"Sherlock" trifft "Shōgun"
Von Björn BecherDie historischen Ränkespiele und Kriegsstrategien von „Shōgun“ kombiniert mit dem genialen Ermittlungsverstand von Meisterdetektiv Sherlock Holmes: Diese beiden Zutaten führt der auf das Sprengen von Genre-Grenzen spezialisierte Kultregisseur Kiyoshi Kurosawa („Before We Vanish“) in „The Samurai And The Prisoner“ zusammen. Die Adaption des mehrfach preisgekrönten Bestsellers von Honobu Yonezawa beeindruckt nicht nur mit herausragender Ausstattung und starken Bildern, sondern vor allem auch durch ihre Vielseitigkeit.
Kurosawa paart Whodunit-Rätsel mit einem packenden Psycho-Duell – und erzählt nebenbei unglaublich viel über das feudale Japan. Allerdings verlangt das erste Samurai-Drama des einst mit dem Horrorfilm „Cure“ bekannt gewordenen Filmemachers dem Publikum auch eine Menge Geduld ab. Ausladend lange Dialogpassagen, ein teils sichtbares Desinteresse an Schlachten und die hier eher blutleeren Kämpfe entschleunigen das Geschehen immer wieder. Auch der Aufbau in vier Kapiteln hat etwas Schematisches. Lässt man sich aber darauf ein und findet einen Zugang, wird man reichlich belohnt.
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Im Jahr 1578, also in der japanischen Sengoku-Zeit, entscheidet sich der einflussreiche Samurai-Fürst Araki Murashige (Masahiro Motoki) überraschend dafür, gegen seinen mächtigen Feudalherren Oda Nobunaga (Bando Shingo) zu rebellieren. Von nun an muss er sich in seiner Burg Arioka verschanzen, die bald von Nobunagas Truppen belagert wird. Zuvor versucht der Gesandte Kuroda Kanbei (Masaki Suda), Murashige zum Aufgeben zu überreden. Entgegen den Gepflogenheiten der Samurai tötet ihn der rebellierende Lord allerdings nicht, sondern schmeißt den Boten in den Kerker.
In den folgenden vier Jahreszeiten ereignen sich innerhalb der Mauern rätselhafte Vorfälle. Es wird ein Mord begangen, der fast unmöglich scheint. Die Identität eines abgeschlagenen Kopfes, der auf mysteriöse Weise plötzlich verformt ist, muss geklärt werden. Bei einem Doppelmord verschwindet ein wertvolles Teeservice, das eigentlich helfen sollte, neue Verbündete zu gewinnen. Und dann scheint sogar der Zorn Gottes persönlich zuzuschlagen. Bei allen Mysterien beißt sich Murashige erst einmal die Zähne aus. Sein einziger Weg zur Lösung führt ausgerechnet zu dem genialen Strategen Kanbei hinab in den Gefängniskeller …
Dass Kiyoshi Kurosawa erstmals in seiner Karriere tief ins historische Samurai-Kino eintaucht, bedeutet nicht, dass er seine vertrauten Themen hinter sich lässt. Die belagerte Burg erweist sich vielmehr als typischer Schauplatz des Regisseurs, der gerne mit Isolation und Paranoia spielt. Wobei die Paranoia in diesem Fall womöglich sogar begründet ist – denn nicht nur der erste Mord beweist, dass Murashige allen Anlass zur Sorge hat.
Immer wieder werden geschickt die schwelenden Spannungen herausgearbeitet. Die zahlreichen kleineren Lords und ihre Clans, die Murashige eigentlich die Treue geschworen haben, verfolgen unterschiedliche Interessen. Diverse Religionen – u. a. verschiedene Auslegungen des Buddhismus und das Christentum – bergen zusätzliches Konfliktpotenzial. Jedes neue Mysterium ist geeignet, die Moral der Truppen zu schwächen oder bisherige Untergebene zu Feinden zu machen. So muss sich der Fürst in seiner Not immer wieder an den genialen Analytiker im Kerker wenden.
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Die Beziehung der beiden Protagonisten erinnert ein wenig an das legendäre Ermittlerduo Sherlock Holmes und Dr. Watson – allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Die Beweise trägt hier nicht der Assistent zusammen, sondern der Kriegsherr, der eigentlich die Oberhand haben sollte. Holmes-Wiedergänger Kanbei sitzt dagegen im Kerker und zieht dort nur anhand der ausführlichen Protokolle seine genialen Schlussfolgerungen. Die Auflösungen präsentiert er jedoch ebenfalls nur in Form von rätselhaften Hinweisen, sodass die Ermittlungen selbst danach noch weitergehen.
Murashige und Kanbei sind schließlich auch Widersacher – und so entspinnt sich trotz der bereitwilligen Ermittlungshilfe ein Psycho-Duell. Der Gefangene versteht es immer wieder, seinen Intellekt für Manipulationen zu nutzen. So kann er sich beispielsweise eines Wärters entledigen, der ihn regelmäßig brutal foltert – und dafür muss er nicht einmal die Ketten an seinen Gliedmaßen ablegen. Die Aufeinandertreffen der beiden Protagonisten sind rar gesät, erweisen sich über die stolze Laufzeit von 147 Minuten hinweg jedoch als die absoluten Prunkstücke des epischen Werks.
Die Gespräche auf Augenhöhe sind fester Bestandteil eines etwas schematischen Aufbaus. Es gibt vier Kapitel – passend zu den Jahreszeiten Winter, Frühling, Sommer und Herbst. In jeder Episode werden dieselben Stationen abgeklappert: Die Belagerung wird schlimmer, es gibt neuen Zwist innerhalb der Mauern und der Burgherr führt ein wichtiges Gespräch mit seiner Frau Chiyoho (Yuriko Yoshitaka). Hinzu kommen das Mysterium des jeweiligen Abschnitts, die ausführliche Ermittlungsarbeit, die Schlussfolgerungen des Gefangenen und schließlich die offizielle Auflösung.
„The Samurai And The Prisoner“ ist damit auch eine Geduldsprobe. Die Diskussionen und Dialoge ufern oft aus. Viele Gespräche über Ehre, moralische Schuld oder die Bereitschaft, für den Lord zu sterben, fallen trocken aus. Viel Zeit wird darauf verwendet, diese Welt mit ihren Ritualen und Machtmechanismen zu entwerfen – allerdings ohne sie dem Publikum dabei groß zu erklären.
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Obwohl es ein Samurai-Film ist, in dem es noch dazu um eine belagerte Burg geht, interessiert sich Kurosawa kaum für Blutvergießen. Selbst wenn es dann doch mal zu einer Schlacht kommt, wird das Kriegsgetümmel mit einer gewissen Distanz gefilmt. Ganz bewusst scheint man das Publikum hier gar nicht so direkt emotional mitreißen zu wollen. Es sind eher die Folgen des Todes, die den Filmemacher interessieren – und die Auswirkungen, welche die Schlachten auf das politische und moralische Gefüge der Burggemeinschaft haben.
Das macht „The Samurai And The Prisoner“ stellenweise spröde, aber gleichzeitig auch zu einem fesselnden Kammerspiel im Gewand eines großen Historienfilms. So reduziert die Action inszeniert wird, so deutlich merkt man, wie groß dieser Film gleichzeitig auch gedacht ist. Ausstattung, Kostüme und Schauplätze sind durchgehend prachtvoll und erleichtern es, sich auf das Geschehen einzulassen. Wem das gelingt, der bekommt einen bemerkenswert anderen Samurai-Film, der die Machtspiele jener Zeit, Detektivarbeit und Kurosawas Gespür für unterschwellige Bedrohung sehr reizvoll miteinander verbindet.
Fazit: Kiyoshi Kurosawas erster Samurai-Film ist kein actionreiches Schlachtenepos, sondern ein geduldiges, klug konstruiertes und visuell beeindruckendes Historien-Krimi-Kammerspiel. „The Samurai And The Prisoner“ begeistert dabei vor allem mit einer dichten Atmosphäre sowie dem starken Psychoduell zwischen den beiden Titelfiguren.
Wir haben „The Samurai And The Prisoner“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film seine Weltpremiere in der Sektion Cannes Premiere gefeiert hat.