Ein Kuchen für den Präsidenten
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Ein Kuchen für den Präsidenten

Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Torte essen

Von Sidney Schering

In vielen deutschen Schulen gibt es die Tradition, dass Geburtstagskinder für die restliche Klasse Kuchen mitbringen müssen – sehr zur Freude derjenigen, die ihren Festtag in den Ferien feiern und sich somit das ganze Schuljahr über „gratis“ durchfüttern können. Kinder aus Haushalten, in denen das Geld knapp ist, könnten durch das Brauchtum allerdings in eine gewisse Bredouille kommen: Man will sich ja vor der Klasse nicht die Blöße geben, selbst wenn es finanziell vielleicht klüger wäre. Auch im Irak unter Saddam Hussein feierten Schulklassen mit Kuchen Geburtstag – aber dort nahm der Druck erschreckende Ausmaße an:

Trotz der auch durch die Sanktionen befeuerten Lebensmittelknappheit musste in jeder Schulklasse für den Präsidenten ein Geburtstagskuchen gebacken werden. Wenn das Kind, dem per Losverfahren diese „Ehre“ zuteil kam, nicht gehorchte, drohten drakonische Strafen – bis hin zu verschleppten Familien. Der irakische Regisseur und Drehbuchautor Hasan Kadi arbeitet diese historische Fußnote nun in dem raffiniert erzählten, trügerisch süßlichen und mitreißend bitteren „Ein Kuchen für den Präsidenten“ auf. Dafür wurde er bereits bei den Filmfestspielen von Cannes vollkommen verdient mit dem Preis für den besten Debütfilm ausgezeichnet.

Natürlich ist ihr geliebter Gockel auch dabei, wenn sich Lamia (wunderbar natürlich: Baneen Ahmad Nayyef) zum Zutateneinkauf in die große Stadt aufmacht… 24 Bilder
Natürlich ist ihr geliebter Gockel auch dabei, wenn sich Lamia (wunderbar natürlich: Baneen Ahmad Nayyef) zum Zutateneinkauf in die große Stadt aufmacht…

Der Süden Iraks während der 1990er: Die neunjährige Lamia (Baneen Ahmad Nayyef) muss zu Ehren Saddam Husseins einen Geburtstagskuchen backen. Dabei herrscht in der Region eine derartige Armut, dass selbst die wenigen Zutaten für einen mickrigen Kuchen fast schon Luxusgüter darstellen. Noch dazu soll ihr bester Freund Saeed (Sajad Mohamad Qasem) Obst besorgen. Der somit unvermeidliche Ausflug in die nächstgelegene Stadt artet für die Schulkinder, Lamias Großmutter (Waheed Thabet Khreibat) sowie Haushahn Hindi zur regelrechten Odyssee aus. Nach diesem Tag ist nichts mehr wie zuvor...

Armut und Ästhetik schließen sich nicht aus

Laut Hasan Kadi ist die Handlung von einer Geschichte inspiriert, die ihm von einer nahestehenden Person berichtet wurde. Auch er selbst wuchs im Süd-Irak auf, der sich enorm vom staubigen Bild unterscheidet, das (nicht nur) westliche Filme üblicherweise vom Irak zeichnen. Stattdessen wird die zentrale Reise in die Stadt von Szenen mit tiefblauen Wasserstraßen und türkisblauem Himmel umrahmt: Kinder rudern von ihren bescheidenen, schwimmenden Hütten in kleinen Booten zur Schule. Kadi findet mit Kameramann Tudor Vladimir Panduru eine beeindruckende Balance, wenn sie die Armutsverhältnisse ungeschönt beschreibt, die Region aber trotzdem in einem ästhetischen, abwechslungsreichen Licht dastehen lassen.

Fernab vom Stadttrubel und der mit Hussein-Propaganda vollgekleisterten Schule gibt es durchaus pittoreske Anblicke in Lamias Leben – und das nutzt Kadi in seinem Debüt für komplexe Bilder, die selbst einige erfahrenere Namen wohl eher nicht derart komplex orchestrieren könnten: So macht Lamia ihre Hausaufgaben unter dem Sternenhimmel, in einem Boot treibend, während ihr geliebter Gockel Hindi neben ihr herumturnt, Saeed zu ihr paddelt und warm-orangefarbene, kleine Laternen Licht spenden. All das in einer Einstellung, die aussieht wie gemalt und praktisch alle Unberechenbarkeiten vereint, vor denen sich Filmschaffende fürchten – Kinder, Tiere, Wasser und natürliches Licht!

Alle jubeln dem Präsidenten zu, während ein neunjähriges Mädchen allein durch die Stadt irrt, nur um für den milliardenschweren Diktator einen weiteren Kuchen zu backen. 24 Bilder
Alle jubeln dem Präsidenten zu, während ein neunjähriges Mädchen allein durch die Stadt irrt, nur um für den milliardenschweren Diktator einen weiteren Kuchen zu backen.

Doch solche friedvollen Augenblicke bieten eben keinerlei Schutz vor den Auswirkungen eines autokratischen Regimes und der ungleichen Verteilung der Güter: Der Lehrer droht wird bei leisestem Ungehorsam sofort mit Gewalt und beim Stadtbesuch wird auf oft beiläufige, aber deshalb nicht weniger demütigende Weise das Arm-Reich-Gefälle deutlich. Und dann kommen angesichts des nahenden Präsidentengeburtstags auch noch immer wieder euphorische Regime-Befürwortende um die Ecke geschossen! Letzteres inszeniert Kadi mit imposanten Bildern unübersichtlicher Menschenmassen, die tönend diesen sonst so leisen Film kapern und als alles mitreißender Strom die Hauptfiguren gegen ihren Willen an andere Schauplätze drängen. Doch Kadi weiß nicht nur abrupte Bild- und Klanggewalt effektiv einzusetzen, sondern versteht es ebenso, die raue Welt auch in leiseren Vignetten zu skizzieren:

Mehrfach werden beiläufig Kriegsversehrte gezeigt. Einmal verhandelt ein Lebensmittelhändler mit Gänsehaut erzeugender Abgeklärtheit, dass sich eine schwangere Kundin für ihren Einkauf prostituieren müsse. Und an anderer Stelle entwickelt sich im halbscharfen Hintergrund eines Gebets schweigend ein kleines Drama, das durch kluges Blocking nervenaufreibender gerät als die meisten Jumpscares. Nahezu all das erzählt Kadi aus der Erfahrungswelt des Kindergespanns: Für kleine Kinogänger*innen ist das eine aufregende Mission, mit dessen Grundschul-Held*innen man sich maximal identifizierten kann. Einem älteren Publikum erschließen sich derweil auch die menschenunwürdigen Implikationen dessen, was oft nur angerissen wird oder sogar gänzlich ungesagt bleibt.

Fazit: „Ein Kuchen für den Präsidenten“ ist ein mit zuckriger Raffinesse umgesetzter, bitterer Film, der unter anderem das Dilemma offenlegt, wenn gegen ein Land verhängte Sanktionen am Ende bloß die Schwachen und Unschuldigen ins Elend treiben. Zugleich unterstreicht er, wie höhnisch es ist, wenn von Propaganda verblendete Menschen diejenigen hochleben lassen, die es sich auf ihren leidenden Rücken bequem machen und sich riesige Torten schenken lassen, während eine junge Schülerin für ein paar Gramm Mehl und Zucker wahnsinnige Strapazen auf sich nimmt.

Wir haben „Ein Kuchen für den Präsidenten“ auf dem Filmfestival Cologne gesehen.

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