Auch Hessen kann Western!
Von Björn SchneiderFünf Jahre sind vergangen, seit Peter Meister mit dem skurrilen Schwank „Das schwarze Quadrat“ sein mehrfach ausgezeichnetes Debüt vorlegte. Auch wir waren angetan. Volle 4 Sterne gab’s von FILMSTARTS für die – unter anderem mit Sandra Hüller – prominent besetzte Gaunerkomödie über zwei Kunstdiebe, die auf einer Kreuzfahrt von einer irren Situation in die nächste stolpern. Meister thematisiert in „Das schwarze Quadrat“ das Spiel mit Identitäten ebenso wie die Absurditäten zwischenmenschlicher Beziehungen. Ferner geht er der Frage nach, welche Eigendynamiken immerwährende Täuschungen und Lügen entwickeln können. Wieso wir das hier erwähnen?
Ganz einfach, weil sich der Bonner Filmemacher in seinem zweiten Spielfilm „Bärenjagen“ mit ähnlichen Inhalten befasst – diesmal allerdings in Form einer rabenschwarzen Historien-Tragikomödie, die uns 200 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt. „Bärenjagen“ ist zwar in ein gänzlich anderes erzählerisches Gewand gehüllt als „Das schwarze Quadrat“. Doch der Film entblößt die bürgerliche Fassade und den „schönen Schein“ mindestens ebenso radikal und auf eine vergleichbar lakonische Art. Auf eine gepfefferte Portion Lokalkolorit sollte man aber besser nicht allergisch reagieren, wenn man mit „Bärenjagen“ seinen Spaß haben will.
Port au Prince Pictures GmbH
Im Jahr 1834 sind in vielen Gegenden Deutschlands Hungersnöte, Kriminalität und Widerstand gegen die Obrigkeit an der Tagesordnung. In diesen wirren Zeiten verliebt sich der Drucker Heinrich (David Scheid) in Minna (Aenne Schwarz). Das Paar will die Armut und Unterdrückung hinter sich lassen und gemeinsam in den USA einen Neuanfang wagen. Da gibt es allerdings zwei Probleme. Erstens: Minna ist die Frau von Heinrichs Bruder Gustav (Christopher Schärf). Zweitens: Heinrich fehlt das Geld für die Reise. Die Gendarmerie schiebt einen mysteriösen Mordfall unterdessen dem letzten deutschen Bären in die Schuhe – auf den deshalb ein attraktives Kopfgeld ausgesetzt wird. Heinrich und Minna wittern ihre Chance ...
„Bärenjagen“ ist ein Film, der viel von seinem Reiz aus seinem regionalen Einschlag bezieht. Im historischen Großherzogtum Hessen angesiedelt, befinden wir uns einer Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche und zunehmender Proteste. Kein Wunder: Die Landbevölkerung leidet, während der Großherzog und die Seinen im Luxus schwelgen und zur Aufrechterhaltung der Ordnung einen rigorosen Polizeistaat (oder besser: Soldatenstaat) errichtet haben. Dieses Hintergrundwissen braucht es, um die Verhaltensweisen der Figuren zu verstehen – und ebenso die Dynamik, welche die Mär um den angeblichen Bären und die darauffolgende Jagdhysterie annimmt.
Meister kreiert den Mikrokosmos einer armen, abgeschieden lebenden hessischen Dorfgemeinschaft (gedreht wurde an Originalschauplätzen in Bad Homburg und der Region Frankfurt). Die Exzentrik und Schrulligkeit der Bewohner*innen und vor allem der makabre Witz, den sie – als Überlebensmuster – an den Tag legen, erinnern bisweilen an Marcus H. Rosenmüllers „Wer früher stirbt, ist länger tot“. Hier wie dort lassen sich Elemente der urigen Provinzkomödie, des Heimatwesterns und der volkstümlich-traditionellen Folklore ablesen. Doch „Bärenjagen“ ist nicht nur deutlich melancholischer und düsterer als Rosenmüllers Kinoerfolg, sondern vor allem auch politischer.
Florian Mag / Port au Prince Pictures GmbH
In „Bärenjagen“ tischt die Regierung den Bürger*innen Märchen auf, um sie zu besänftigen. Eine Jagd, die die Menschen von ihrem eigenen Dilemma ablenkt und die Hoffnung auf bessere Zeiten (die 5.000 Gulden Kopfgeld) nährt? 1834 scheinbar die perfekte „Fake News“ zur rechten Zeit. Schließlich befürchtet die herrschende Elite nichts mehr als die – wie es der Major an einer Stelle sagt – „handfeste Revolution des bürgerlichen Gesindels“. Eine der Figuren bringt die eigene Notlage treffend auf den Punkt: „Es geht hier alles den Bach runter.“ Dies alles sind kluge Entsprechungen und Verweise auf zeitgemäße Fragestellungen, Themen und Probleme im Jahr 2026.
Es geht um Manipulation, Leichtgläubigkeit, Egoismus, die Lenkung der Massen und die Frage, zu welchen Taten Menschen in ihrer Not bereit sind. Politischer kann ein (Anti-)Heimatfilm kaum sein! Meister verpackt seine Seitenhiebe auf das Establishment und die Ohnmacht der Politik auf kluge Weise mit Mitteln der makabren Komödie. In Phasen der Tragik und Ausweglosigkeit das Lachen nicht zu verlernen, ist eine hohe Kunst. Eine Kunst, die „Bärenjagen“ beherrscht. Der Film entlockt einem selbst in den tristesten, schwärzesten Momenten ein Lächeln – oder zumindest ein Grinsen. Dafür sorgen der trocken-zynische Galgenhumor und die gepfefferten OnelLiner.
Auch der spielstarke Cast trägt seinen Teil bei. Schön zudem: Der mehrstimmige Gesang und die verträumten Klänge der Essener Folk-Band Düsseldorf Düsterboys, die den Film akustisch stimmungsvoll untermalen. Der einzige echte Kritikpunkt ist, dass „Bärenjagen“ im Mittelteil etwas unentschlossen wirkt und es zu unnötigen inhaltlichen Abschweifungen kommt, die die Handlung in die Länge ziehen und künstlich aufblähen. Dafür entschädigt das herrlich abgedrehte, fast ins Groteske abdriftende Finale, in dem sich die Ereignisse überschlagen. Im Angesicht des Todes verlieren alle Beteiligten ihre letzten Hemmungen und bringen in einem aberwitzigen Finalkampf die ganze Tragikomik der Geschehnisse in wenigen Sekunden nochmals auf den Punkt.
Fazit: Von wegen Heimatidyll – „Bärenjagen“ ist eine bitterböse, anspielungsreiche und durch und durch gesellschaftskritische Mixtur aus Historienfilm, Provinzposse und Westernabenteuer. Der Film legt den Finger tief in die Wunde und dekonstruiert den Mythos von der dörflichen heilen Welt als ein Ort der Verdrängung, Unfreiheit und Bigotterie. Aber: Er setzt ein Mindestmaß an Geschichtsbewusstsein und ein Faible für satirische Parabeln voraus.