Hier rostet absolut gar nichts!
Von Michael MeynsRegisseur Andreas Dresen und Autorin Laila Stieler beschäftigen sich gern mit großen Themen. Ihre vorherigen drei gemeinsamen Filme handelten vom Umgang mit der Stasivergangenheit („Gundermann“), von falschen Vorwürfen des islamischen Terrorismus („Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“) sowie vom Widerstand im Dritten Reich („In Liebe, Eure Hilde“). In „Alte Liebe“ geht es hingegen „nur“ um ein älteres Ehepaar, das seit Jahrzehnten verheiratet ist und sich in- und auswendig kennt. Klein und intim wirkt das, zumal der Film kammerspielartig fast völlig im Haus und Garten des Paares angesiedelt ist.
Doch gerade in diesem Kontext, wo die großen weltpolitischen Fragen höchstens einmal im Hintergrund mitschwingen, wenn im Fernsehen Markus Lanz und seine Gäste diskutieren, kommen die spezifischen Stärken von Dresen und Stieler besonders gut zum Tragen: ein feines Gespür für Zwischentöne, eine genaue Beobachtungsgabe und nicht zuletzt ein tiefer Humanismus, der die Zusammenarbeit dieses kongenialen Duos seit langem auszeichnet.
Pandora Filmproduktion
Irgendwo am Rande von Berlin, man darf vermuten, dass es sich um den ehemaligen Ostteil der Stadt handelt, haben Harry (Joachim Król) und Lore (Dagmar Manzel) sich ein kleines Reich geschaffen, das wie eine Burg wirkt. Das Wohnzimmer des Einfamilienhauses wirkt einladend und geräumig, in der Küche hantiert Lore, der Garten dagegen ist Harrys Revier. Seit seiner Pensionierung bemüht sich der Endsechziger um die Pflanzen, die dem Grantler näher sind als die meisten Menschen. Das Haus verlässt er nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt.
Lore dagegen braucht noch mehr. Sie arbeitet in einer kleinen Stadtteilbibliothek, organisiert Lesungen, schwärmt bisweilen auch für die deutschen Literaturgrößen, die für einen Moment Teil ihrer kleinen Welt werden (inklusive toller Gastauftritte der Autoren Christoph Hein und Clemens Meyer, von denen Dresen bereits die Romane „Willenbrock“ und „Als wir träumten“ verfilmt hat). Seit Jahrzehnten ist das Paar nun verheiratet, kennt und kabbelt sich, ist genervt von den Macken des anderen, aber auch glücklich über das Wissen, jemanden zu haben, der einen so gut kennt. Alte Liebe rostet eben nicht …
Bei neun Filmen haben Andreas Dresen und Laila Stieler inzwischen schon zusammengearbeitet – und sich dabei zwischen Originalstoffen und Literaturverfilmungen bewegt. Bei „Alte Liebe“ diente ein Bestseller von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder als Vorlage. Die Co-Autor*innen waren selbst jahrelang verheiratet, haben aber auch nach der Trennung weiterhin zusammengearbeitet. 2009 entstand so der gemeinsame Roman, den nun Laila Stieler behutsam adaptierte. Dabei wurde der Fokus allerdings leicht verändert, denn während Heidenreich und Schroeder in Westdeutschland aufgewachsen sind, stammen Stieler und Dresen aus dem ehemaligen Osten – eine Prägung, die in ihren Filmen immer zu spüren ist, mal mehr, mal weniger.
Besonders bei Harry – sicher auch, um die Universalität des Ganzen zu betonen, mit dem aus dem Ruhrgebiet stammenden Joachim Król besetzt – schimmert immer wieder ein Missfallen über die deutsch-deutschen Befindlichkeiten durch. Etwa in Form eines gewissen Neids auf die Westdeutschen und auf das Geld, das oft geerbt oder durch allzu raubtierkapitalistisches Gebaren erworben wurde. Genau solch einen Wessi-Kapitalisten heiratet aber die Tochter in Leipzig – nicht ihre erste Ehe und eine verzogene Tochter hat sie auch schon, die beim Besuch bei den Großeltern sofort hinter der PlayStation verschwindet. Beim gemeinsamen Wundern über die Enkelin und die frischgebackenen Eheleute sitzen Harry und Lore zusammen im Garten und lachen über die Welt, die sich in Richtungen entwickelt, die sie nicht verstehen. Dann wieder kommt es zu heftigen Streitereien – besonders Harrys Unlust, sich Neuem zu öffnen, reizt Lore bis zur Weißglut.
„Szenen einer Ehe“ also, doch auch wenn man manchmal unweigerlich an den Klassiker von Ingmar Bergman denken muss: So hart und unerbittlich wie beim Schweden geht es hier nie zu, dafür glauben Dresen und Stieler zu sehr an das Gute im Menschen. Wie schon „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ oder „In Liebe, Eure Hilde“ bedient sich auch „Alte Liebe“ einer auf den ersten Blick monotonen Dann-und-dann-und-dann-Dramaturgie, die bewusst auf dramatische Höhepunkte verzichtet.
Die Wucht der Erzählung entwickelt sich auch hier aus dem unerschütterlichen Fundament: So wie Rabiye Kurnaz trotz aller Hindernisse immer weiter und weiter für ihren unrechtmäßig inhaftierten Sohn kämpft, so bilden die Jahrzehnte des Zusammenlebens die Basis der Beziehung von Harry und Lore, der selbst punktuell dramatisch wirkende Konflikte nichts anhaben können. In der genauen, auch liebevollen Beobachtung einer bewährten Beziehung liegt die Stärke eines Films, der klein wirkt, aber doch von Essenziellem erzählt.
Fazit: Auf den ersten Blick mag „Alte Liebe“ wie ein Nebenwerk wirken, das sich nicht mit großen Themen, sondern „nur“ mit einer erprobten Beziehung beschäftigt. Doch auf Dauer zeigt sich einmal mehr die besondere Klasse von Andreas Dresen und Laila Stieler, denen es mit feinen Beobachtungen gelingt, ein Paar zu zeigen, das sich so gut kennt und so sehr respektiert, dass selbst größere Streitigkeiten diese Liebe nicht durchrosten lassen.