Trotz starker Bilder ein Gothic-Horror der einschläfernden Sorte
Von Christoph PetersenSeinen Schauspiel-Oscar hat Casey Affleck zwar für „Manchester By The Sea“ gewonnen, aber für viele steht seine Performance als titelgebender Hasenfuß in „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ auf einer ähnlichen Stufe. Bei seiner dritten Regiearbeit nach „I’m Still Here“ und „Light Of My Life“ hat er sich nun mit dem „Feigling Robert Ford“-Autor Ron Hansen zusammengetan, um gemeinsam das Skript zu einem Gothic-(Horror-)Drama zu schreiben. Und tatsächlich zelebriert der mehrere Zeitebenen umfassende „Company“ eine ähnlich elegisch-poetische Atmosphäre wie einst Andrew Dominiks Brad-Pitt-Anti-Western.
Zudem geht es nach dem Archetypen des „Cowboy“ auch diesmal wieder um die Entmystifizierung einer klassischen Filmfigur – nur wollen wir lieber nicht verraten, um welche genau es geht, denn das wird auch im Film selbst erst nach etwa zwei Dritteln der Spielzeit enthüllt. Von da an wird all das zuvor versponnene Mystery-Garn fein säuberlich wieder aufgerollt – und man stellt schnell fest, dass hinter all den verschiedenen Kaminfeuererzählungen, denen man in den vergangenen eineinhalb Stunden gelauscht hat, doch erstaunlich wenig steckt.
Image Nation Studios
Die mysteriöse Evelyn (Emily Alyn Lind) klopft – ganz in Schwarz gekleidet und mit einem tief sitzenden Hut, der ihr Gesicht verbirgt – in einer regnerischen Winternacht im Jahr 1975 an eine Haustür. Drinnen findet gerade eine Weihnachtsfeier statt, aber offenbar lebt die Familie, zu der sie eigentlich wollte, inzwischen nicht mehr hier. Dennoch bittet der Hausherr die junge Frau herein – und im Gegenzug beginnt sie, den Gästen eine Geschichte zu erzählen: Im Jahr 1950 steht Tom (Nick Nolte), der allein in seiner abgelegenen Hütte haust, an der Schwelle zum Tod. An seinem letzten Abend auf Erden entdeckt er draußen ohnmächtig im Schnee die in der Einöde gestrandete Schauspielerin Alice (Caylee Cowan), die er zu sich hereinholt, damit sie sich am Kaminfeuer wärmen kann.
Im Gegenzug beginnt auch sie, eine Geschichte zu erzählen, von einem Farmerspaar aus der Pionierzeit (Scoot McNairy & Adelaide Clemens), das draußen den ohnmächtig im Schnee liegenden Caleb (Atticus Affleck) entdeckt und ebenfalls zu sich in die Hütte holt. Fortan arbeitet der junge Mann für Kost und Logis als Nachtwächter auf der Farm, denn in der Umgebung kam es zuletzt zu einer unheimlichen Mordserie, bei der die Opfer mitunter grausam entstellt wurden. Der schon lange verwitwete Nachbar (Ben Mendelsohn) begegnet Caleb, der ständig seine Geschichte darüber ändert, wie er eigentlich in diesem abgelegenen Teil des Landes gelandet ist, deshalb auch von Anfang an mit Misstrauen …
Jeder kennt Matrjoschkas, diese russischen, ineinanderschachtelbaren Holzpuppen, bei denen immer, wenn man eine öffnet, darin noch eine weitere Puppe zum Vorschein kommt (zumindest bis zu einem gewissen Punkt). So in etwa fühlt sich nun auch „Company“ an: eine Erzählung in einer Erzählung in einer Erzählung – und zwischen den einzelnen Zeitebenen wirkt trotz aller Unterschiede vieles verdächtig ähnlich (etwa gleich mehrere bewusstlose Personen im Schnee). Das klingt nach einem großen Plan, vor allem weil sich viele Geschichten auch immer wieder ändern, je nachdem, wer sie gerade erzählt oder wem sie gerade erzählt werden. So gibt es gleich mehrere Origin-Storys für eine alte Taschenuhr, die allesamt gleichermaßen plausibel anmuten (und bei denen man kaum anders kann, als sich direkt auch noch die Taschenuhr-im-Hintern-aus-Vietnam-geschmuggelt-Story von Christopher Walken aus „Pulp Fiction“ hinzuzudenken).
Zudem plustern Casey Affleck und Ron Hansen die erlesenen Bilder des einsamen amerikanischen Westens auch noch mit allerlei poetischen Weisheiten (oder passender: prätentiösen Kalendersprüchen) auf. Bis zur Enthüllung des Twists plätschert das eine gute Stunde lang vor sich hin, wobei man sich natürlich anstrengt, die verschiedenen Ebenen sauber im Kopf zu behalten. Später stellt sich jedoch heraus, dass das alles gar nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Es ist nämlich alles viel simpler, als man angesichts des Geschichtengeflechts meinen würde. Trotzdem macht das Zuhören durchaus Freude – immerhin sind es so großartige Schauspieler*innen wie Nick Nolte, Ben Mendelsohn, Scoot McNairy oder Adelaide Clemens, die hier zum Knistern des Kaminfeuers ihre Schicksale schildern.
Keinen Gefallen getan hat Casey Affleck seinem Film hingegen mit der Besetzung seines Sohnes Atticus Affleck in der größten Rolle des Films (in kleineren Parts sind zudem auch noch sein zweiter Sohn Indiana Affleck und seine langjährige Lebensgefährtin Caylee Cowan mit dabei). Atticus mag zwar das Aussehen und dazu noch eine gespenstisch-ähnliche Mimik von seinem Vater geerbt haben, aber in Sachen Chrisma und Talent gibt es doch gehörige Unterschiede.
Während der Plot nur komplex wirkt, ist es die Bildgestaltung tatsächlich. Neben sich selbst hat Casey Affleck nämlich noch sieben weitere der besten Kameraleute der Welt angeheuert, darunter Masanobu Takayanagi („Hostiles“), Lachlan Milne („Minari“), Adam Arkapaw („Macbeth“) und den Deutschen Holger Jungnickel („Die drei ???“). So wirken die verschiedenen Zeitebenen, selbst wenn sich die Erzählungen ähneln, visuell vollkommen eigenständig – selbst ganz kurze Rückblenden erhalten jeweils einen eigenen Stil. Das ist ganz schön viel Aufwand für ein Story-Konstrukt, das schließlich wie ein zu lange gebackenes Soufflé in sich zusammensackt.
Fazit: Eine im Kern (zu) simple Story, die mit ihrer Matrjoschka-artigen Erzählweise und plumper Kalenderspruch-Poesie nur künstlich auf Spielfilmlänge aufgeblasen wird. So liegen die Stärken vor allem auf der visuellen Ebene, was aber auch nicht weiter verwundert, denn Affleck hat sich die Mitarbeit von gleich sieben herausragenden Kameraleuten gesichert.
Wir haben „Company“ beim Filmfest in Venedig gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.