Alles andere als vulgär!
Von Gaby SikorskiWeder ein Start-up aus dem Silicon Valley noch ein milliardenschwerer Technologiekonzern war dafür verantwortlich, dass sich um das Jahr 2015 herum das Sexualleben von Millionen von Frauen veränderte. Hinter dem weltweit erfolgreichen „Womanizer“ stand vielmehr das bayerische Ehepaar Brigitte und Michael Lenke. Er, Ingenieur und leidenschaftlicher Tüftler, suchte nach einer technischen Lösung für ein ausgesprochen privates Problem seiner Frau. Aus zahllosen Versuchen entstand schließlich ein Gerät, das mithilfe sanfter Luftdruckimpulse einen völlig neuen Ansatz verfolgte und auf diese Weise Frauen innerhalb kürzester Zeit zum Höhepunkt verhelfen konnte.
Die französische Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Reem Kherici („Paris um jeden Preis“) nahm diese ungewöhnliche Geschichte als Ausgangspunkt für ihre Komödie „Chéri, ich komme – Die Erfindung der Lust“, verlegte sie nach Frankreich und verwandelte sie in eine Liebeserklärung an Erfindergeist, gegenseitiges Vertrauen und an die heilsame Kraft ehrlicher Gespräche. Die eigentliche Raffinesse liegt jedoch darin, dass hier gar nicht der Eindruck erweckt wird, es ginge vorrangig um ein Sexspielzeug. Eigentlich ist der Film mit dem – einmal mehr – etwas reißerischen deutschen Titel eine Beziehungskomödie, denn sie erzählt von der Wiederbelebung einer Ehe und von dem, was oft unausgesprochen bleibt: vom Sexleben.
Neue Visionen
Fanny (Alexandra Lamy) lebt in einer glücklichen Ehe. Sie liebt ihren Mann Tom (François Cluzet), einen einstmals erfolgreichen Ingenieur und Erfinder. Erst eine Therapeutin (Reem Kherici selbst) bringt ans Licht, was Fanny ihrem Mann seit mehr als zwanzig Jahren verschwiegen hat: Sie hat noch nie einen Orgasmus erlebt. Was in vielen Komödien zum Auftakt einer Kette von Missverständnissen und Peinlichkeiten führen könnte, entwickelt sich hier erstaunlich feinfühlig zu einer Geschichte über Nähe, Zuhören und gemeinsames Neuanfangen – denn tatsächlich macht Tom Fannys Problem zu seinem eigenen, und das versucht er mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu lösen. Kurz: Er bastelt – sie testet.
Die damit einhergehenden Verwicklungen sind gelegentlich von ergreifender bis bestürzender Komik. Einer der schönsten und wichtigsten Gags, bei dem ein Aquarium inklusive zweier unglücklicher Fischlein im Mittelpunkt steht, basiert sogar auf den Erinnerungen des Ehepaars Lenke. Natürlich gibt es auch einige vorhersehbare Pointen, die unter anderem mit Fannys Ehrgeiz zu tun haben, die Anweisungen ihrer Therapeutin akribisch zu befolgen.
Da kann es dann schon mal passieren, dass die ganze Familie die erotischen Geschichten anhört, mit denen Fanny ihre regelmäßigen Masturbationstermine einleitet. Aber wenn Tom seine Fanny im Jeep über einen kopfsteingepflasterten Kleinstadtmarktplatz kurvt, damit die Vibrationen bei ihr einen Orgasmus auslösen, ist das nicht nur lustig, sondern entwickelt sich geradezu zum Slapstick-Feuerwerk.
Neue Visionen
Dass die durchaus elegante, ziemlich witzige und alles andere als vulgäre Komödie über das Suchen und Finden des weiblichen Höhepunkts als großenteils gelungen betrachtet werden kann, ist aber vor allem Alexandra Lamy und François Cluzet zu verdanken. Die beiden Stars spielen ihre Figuren nicht als Abziehbilder oder Karikaturen, sondern als Menschen. Sie nehmen Fanny und Tom ernst: als zwei Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten, die sich nach mehr als 20 Jahren immer noch lieben, aber plötzlich feststellen müssen, dass Vertrautheit nicht dasselbe ist wie Offenheit.
Aus dieser Erkenntnis wächst nicht nur eine neue Intimität, sondern auch eine Art Teamgeist, der Fanny und Tom noch mehr zusammenschweißt. Die Komik entsteht dabei vor allem aus den Charakteren, genauer: aus Toms unbeirrbarem Erfinderdrang und aus Fannys ehrgeizigen Versuchen, den Ratschlägen ihrer Therapeutin zu folgen.
Das Erstaunliche ist, wie gut Alexandra Lamy und François Cluzet bei ihrem ersten gemeinsamen Kinoauftritt harmonieren: Er, der mit seinem Auftritt als gelähmter Millionär in „Ziemlich beste Freunde“ vermutlich schon ins ewige Leinwandgedächtnis eingegangen ist und noch immer genauso spitzbübisch grinsen kann wie früher – und sie, die mit ihrer Schlagfertigkeit und lässigen Eleganz nicht nur mithalten kann mit dem gewiefteren Komödianten Cluzet, sondern sogar den Ton angibt. Zwischen den beiden stimmt nicht nur die Chemie – hier stimmt alles: das Timing, der Humor, die Blicke und die kleinen Gesten. Es ist eine wahre Freude, den beiden Stars zuzusehen, die offenkundig mit Spaß bei der Sache sind.
Auch wenn nicht jede Nebenfigur hundertprozentig gelungen ist und die Präsenz erhält, die sie verdient hätte, ist der Film insgesamt gelungen. Vor allem Mitty Hazanavicius, eine offenbar hochtalentierte junge Darstellerin, die hier Fannys und Toms Tochter Elsa spielt, kommt leider zu kurz. Die Nebenhandlung um den Verkauf des elterlichen Hauses, den Elsa leiten soll, bringt immerhin ein paar zusätzliche Lacher, ist aber ansonsten herzlich überflüssig. Doch selbst wenn das Drehbuch schwächelt, rettet die durchgängig leichte und freundliche Atmosphäre den Moment, die Szene – und damit den ganzen Film.
Fazit: Die elegante Komödie ist unterhaltsam, ein bisschen frivol, aber keineswegs ordinär oder pornografisch. Sie feiert weder sexuelle Selbstoptimierung noch technische Wunderversprechen, sondern die vielleicht schönste Erkenntnis einer langen Beziehung: dass selbst nach Jahrzehnten noch etwas Gutes entstehen kann – aus einem ehrlichen Gespräch oder aus einer verrückten Idee.