Bunker
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Bunker

Auf "Der Vater" und "Der Sohn" folgt nicht "Die Mutter"

Von Selina Sondermann

Nach „Der Vater“ und „Der Sohn“ kommt nicht etwa „Der Heilige Geist“ oder „Die Mutter“ – obwohl Letztere sogar Teil der Theaterstücktrilogie war, auf der Florian Zellers erste zwei Filme basieren. Sein Spielfilmdebüt „The Father“ ließ die Zuschauer*innen die Symptome von Demenz unmittelbar aus der Perspektive des Hauptcharakters erleben. (Ein Konzept, das im Netflix-Thriller „Horse Girl“ mit Schizophrenie realisiert wurde, der spannenderweise am selben Tag wie „The Father“ 2020 Weltpremiere in Sundance feierte, trotz einer Glanzleistung von Alison Brie jedoch keinen vergleichbaren Erfolg für sich verbuchen konnte.)

Nachdem Florian Zeller für das beste adaptierte Drehbuch und Anthony Hopkins als bester Hauptdarsteller 2021 mit dem Oscar belohnt wurden, folgte im Jahr darauf „The Son“, der beim Festival in Venedig Premiere feierte, aber weder bei Kritiker*innen noch dem Publikum besonders punkten konnte. Während der Titel des Films noch andeutete, dass er die Depression des jugendlichen Sohnes einer Patchworkfamilie behandeln würde, stellte er stattdessen die vollkommen fehlgeleiteten Reaktionen des Vaters ins Zentrum. Und so folgt statt „Die Mutter“ nun also „Bunker“ als dritter Langfilm des Franzosen, der sich darin diesmal mit gesellschaftlichen statt neuropsychiatrischen Krankheiten beschäftigt.

Zwischen Miguel (Javier Bardem) und Sofía (Penélope Cruz) herrscht nur auf den ersten Blick Eitelsonnenschein. X-Verleih
Zwischen Miguel (Javier Bardem) und Sofía (Penélope Cruz) herrscht nur auf den ersten Blick Eitelsonnenschein.

Miguel Moreno (Javier Bardem) ist ein angesehener spanischer Architekt, der mit seiner Frau Sofía (Penélope Cruz) und zwei Töchtern mittlerweile in London lebt. Als sein Nachbar Toby (Stephen Graham) eines Tages ein Loch in die Mauer schlägt, die ihre Grundstücke voneinander trennt, droht ein nachbarlicher Kleinkrieg auszubrechen. Es könnte einem das Herz bluten, wenn Toby mit Argumenten zugetextet wird, warum sein Wunsch nach einem Fenster in seinem Studio nicht den Planungsvorschriften entspricht. Erst als der aufgebrachte Architekt einmal Luft holt, bekommt der Nachbar endlich die Chance, sich zu erklären.

Der offensichtlich aus der Arbeiterklasse stammende Mann hätte nur gerne etwas natürliches Licht in der schummrigen Garage, die er zu seinem Zuhause umgestalten muss. Gehört die Sonne nicht uns allen? Leider wird dem frischgebackenen BAFTA-Gewinner (für die Netflix-Sensation „Adolescence“) kaum Gelegenheit geboten, seinen Charakter weiterzuentwickeln. Stattdessen dient das alles – wie so vieles im Drehbuch – als eher plumpe Metapher für die Zwickmühlen, in denen Moreno gerade steckt.

Bunker sind die neuen Pyramiden

Dem Architekten wird nach ausführlichen Verschwiegenheitserklärungen nämlich ein Angebot für ein profitables Projekt gemacht: Er soll für den Tech-Milliardär Andrew (Paul Dano) einen gewaltigen Überlebensbunker auf Hawaii bauen. Nach einem längeren Hin und Her, das vorrangig von Morenos Frau, die als moralische Instanz agiert, angetrieben wird, kommt es zu einem Zoom-Meeting mit dem Silicon-Valley-Entrepreneur. In diesem wird Moreno bei dem Versuch, seine Einwände zu äußern, ebenfalls das Wort abgeschnitten – ganz genau so, wie er es kurz zuvor mit seinem Nachbarn gemacht hat.

Es geht nicht ums Zuhören, sondern allein darum, die Gegenseite zu überzeugen; eine von einem deutlichen Machtgefälle geprägte Kommunikation und damit eine Hierarchie, wie man sie etwa von einer Pyramide kennt. Kurz zuvor hatte man Moreno diese einflussreichen Tech-Bros schließlich als Pharaonen der Neuzeit beschrieben, jene Gottkönige des alten Ägypten, die nicht nur herrschen, sondern auch unsterblich werden wollten. Die Analogie funktioniert zumindest für das Pressepublikum in Venedig, wo „Bunker“ am Tag nach der 4-Stunden-Doku „Musk“ über Elon Musk gezeigt wurde.

Penélope Cruz mit wenig Raum

Je nachdem, wie genau man zählt, ist „Bunker“ mindestens die neunte Zusammenarbeit des Ehepaars Cruz/Bardem vor der Kamera. Zeller profitiert von der unverfälschten Intimität der beiden, deren jahrelange Vertrautheit miteinander sich in jeder beiläufigen Berührung bemerkbar macht. Zunächst bilden Moreno und Sofía ein intellektuelles Traumpaar, das mit aufeinander abgestimmten kantigen Brillen in einer Kunstgalerie über dieselben Dinge lacht. Sofías Figur bleibt insgesamt jedoch derart unterentwickelt, dass sie beinahe zu einem Bestandteil von Miguels sorgfältig kuratierter Innenarchitektur werden könnte – wäre da nicht der Konflikt um den Bunker.

Während ihr Mann in London große Projekte angeboten bekommt, sind ihre eigenen beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten begrenzt. Trotz jahrelanger Erfahrung als Lektorin und Leiterin der Belletristik-Abteilung in Madrid vertraut man ihr in England nur den Bereich Weltliteratur an. Statt mit Autor*innen arbeitet sie mit Übersetzer*innen zusammen. Nur ein 30-jähriger Schriftsteller (Patrick Schwarzenegger) aus den USA, den sie während seines London-Aufenthalts betreut, durchbricht ihren monotonen Alltag.

Es ist etwas frustrierend, dass Miguel eine Szene mit einem Interview bekommt, in der er über das Verhältnis von Licht und Raum in seiner Arbeit sprechen darf, während das Berufsleben seiner Frau mit einer Darstellung abgespeist wird, die kaum über das Niveau der Verlagsarbeit in den „Fifty Shades“-Fortsetzungen hinausgeht. „Ja, diese Fassung ist viel besser“ – weiter ins Detail geht der Dialog im Büro eines Publikationshauses nicht. Und das, obwohl Penélope Cruz dank ihrer Auftritte in „La Bola Negra“ und „The Invite“ aktuell gleich doppelt als heiße Kandidatin für die kommende Oscar-Saison gilt.

Spiel mit der Erwartungshaltung

Neben Familiendrama und theoretischen Diskussionen über eine möglicherweise bevorstehende Apokalypse hat „Bunker“ – gerade im Vergleich zu „The Father“ und „The Son“ – auch erstaunlich viel Humor, der sich beispielsweise durch Absurditäten in der Alarmanlagenindustrie äußert. Zeitweise wiederum eröffnen sich Elemente eines Thrillers. Als die Katze der Morenos verschwindet – die gleich zu Beginn eine fantastische Einstellung erhält, in der ihr nachdenklicher Blick der aktuell regierenden Filmkatzenkönigin Tonic („Caught Stealing“) ordentlich Konkurrenz macht – geht Miguel vom Schlimmsten aus. Der Nachbar wird zum Hauptverdächtigen, schließlich haben Menschen aus einfacheren Verhältnissen offenbar nichts anderes als Missgunst gegenüber den Reichen im Sinn.

Auch die Filmmusik greift das Spiel mit dem Ungewissen auf und trägt so zu einer zunehmend paranoiden Atmosphäre bei. Die akustische Untermalung von Oscarpreisträger Volker Bertelmann („Im Westen nichts Neues“) erinnert an den Score von David Finchers „Gone Girl“. Auch dort wird auf eine Ambivalenz zwischen ruhigen, warmen Tönen und einer darunter liegenden dunkleren Atmosphäre gesetzt. Eine melodische Warnung, dass unter der idyllischen Oberfläche vermutlich etwas ganz und gar nicht stimmt.

Fazit: Obwohl die Metaphern und Vorausdeutungen des Films mitunter etwas klobig ausfallen, ist es nicht unspannend, den Entwicklungen in „Bunker“ zu folgen. In einer Zeit, in der das gesellschaftliche Misstrauen größer denn je ist, braucht es durchaus Filme, die ihre Botschaft des Brückenbauens nicht durch die Blume, sondern mit dem Holzhammer vermitteln.

Wir haben „Bunker“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.

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