Die Wurzeln eines hoch komplizierten Konflikts
Von Michael MeynsSchon für die an sich vollkommen harmlose Bemerkung, dass der 7. Oktober 2023 eine historische Vorgeschichte hatte, wurde eine ARD-Korrespondentin vehement angegriffen – dabei hatte sie mit dem Satz in keiner Weise das Massaker der Hamas an rund 1.200 Israelis verharmlosen wollen, sondern nur darauf hingewiesen, dass Geschichte nicht im Vakuum passiert.
Angesichts solcher aufgeheizter Reaktionen kann man erahnen, wie das Historiendrama „Palestine 36“ gerade in Deutschland aufgenommen werden wird. Denn die palästinisch-amerikanische Regisseurin Annemarie Jacir erzählt eine entscheidende Episode der palästinensischen Geschichte dezidiert aus palästinensischer Sicht. Das ist bisweilen einseitig, Parallelen zur Gegenwart der israelischen Besatzung wirken oft allzu bemüht – zugleich entwickelt der Film aber große emotionale Kraft, und gerade in Deutschland könnte er dabei helfen, den Blick auf den Nahen Osten zu schärfen.
Alamode Film
Palästina, 1936: Die britische Kolonialverwaltung herrscht über die Region zwischen Jordan und Mittelmeer. Der junge Yusuf (Karim Daoud Anaya) stammt aus dem kleinen Dorf Al Bassa, wo die Menschen ums Überleben kämpfen, arbeitet aber auch in Jerusalem. Er ist Chauffeur bei einem intellektuellen Paar – der radikalen Journalistin Khouloud (Yasmine Al Massri), die ihre Texte nur unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichen kann, und ihrem Mann, dem Verleger Amir (Dhafer L’Abidine), der vor allem daran interessiert ist, seinen gesellschaftlichen Status zu bewahren.
Während die Bauern von Al Bassa sich durch die wachsende Anzahl von jüdischen Kibbuzim bedroht fühlen, soll die britische Verwaltung eigentlich zwischen den Bevölkerungsgruppen vermitteln. Doch der Hochkommissar der Kolonialverwaltung, Wauchope (Jeremy Irons), stellt sich im Zweifelsfall stets auf die Seite der jüdischen Siedler. Die Wut der palästinensischen Bevölkerung wird immer größer und entlädt sich schließlich in einem landesweiten Generalstreik, der als Beginn des arabischen Aufstands in Palästina gilt.
1936 war der Nahe Osten noch fest in der Hand der Kolonialmächte. Im Mandatsgebiet Palästina herrschten die Briten, die Bevölkerung bestand größtenteils aus Palästinensern, aber die jüdische Bevölkerung nahm stetig zu. Der wachsende Antisemitismus in Europa führte zu einer rasanten Zunahme der Migration, und die demografische Verschiebung hatte einen Verlust an Siedlungs- und Ackerflächen zur Folge – zumal die Frage, wer das Land tatsächlich besaß, oft über Verträge aus der osmanischen Zeit geregelt war, die sich nun als nicht ausreichend erwiesen.
Schon vor 90 Jahren ging es im Nahen Osten also um Land, um die Frage, wer das Recht hat, es zu bebauen, auf ihm zu wohnen, es Heimat zu nennen. Die in Bethlehem geborene Regisseurin Annemarie Jacir versucht ihr bestes, die komplizierten Hintergründe dieser Geschichte spielfilmgerecht aufzuarbeiten. Manches verkürzt sie dabei, teils erzählt sie allzu schematisch, doch man muss ihr zugutehalten, dass sie nicht davor zurückweicht, zu zeigen, dass es oft auch wohlhabende palästinensische Gutsbesitzer waren, die ihr Land freiwillig an zionistische Siedler verkauften. Wobei diese Siedler in „Palestine 36“ erstaunlich kurz kommen, kaum mehr als Randfiguren darstellen, während der eigentlich Antagonist die britische Besatzungsmacht ist.
Alamode Film
Eigentlich hatten die Briten durch die 1917 verabschiedete Balfour-Deklaration zugesagt, dass sie sich zwar für die Errichtung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ einsetzen würden (also das, was einige Jahre später der Staat Israel werden sollte), aber auch zugesichert, dass dies nicht auf Kosten der nicht-jüdischen Bevölkerung der Region geschehen sollte. Ein Versprechen, das bekanntermaßen nicht gehalten wurde und die Ursache für die tragische Geschichte der Region ist. Von dieser Geschichte erzählt Jacir in ihrem emotionalen Film, der immer wieder versucht, Parallelen zwischen der Historie und der Gegenwart zu erzeugen: Von einer Mauer zwischen den verfeindeten Gebieten ist da etwa die Rede, von Angriffen von Siedlern auf Palästinenser, von willkürlichen Morden und anderen Formen der Unterdrückung.
Betont einseitig erzählt Jacir diese Geschichte, stilisiert britische Soldaten zu latent sadistischen Typen, die ihre in Indien und anderen Kolonialgebieten gelernten Methoden zur Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung nun auch in Palästina umsetzen. Immer wieder fügt sie auch dokumentarisches Material ein, das auf nicht ganz unproblematische Weise suggeriert, dass auch die inszenierten Szenen die reine Wahrheit erzählen, drückt auf die Tränendrüse, zeigt Leid und Vertreibung.
Aber wer will es ihr verdenken, zumal es erst seit kurzer Zeit so etwas wie eine palästinensische Filmindustrie gibt und damit die Möglichkeit, eigene Geschichten zu erzählen, der eigenen Perspektive Sichtbarkeit zu verleihen. Kein Wunder also, dass „Palestine 36“ von Palästina für den Oscar als Bester Internationaler Film vorgeschlagen wurde, wo er wegen seiner filmischen Qualitäten, aber gerade auch angesichts der aktuellen politischen Großwetterlage keine schlechten Chancen hat, weit zu kommen.
Fazit: Es heißt oft, dass Geschichte von den Siegern geschrieben wird. In diesem Sinne mag man „Palestine 36“ als notwendige Gegenerzählung verstehen, in der von einer für den Nahost-Konflikt entscheidenden historischen Episode erzählt und dabei dezidiert die palästinensische Sicht der Dinge eingenommen wird. Ja, das ist einseitig – aber die Perspektive ist legitim, und das Ergebnis teils von großer emotionaler Kraft.
Wir haben „Palestine 36“ im Rahmen des Red Sea International Film Festival in der saudi-arabischen Stadt Jeddah gesehen.