Coming-of-Age inmitten von Hardcore-Pornos
Von Christoph PetersenStreicheln und Küssen geht schon deshalb nicht, weil es der Kamera die Sicht auf die „wirklich wichtigen Dinge“ versperrt. Also keine Intimität, nur Penetration. Der in die Jahre gekommene Pornostar Dylan (Andrew Howard) ist da oldschool – und vielleicht gehen gerade deshalb die Downloads seiner selbstvertriebenen Hardcore-Videos zunehmend runter. Sein Geschlechtsteil erreicht zwar immer noch eine beachtliche Größe; sein Künstlername „Dylan Savage“ kommt also nicht von ungefähr. Allerdings bedarf es dafür mittlerweile zunehmend chemischer Unterstützung. Man hätte sich Dylan auch sehr gut als Protagonisten von „Truly Naked“ vorstellen können, dann wäre bei dem Langfilmdebüt von Muriel d'Ansembourg wahrscheinlich so etwas wie die Porno-Version von Darren Aronofskys „The Wrestler“ herausgekommen.
Stattdessen steht jedoch Dylans Teenager-Sohn Alec (Caolán O'Gorman) im Zentrum. Mit ihm erweist sich „Truly Naked“ im selben Moment als typischer, unbedingt mainstreamtauglicher Coming-of-Age-Film, der für das angepeilte breite Publikum zugleich aber auch einiges an Schockpotenzial bereithält. Vor der letzten Berlinale-Vorstellung gab der anwesende Produzent dem Publikum – wohl auch als Reaktion auf die vorherigen Vorführungen – jedenfalls noch zwei Hinweise mit auf den Weg: Die Sexszenen seien alle nur simuliert, man müsse also nicht direkt nach der ersten Szene, einer Hardcore-Variation von Shirley Eatons ikonischem Bond-Girl-Auftritt in „Goldfinger“, den Saal verlassen. Und was den Oktopus angeht, der später noch eine ebenso wichtige wie schleimige Rolle spielen wird, seien garantiert keine Tiere bei den Dreharbeiten zu Schaden gekommen.
DoP Myrthe Mosterman
Seit das Geld immer knapper wurde, wird jedenfalls im heimischen Wohnzimmer gedreht. Alec übernimmt dabei die Kamera, den Schnitt und die Photoshop-Covergestaltung, bei der er seinem Vater die Rettungsringe wegretuschiert und die Hinterteile der Darstellerinnen noch größer zaubert. Auch für Sonderwünsche der Kundschaft ist der Sohn zuständig: So hat jemand ein Foto der Stammdarstellerin Lizzie (Alessa Savage) – für Alec inzwischen fast wie eine große Schwester – mit fünf qualmenden Zigaretten in ihrem Poloch bestellt. Für die Miete in London reicht es aber trotzdem nicht mehr – und so zieht das Vater-Sohn-Gespann in ein kleines Städtchen an der Küste, wo Alec auch in der Schule auf einen Neuanfang hofft. Schließlich weiß hier noch (!) niemand, was sein Vater beruflich so treibt.
Auf der einen Seite folgt „Truly Naked“ dabei Schritt für Schritt dem erprobten Coming-of-Age-Muster – Feelgood-Faktor inklusive: Wenn sich Alec in der neuen Schule in seine feministisch erzogene Klassenkameradin Nina (Safiya Benaddi) verknallt, mit der er gemeinsam ausgerechnet ein Referat über Online-Pornosucht halten soll, ist das genauso süß, wie man es von solch einem Film erwarten würde. Zugleich drängt die düstere Thematik immer wieder auf verstörende Weise in die an sich so luftige Teenie-Liebesgeschichte hinein: So ejakuliert Alec gleich beim ersten Mal ohne ihre Einwilligung auf seine Partnerin – wie er es eben von den Drehs gewohnt ist. Es ist zunehmend ein Problem, dass Jugendliche vor ihren ersten sexuellen Erfahrungen bereits zahllose Pornos gesehen haben. Aber wie ist das dann erst, wenn man vor dem ersten eigenen Mal bereits zahllose Pornos gedreht hat?
DoP Myrthe Mosterman
„Truly Naked“ zeichnet Alec, Dylan und Lizzie als dysfunktionale, aber trotzdem auch liebenswürdige Wahlfamilie. Der Umstand, dass Dylan vor seinem minderjährigen Sohn Sex hat und deshalb eigentlich in den Knast gehört, wird über Alecs Intimitätsprobleme hinaus weitestgehend ausgeblendet. Nichtsdestoweniger nimmt Muriel d'Ansembourg – ähnlich wie Ninja Thyberg vor einigen Jahren in „Pleasure“ – ganz eindeutig eine Anti-Porno-Haltung ein, ohne deshalb im selben Augenblick auch die Macher*innen oder gar Darstellenden selbst blind zu verdammen. Angesichts des seit Jahrzehnten andauernden Pornos-gut-oder-schlecht-Diskurses im feministischen Kino kratzt „Truly Naked“ zwar nur an der Oberfläche, aber gerade für einen Publikumsfilm traut er sich erstaunlich viel zu.
Nur einmal greift der Film dabei auf einen billigen Trick zurück: Als eine junge Frau, die Dylan von der Straße weg gecastet hat, den Dreh aus Überforderung abbricht, was ihr aufgrund von akuter Geldnot offensichtlich schwerfällt, sieht man beim Hinausgehen noch, wie sie einen Kindersitz von ihrer Rückbank nimmt. Zum Glück bleibt das aber ein einmaliger Aussetzer – und dann klingelt ja auch noch der Spediteur mit einem riesigen Wassertank an der Tür…
Fazit: Wohlfühlkino mit Schockappeal.
Wir haben „Truly Naked“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Sektion Perspectives seine Weltpremiere gefeiert hat.