutbürgerliches Publikum in den besten Jahren? Auf den ersten oberflächlichen Blick müsste man möglicherweise mit „Ja“ antworten, gerade wenn in der zweiten Hälfte Maria Angeles‘ Plan, in ihrer Wohnung eine Sportbar für die gesamte Nachbarschaft aufzumachen und dort Spiele vom FC Barcelona und von Real Madrid bei Selbstgekochtem und kaltem Bier zu zeigen, mehr und mehr durchstartet. Dieser Plan ermöglicht es Maria, nach und nach ihr längst für einen Appel und ein Ei verkauftes Mobiliar zurückzuerwerben – und dann entpuppt sich der zunächst grummelige Antiquitätenhändler Abslam (Ahmed Boulane) auch noch als geeignetes Liebesobjekt für eine immerhin ein wenig freizügig gezeichnete, sexuell überraschend leidenschaftliche Herbstromanze.

Natürlich liest sich das erst einmal ziemlich klischeehaft, aber zwischen den erwartbaren Plot Points hat der Film dann doch noch einiges mehr zu bieten als bloß herzerwärmendes und ein bisschen erhebendes Unterhaltungskino für Best Ager. Denn Maryam Touzani weiß sehr gut, dass im Herzen ihrer Erzählung ein sehr realer Konflikt steht, der nicht so ohne Weiteres zu lösen ist – und daher erspart sie uns auch alles allzu Versöhnlerische, das „Calle Málaga“ unweigerlich in bloßen Kitsch hätte kippen lassen. Neben der ohnehin hervorragenden Carmen Maura („Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“) in einer schönen Altersrolle trägt insbesondere Marta Etura den Film, deren Clara zwar mit Grausamkeit agiert, aber durch die eigene Verzweiflung eine Unsicherheit durchscheinen lässt, die gleichzeitig Traurigkeit über die eigene Kaltschnäuzigkeit erkennen lässt wie auch ein zunehmend raumgreifendes Bewusstsein, dass ihr die Vergebung, die sie sich wünscht, nicht zuteilwerden wird.

Eine weitere Stärke des Films: Man versteht auch die Position der Tochter, selbst wenn man der Mutter natürlich alle Daumen drückt. Pandora Filmverleih
Eine weitere Stärke des Films: Man versteht auch die Position der Tochter, selbst wenn man der Mutter natürlich alle Daumen drückt.

Das ist überhaupt die größte Stärke dieses nur passagenweise leicht-charmanten und dann doch auch immer wieder von einer düstereren Melancholie ergriffenen Films: dass er es wagt, uns mit einem Maß an ungelösten Konflikten aus dem Kino zu entlassen. Nicht unbedingt hoffnungslos, denn ein paar märchenhaft anmutende Dinge haben sich dann ja doch ereignet. Aber alles gelöst, alles entschieden, alles in einem Lächeln und einer Umarmung und einer großen Versöhnung aufgelöst ist eben auch nicht alles am Ende von Maryam Touzanis schönem Film, der vielleicht ob seiner Nähe zu den ausgetreteneren Arthouse-Pfaden oft ein wenig unterschätzt werden wird. No hugging, no learning. Und das lässt ihn ausklingen mit dem Nachhall einer gewissen Ratlosigkeit, die sich durchaus wie das echte Leben anfühlt.

Fazit: Nur kurz glaubt man, „Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger“ sei bloß eine weitere austauschbare Arthouse-Dramödie über rüstige Rentner*innen, die mit erfinderischen Mitteln die eigene Autonomie behaupten. Denn das ist Maryam Touzanis Film zwar auch, aber nicht nur – und mit dem mindestens bittersüßen Ende mutet er uns mit einer nicht so einfach wegzuumarmenden Melancholie auch dunklere Stimmungslagen zu, als wir sie in diesem Zweig des Arthouse-Kinos gewohnt sind.

Wir haben „Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger“ im Rahmen des Festivals Around the World in 14 Films 2025 gesehen.

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