Der erste wahrhaft feministische Slasher oder: Das goldene Zeitalter der Fruchtgummis
Von Christoph Petersen„Teenage Sex And Death At Camp Miasma“ als Meta-Film über Zeltlager-Slasher von „Sleepaway Camp“ bis „Freitag, der 13.“ zu bezeichnen, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Die Protagonistin ist Kris („Hacks“-Star Hannah Einbinder), eine queere Regisseurin Ende 20, die in Sundance einen Achtungserfolg mit einem Film gelandet hat, in dessen finalem Drittel die Handlung von „Psycho“ aus der Sicht des Duschvorhangs nacherzählt wird. Nun klopft Hollywood an: Die Studioverantwortlichen suchen händeringend nach einer Möglichkeit, die bereits acht Teile umfassende Slasher-Reihe „Camp Miasma“ wiederzubeleben. Ihr Problem: Das Franchise ist offensichtlich transphob.
Ihre Lösung: Kris soll eine neue Origin Story für den lanzenschwingenden Killer Little Death (Jack Haven), der einen Klimaanlagenschacht als Helm trägt, entwickeln. So soll der woke Mob auf Reddit beruhigt werden. Aber Kris hat andere Prioritäten. Sie will unbedingt das Final Girl des ersten Teils für einen Auftritt in ihrem Remake gewinnen. Billy (Gillian Anderson) hatte damals schon für den zweiten und dritten Film abgesagt und ist seitdem vollständig aus der Öffentlichkeit verschwunden. Doch mithilfe ihrer Agentin (Sarah Sherman) hat die Jungregisseurin trotzdem ein Treffen arrangiert. Als sie am Arsch der Welt an ihrem verschneiten Ziel ankommt, muss Kris jedoch zu ihrer Überraschung feststellen, dass Billy inzwischen in genau jenem Jugendlager zu wohnen scheint, das damals als Kulisse für „Camp Miasma“ hergehalten hat …
MUBI
Wer diesen Text samt Inhaltsbeschreibung bis hierhin gelesen hat, stellt sich vermutlich immer noch einen viel zu „normalen“ Film vor. Jane Schoenbrun, trans und nicht-binär, hat zuvor zwei Langfilme gedreht: den digital-experimentellen Body-Horror „We're All Going To The World's Fair“ und die Wir-lieben-„Buffy“-Coming-of-Age-Fantasy-Trans-Allegorie „I Saw The TV Glow“ (5 Sterne von FILMSTARTS). Im Vergleich dazu hat „Teenage Sex And Death At Camp Miasma“ zwar nichts an akademischem Rigor eingebüßt, ist aber deutlich zugänglicher und dürfte deshalb auch den einen oder anderen Mainstream-Horrorfan abholen.
Zumal es direkt mit einer wunderbaren Liebeserklärung an das Genre losgeht: Es werden nicht nur die VHS-Cover der bisherigen Teile, sondern auch Brettspiele und Actionfiguren des fiktiven Franchise vorgestellt. (Es gibt sogar eine komplette Doppelseite einer Spielanleitung, was ich jetzt hier nur in die Kritik schreibe, damit ich dann später, wenn der Film im Heimkino erscheint, dran denke, in diesem Moment auf Pause zu drücken). Wenn die Blutfontänen ein Dutzend Meter hochschießen oder „Akte X“-Legende Gillian Anderson ihren Südstaaten-Akzent dermaßen aufdreht, als wolle sie als Mitbewohnerin von Norma Desmond direkt am „Boulevard der Dämmerung“ einziehen, fällt es leicht, mit dem Film eine Menge Spaß zu haben. Von der fast schon manischen Platzierung von Markensüßigkeiten – vor allem Kellogg‘s-Frühstückszerealien und Fruchtgummis aller Hersteller – mal ganz zu schweigen.
MUBI
Zugleich bleibt es auf der Meta-Ebene aber nicht dabei, dass einfach die ja in „Scream“ eh schon hinlänglich abgearbeiteten Regeln durchgekaut werden. Obwohl ich „Teenage Sex And Death At Camp Miasma“ bei seiner Weltpremiere in Cannes gesehen habe, muss ich zugeben, dass ich erst nach der Hälfte geschnallt habe, warum der Killer eigentlich Little Death heißt. Abgeleitet vom französischen „La petite mort“ steht es natürlich metaphorisch für den Orgasmus. Jane Schoenbrun macht da wirklich keine halben Sachen und stoppt nicht etwa bei den üblichen phallischen Erkenntnissen, dass die Stichwaffen in Slashern für das männliche Glied stehen.
Stattdessen stellt sich „Teenage Sex And Death At Camp Miasma“ die Frage, wie sich wohl die Sexualität eines Mädchens entwickeln würde, das im Alter von acht Jahren heimlich einen Slasher schaut und dabei zum allerersten Mal mit sexueller Lust konfrontiert wird – nämlich im herangezoomten Auge der 19-jährigen Protagonistin, die nicht nur gerade ihren ersten Sex erlebt, sondern im selben Moment eine Lanze durch den Körper gerammt bekommt. Ein solch abgefuckt-vergnügliches Spiel mit Perversionen haben wir vermutlich seit David Cronenbergs „Crash“ nicht mehr auf der Leinwand gesehen: kompromisslos befreiend und wahnsinnig unterhaltsam!
Fazit: Was soll bei dem Titel schon schiefgehen? Im Kern von „Teenage Sex And Death At Camp Miasma“ mag irgendwo ein gendertheoretisches Proseminar stecken, aber es ist verpackt als schamlos-spaßiges Meta-Horror-Experiment, in dem die psychosexuellen Nuancen des Slasher-Genres ebenso verhandelt werden wie die Frage nach der besten Fruchtgummi-Marke.
Wir haben „Teenage Sex And Death At Camp Miasma“ beim Filmfestival von Cannes gesehen, wo er seine Weltpremiere als Eröffnungsfilm der Sektion Un Certain Regard gefeiert hat.