A Useful Ghost
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
A Useful Ghost

Der Film mit dem Staubsauger-Geist

Von Susanne Gietl

Achtung, jetzt kommt Ratchapoom Boonbunchachoke! So verrückt wie der Name des thailändischen Regisseurs, so extravagant ist auch sein geisterhaftes Spielfilmdebüt: In „A Useful Ghost“ verpasst er der bekannten Legende der Geisterfrau Mae Nak, die schon vielfach fürs Theater, Kino und Fernsehen adaptiert wurde, einem ungewöhnlichen „Technik“-Update: Denn in der ebenso schwarzhumorigen wie hochpolitischen Fantasy-Komödie, die bei der Critics‘ Week in Cannes mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde, fahren die geplagten Seelen in verschiedene Industrie- und Haushaltsgeräte ein. Am eingängigsten ist dabei eine Passage, in der die noch immer in ihren Mann verliebte Geisterfrau ausgerechnet einen Staubsauger vereinnahmt.

Schließlich werden in die Bewohner*innen von Bangkok wegen des heftigen Smogs regelmäßig gebeten, das Haus nicht zu verlassen, Masken zu tragen und Luftfilter zu benutzen. Dass jetzt ausgerechnet allerlei Anti-Staub-Geräte zurückschlagen, ist also schon mal ziemlich genial. Leider greift bei Ratchapoom Boonbunchachoke das Supermarkt-Prinzip: Jeder aus dem Publikum soll sich inhaltlich herausgreifen, was ihn anspricht, das gilt auch bei den artifiziellen, teils Tableau-artigen Bildern. So sind 130 Minuten bei einem wenig aufgeräumten Skript eine gewisse Herausforderung. Trotzdem ist „A Usefull Ghost“ ein irrer Spaß, den man sich nicht entgehen lassen sollte – inklusive Showdown zwischen Kühlschrank und Staubsauger, unterlegt mit beschwingter Filmmusik von Chaibovon Seelookwar.

Marchs Familie ist gar nicht begeistert, dass sie plötzlich auch einen Geister-Staubsauger in ihren Kreis aufnehmen soll. Little Dream Pictures
Marchs Familie ist gar nicht begeistert, dass sie plötzlich auch einen Geister-Staubsauger in ihren Kreis aufnehmen soll.

Nach dem Tod eines Fabrikarbeiters spukt es in der Fabrik eines Familienunternehmens. Die Seele des Toten haust fortan in den Geräten – und richtet immer wieder Chaos an. Währenddessen trauert March (Wisarut Himmarat), der Sohn des Fabrikbesitzers, um seine Frau Nat (Davika Hoorne), die an einer Atemwegserkrankung gestorben ist. Schon bald wird er feststellen, dass sie in Gestalt eines Staubsaugers zu ihm zurückgekehrt ist, um ihn zu schützen. March sieht in dem Sauger immer noch seine Frau – und verlangt von seiner wenig begeisterten Familie, dass sie ebenfalls anerkennt, dass er sein Leben zukünftig mit einem selbst rollenden Haushaltsgerät verbringen möchte...

In ihrem von Chatree Tengha designten Knallbau-Kostüm mit überbreiten Schulterpolstern im 80er-Jahre-Look wirkt Nat in Menschenform wie eine aus der Zeit gefallene Geschäftsfrau, ist nun aber ein „arbeitender Geist“ mit „unerledigten Geschäften“. Der Staubsauger neigt sich leicht und demütig nach vorne, ein leuchtender LED-Kreis zeigt, dass Nat lebt und kein totes Ding ist. Eine der absurdesten Szenen ist wohl die, in der March mit einem knallroten Staubsauger im Krankenbett rummacht und seine Mutter (Apasiri Nitibhon) just in dem Moment zur Tür hereinkommt.

Das Produktionsdesign ist komplett durchkomponiert

Wenn schließlich Elektroschocks ins Spiel kommen, um die Erinnerungen der Lebenden an die Toten auszulöschen (dann nämlich lösen sich auch die Geister auf), liegen Parallelen zu Zwangskonversionen von homosexuellen Menschen nahe. Auch die blutigen Rothemden-Proteste von 2010, an die die Mächtigen am liebsten gar nicht erinnert werden wollen, spielen eine zentrale Rolle. Ebenfalls im Film: Der „Academic Ladyboy“ (Wisarut Homhuan), dessen echter Name bis zum Ende nicht enthüllt wird. In der Rahmenhandlung hat er einen Staubsauger zu Hause, der zwar saugt zwar, aber den Staub nachts wieder aushustet – und der überraschend schnell vor der Tür stehende Reparaturdienstmitarbeiter ist ganz offensichtlich nicht der, für den er sich ausgibt.

Ratchapoom Boonbunchachoke beschreibt seinen Stil als „elegante Perversion“ und „perverse Eleganz“. Selbst bei Sexszenen, die recht unvermittelt passieren, sorgt er für echte Lacher. „A Useful Ghost“ hat dabei absolut Stil: Die Staubsauger wurden von dem preisgekrönten Industriedesigner Hao Jie entworfen, alle Geister haben im Film gefärbte Haare – der weiße Elektroschockraum, eigentlich ein Raum zum Testen von elektronischen Geräten in einer Universität in Thailand, wirkt futuristisch und surreal zugleich.

In seiner menschlichen Form erinnert der Geist von Nat (Davika Hoorne) an eine Achtzigerjahre-Businesswoman. Little Dream Pictures
In seiner menschlichen Form erinnert der Geist von Nat (Davika Hoorne) an eine Achtzigerjahre-Businesswoman.

Jede Szene ist von Produktdesigner Rasiguet Sookkarn komplett durchkomponiert: Liegt March mit Staubsauger-Net im Bett, ist nicht nur seine Bettwäsche genauso rot wie der Sauger, natürlich sind auch Nats Haare „staubsaugerrot“. Die Krankenschwester mit weißem Hütchen ist wie der Tresen vor ihr kanariengelb gekleidet, während die Industriellen eben gerade nicht herausstechen, sondern fast schon mit ihrer staubigen Umgebung verschmelzen. Sie sind die Prediger*innen der Verschmutzung – und die Rache wird erstaunlich blutig ausfallen.

Fazit: „A Useful Ghost“ vereint Horror, Romantik, Queerness, politische Wut und absurden Humor mit satirischem Unterton. Beschreiben lässt sich der Staubsaugergeist-Film nur mit zwei Worten: „Ratchapoom Boonbunchachoke“, dessen Name schon klingt wie eine gewaltige Explosion!

Wir haben „A Useful Ghost“ auf dem Filmfest Hamburg 2025 gesehen.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren