Unabomber
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Unabomber

Starkes Psychogramm der frühen Jahre, 08/15-Thriller

Von Lutz Granert

Im Jahr 1978 adressierte Theodore John Kaczynski seine erste explosive Post an Buckley Crist, einen Professor für Werkstofftechnik an der Northwestern University in Evanston, Illinois. Es war der Auftakt einer 18 Jahre langen Reihe von Sprengstoffanschlägen, bei denen drei Menschen starben. Seine Bomben schickte der Anarchist zunächst an Universitätsprofessoren und Fluggesellschaften, später auch an weitere Vertreter des seiner Auffassung nach zerstörerischen Fortschritts der Industriegesellschaft. Bis heute gelten die Ermittlungen zur Ergreifung des eremitisch in einer Waldhütte lebenden „Unabombers“ mit bis zu 150 Ermittlern und Agenten sowie Kosten von etwa 50 Millionen US-Dollar als die teuersten in der Geschichte des FBI. Kein Wunder, dass dieses spannende Kapitel der US-Kriminalgeschichte schon mehrfach aufgearbeitet wurde.

Während etwa der vierteiligen Doku-Serie „Die verrückte Wahrheit über den Unabomber“ mit Archivaufnahmen ein umfassendes Psychogramm der Radikalisierung des einstigen Assistenzprofessors zum Serientäter gelingt, scheitert der Spielfilm „Ted K“ (2021) auch wegen eines fehlenden inhaltlichen Kompasses genau daran. Drei Jahre nach dem Tod des realen Ted Kaczynski im Gefängnis versucht die fiktionalisierte Netflix-Produktion „Unabomber“ jetzt, sich dem Thema vor allem über Spannung zu nähern. So wird der Plot auf ein Fernduell zwischen einer Profilerin und dem Serientäter zugespitzt.

Obwohl „Star Wars: Andor“-Regisseur Janus Metz Action und Suspense solide meistert, ist das Thrillerdrama mit seinen zwei Zeitebenen zu überambitioniert. Das Autorengespann Sam Chalsen und Nelson Greaves, das bereits bei der Serie „Sleepy Hollow“ zusammenarbeitete, erzählt einerseits von den Ermittlungen, die schließlich zur Ergreifung Kaczynskis führen. Andererseits blickt „Unabomber“ zurück auf dessen Harvard-Jahre und sucht dort nach den psychischen und ideologischen Wurzeln seiner späteren Entwicklung. Trotz der beängstigend engagierten Performance von „The Life Of Chuck“-Star Jacob Tremblay und Oscar-Preisträger Russell Crowe finden diese beiden unterschiedliche Filmteile nie ganz zu einer Einheit.

Jacob Tremblay ist beängstigend, doch die Frage, wie dieser junge Mann zum Unabomber wurde beantwortet auch seine Perfomance nicht. Netflix
Jacob Tremblay ist beängstigend, doch die Frage, wie dieser junge Mann zum Unabomber wurde beantwortet auch seine Perfomance nicht.

Kurz nachdem das Manifest des „Unabombers“ im September 1995 in mehreren Zeitungen veröffentlicht wird, erhält das FBI einen brisanten Hinweis: David Kaczynski (Matthew Kevin Anderson) will im Schreibstil Parallelen zu den Aufsätzen seines Bruders Ted (alt: Michael Laurence) erkannt haben, der seit Jahren bei Lincoln, Montana, zurückgezogen in einer kleinen Hütte im Wald lebt. Während ihre Kollegen dieses Indiz als wenig stichhaltig abtun und einem anderen Täterprofil nachjagen, ist die linguistische Profilerin Joanne Miller (Shailene Woodley) davon überzeugt, den Täter gefunden zu haben. Auf eigene Faust beginnt sie, ihn ins Visier zu nehmen ...

Unterbrochen wird diese durchaus spannende Hatz von kontinuierlichen Rückblenden auf die frühen Jahre des jungen und zurückhaltenden Mathematikstudenten Ted Kaczynski (jung: Jacob Tremblay), der 1958 an der Elite-Universität Harvard dem Charisma des eloquenten Psychologie-Professors Henry Murray (Russell Crowe) erliegt. Der spannt den philosophisch interessierten Studenten unter dem Vorwand eines Debattierwettbewerbs heimlich als Proband für eine von der CIA beauftragte, mehrjährige Studie mit dem erniedrigenden Thematischen Apperzeptionstest (TAT) ein, die Ted zunehmend psychisch zusetzt.

Auf die spannendste Frage gibt es keine Antwort

Die Rückblenden zeichnen nach, wie sich der schüchterne und sozial unbeholfene Ted zunehmend verändert. Er wird aggressiver, verliert sich immer stärker in seinen Gesellschaftstheorien und stößt schließlich auch sein familiäres Umfeld vor den Kopf. So putzt er etwa am Essenstisch seinen Vater, einen Metzger, wütend herunter, als dieser seine Noten kritisiert. Doch zwischen dieser Entwicklung des jungen Kaczynski, die in seiner regelrechten Abkehr vom Leben in der Zivilisation endet, und seinen ersten Anschlägen mit der Post liegen knapp 20 Jahre. Wie wurde aus dem psychisch angeschlagenen und ideologisch zunehmend verhärteten jungen Mann schließlich der gewalttätige Attentäter? Wie radikalisierte sich der spätere Assistenzprofessor für Mathematik so weit, dass er begann, Bomben zu verschicken? Diese spannende Frage bleibt in „Unabomber“ weitgehend unbeantwortet.

Was „Unabomber“ aus den frühen Jahren Kaczynskis tatsächlich zeigt, übt dagegen in den düsteren Bildern mit Sepia-Optik eine beunruhigende Faszination aus. Das ist auch dem starken Cast in dieser zweiten Handlungsebene zu verdanken. Der enorm wandlungsfähige Jacob Tremblay zeichnet nuanciert nach, wie sich der junge Ted immer stärker in philosophische Konstrukte und Gesellschaftstheorien hineinsteigert und dabei zunehmend den Halt verliert. Ihm gegenüber steht Russell Crowe, der nach seinem Part als Hermann Göring in „Nürnberg“ Gefallen an selbstgefälligen und durchtriebenen Charakteren gefunden zu haben scheint. Zwischen eloquenten Vorlesungen über die Metaphern in Herman Melvilles „Moby Dick“, jovialen Empfängen und ausgesuchter Schmierigkeit – etwa wenn er quasi in flagranti mit seiner langjährigen Kollegin ertappt wird – verleiht Crowe seiner Figur eine reizvolle Ambivalenz.

Russell Crowe darf mal wieder groß aufspielen. Netflix
Russell Crowe darf mal wieder groß aufspielen.

Doch nur selten ergeben sich dabei wirkliche Verbindungen zwischen den beiden Handlungsebenen. Der junge Kaczynski ist zunehmend vom Verderben des industriellen Fortschritts überzeugt und rennt mit seinen Überzeugungen ebenso vehement gegen alle Widerstände und Kritiker an wie Jahrzehnte später die fiktive FBI-Linguistin Miller. Darüber hinaus bleiben die Parallelen aber überschaubar.

Vor allem bleibt die Figur, die hier als Ersatz für den realen Profiler James R. Fitzgerald fungiert, dem es gelang, Kaczynski zu überführen, erstaunlich austauschbar. Die erzählerische Freiheit einer fiktiven Figur wird kaum genutzt: Eine Auseinandersetzung mit ihrer Motivation findet ebenso wenig statt wie ein genauerer Blick auf ihr Privatleben. Dadurch weist sie nur wenig Profil auf, was seinen Anteil daran hat, dass der gesamte, in den 90er-Jahren spielende Thriller-Plot allzu funktional und entsprechend generisch heruntererzählt bleibt. Das verstärkt auch der dick aufgetragene, dramatische Streicher-Score von Marco Beltrami („Scream 7“).

Fazit: Die Hatz rund um die Ergreifung eines der berüchtigtsten Serientäter der USA wird nach Schema F heruntererzählt, während die Rückblenden auf Ted Kaczynskis junge Jahre wesentlich mehr Tiefgang und Faszination entwickeln. So gelingt der Spagat zwischen spannendem Thriller und beklemmendem Psychogramm trotz der spielfreudigen Jacob Tremblay und Russell Crowe nur phasenweise.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren