Wenn Fiktion die Realität vergiftet
Von Björn BecherIm sechsten Teil seines sich lose an den Zehn Geboten orientierenden Fernsehfilmzyklus „Dekalog“ interessiert sich der polnische Meisterregisseur Krzysztof Kieślowski weniger für die moralische Regel hinter „Du sollst nicht ehebrechen“. Die mit 87 Minuten gut eine halbe Stunde längere Kinofassung trägt dann auch nicht umsonst den positiven Titel „Ein kurzer Film über die Liebe“. Fast 40 Jahre später hat sich jetzt Asghar Farhadi von Kieślowskis Werk inspirieren lassen. In „Parallel Tales“ erzählt auch er auf gewisse Weise von Liebe, vor allem aber von obsessiver Beobachtung sowie Einsamkeit und Sehnsucht. Passend zum Titel baut er das kompakte Geschehen der Vorlage mit mehreren parallelen Handlungssträngen allerdings merklich aus.
Satte 140 Minuten dauert so das nach „Le Passé – Das Vergangene“ zweite französischsprachige Werk des iranischen Regisseurs, dessen frühere Filme „Nader und Simin – Eine Trennung“ sowie „The Salesman“ jeweils mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurden. Mit dieser Laufzeit und einem eher zähen Beginn schleicht sich bei Farhadi die eine oder andere Länge ein. Dennoch gelingt auch ihm und seiner prominenten Besetzung eine faszinierende Auseinandersetzung über Beziehungen, die immer wieder die Spannung eines Thrillers aufbaut, ohne das Geschehen jemals völlig eskalieren zu lassen. Dabei befeuern sich Fiktion und Realität gegenseitig – und sogar das Sechste Gebot bekommt bei einem der Twists seinen Platz.
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Während bei Kieślowski ein junger Waisenjunge seine deutlich ältere Nachbarin im Haus gegenüber beobachtet, ist es bei Farhadi die Schriftstellerin Sylvie (Isabelle Huppert), die immer wieder mit einem Teleskop in die Wohnung gegenüber späht, in der sie einst selbst aufgewachsen ist. Dort arbeitet heute Nita (Virginie Efira) als Geräuschemacherin und vertont mit ihrem Kollegen Theo (Pierre Niney) und ihrem Boss Nico (Vincent Cassel) Naturdokumentationen. Unter dem ausgedachten Namen „Anna“ macht Sylvie Nita zur Protagonistin ihres neuen Werks und imaginiert sich ein fatales Liebesdreieck mit ihren beiden Kollegen, das sich in der Wohnung gegenüber abspielt.
Doch auch der Waise tritt bald auf: Erst vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen, ist Adam (Adam Bessa) obdachlos – bis ihn Sylvies Nichte (India Hair) anheuert. Er soll ihre langsam vergesslich werdende Tante im Haushalt unterstützen, wo unter der Spüle schon die Mäuse nisten. Schon in zwei Wochen soll Sylvie aus der großen Wohnung ausziehen, Adam soll deshalb auch beim dringend nötigen Ausrümpeln mithelfen. Doch der ehemalige Kleinkriminelle ist bald nicht nur gefesselt von Sylvies Skript, sondern teilt auch deren Faszination für die Frau auf der anderen Straßenseite. Als er mit Nita Kontakt aufnimmt, setzt er eine fatale Kette von Ereignissen in Gang ...
Die titelgebenden parallelen Geschichten sind zunächst das Leben von Sylvie und das fiktive Treiben in der Wohnung gegenüber. Als Geschichte-im-Film sehen wir, was sich dort in der Vorstellung der Autorin für ein Drama abspielt, weil Nita/Anna mit ihrem Kollegen verheiratet ist, aber eine Affäre mit ihrem Boss anfängt. Es dauert eine Weile, bis wir diese dann doch recht wenig inspirierte, in entsättigten Farben und fester Kamera bebilderte Vorarbeit und die Fiktion hinter uns lassen. Erst als Adam Nita nicht nur anspricht, sondern ihr sogar das halbfertige Manuskript zu lesen gibt, kommt „Parallel Tales“ so richtig in Gang.
Hier fangen Fiktion und Realität nämlich an, sich zu beeinflussen – ein Motiv, das Farhadi im Film selbst vielseitig aufgreift. So ist Nitas Beruf als Geräuschemacherin sicher nicht zufällig gewählt. Dabei geht es weniger um das Sounddesign von „Parallel Tales“ selbst, sondern darum, wie uns der Film direkt bewusst macht, dass am Ende alles nur Fiktion ist. Da vertonen Nita und ihr Team zum Beispiel mehrfach Naturszenen. Doch die Geräusche der Tiere, die das Publikum der Dokumentationen als Realität präsentiert bekommt, entstehen mit simplen Mitteln in dem kleinen Appartement. Schon hier besteht die vermeintliche Realität aus Fiktion, was direkt dazu überleitet, wie die ausgedachten Affären im Romanentwurf das wahre Leben kontaminieren.
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Wenn Nita sich plötzlich mit der Offenbarung konfrontiert sieht, dass sie die ganze Zeit beobachtet wurde, geht es gar nicht so sehr um den voyeuristischen Akt. Viel interessanter ist die Frage: Wie ist es, wenn sich jemand vom Fenster gegenüber ein viel spannenderes Leben für dich ausmalt, als du es selbst führst? Es ist eine Frage, die sich bald auch die Männer an ihrer Seite stellen. Warum bekam jemand beim Beobachten den Eindruck, es gebe hier eine Liebeskonstellation, die sich von der Realität unterscheidet? Sind hier vielleicht Signale vorhanden, die mit einem neutralen Blick erkannt werden, man aber selbst immer übersehen hat? Gekonnt zieht Farhadi die Spannungsschraube an, ohne auf die Pauke zu hauen.
Es sind Kleinigkeiten, die verschwiegen werden, und Missverständnisse, die zu Eifersüchteleien und schließlich zu einem Übergriff führen. „Parallel Tales“ wird nie zum waschechten Thriller. Dafür inszeniert Farhadi seine Szenen zu nüchtern. Die größtenteils in den beiden Wohnungen oder in der Nähe gelegenen Cafés und der U-Bahn spielenden Momente sind größtenteils unaufgeregt gefilmt, was der Spannung aber nicht schadet. Denn Farhadi schafft es, sein Publikum – das wie Sylvie ja auch das Leben dieser Figuren beobachtet – zu involvieren. Man bleibt nicht neutral außen vor, man urteilt mit.
Natürlich handelt Adam, der sich selbst als Autor ausgibt und in Nitas Leben drängt, immer wieder unmoralisch. Doch gleichzeitig kann man diesen einsamen jungen Mann von der Straße verstehen, der endlich einen Ausweg aus seinem Leben zu erkennen glaubt. Könnte er vielleicht mit Schreiben Geld verdienen? Braucht er dafür aber zwingend Nita und ihr von Sylvie ausgedachtes Leben als Inspiration? Doch was ist ein erster Schritt als Schriftsteller wert, wenn er auf einer Lüge und einem Skript basiert, das er gar nicht geschrieben hat?
Die starke zweite Hälfte macht „Parallel Tales“ sehenswert – und das, obwohl hier die große Isabelle Huppert („Elle“) über weite Strecken in den Hintergrund rückt und erst im gelungenen Finale wieder starke Momente bekommt. Aus dem starken Cast, in dem mit Catherine Deneuve („Belle de Jour – Schöne des Tages“) eine weitere Ikone des französischen Kinos für einen kurzen Gastauftritt vorbeischaut, sticht vor allem eine heraus: Virginie Efira („Benedetta“) begeistert als selbstbewusste Frau, die von Farhadi trotz des allseitig voyeuristischen Blicks auf ihre Figur nie in eine Opferrolle gedrängt wird.
Fazit: Trotz Längen in der stolzen Laufzeit und einem etwas schwerfälligen Beginn besticht Asghar Farhadis „Parallel Tales“ als gut beobachtendes, komplex verschachteltes und immer wieder spannendes Drama mit einem glänzend aufgelegten Cast, aus dem vor allem Virginie Efira (mit einer Wahnsinnsszene in einem kleinen Café) herausragt.
Wir haben „Parallel Tales“ beim Filmfestival von Cannes gesehen, wo der Film seine Weltpremiere im offiziellen Wettbewerb gefeiert hat.