Um 100 Jahre in der Zeit vertan
Von Christoph PetersenAuf dem Plattenspieler läuft Cool Jazz. Neben dem Anzug wird auch das Einstecktuch frisch gebügelt. Die Accessoires liegen fein säuberlich auf einem Tablett bereit – und vor dem Verlassen der Wohnung wird der Tag mit einem Drittelglas Whiskey eingeläutet. Was den Look jedoch perfekt macht, ist der Fedora – jener klassische Herrenhut, den einst Humphrey Bogart als Inbegriff des geheimnisvollen Noir-Helden etabliert hat. Keine Frage: Dieser Joe Diamond (Andy Garcia) sieht tatsächlich aus wie einer jener Anti-Helden aus den Detektiv-Groschenromanen, die vor allem in den 1920er-Jahren immens populär waren. Doch dann tritt Joe auf die Straße – und wird dort fast von einem autonom fahrenden Taxi überrollt.
Andy Garcia spielt in „Diamond“ nicht nur die Hauptrolle, er hat auch das Drehbuch geschrieben und nach „The Lost City“ von 2005 zum zweiten Mal bei einem Spielfilm die Regie übernommen. Vor der Weltpremiere in Cannes gab es nur das eine Szenenbild unter diesem Absatz – kein Wunder also, dass alle dachten, es handle sich um ein Period Piece. Das Publikum wurde also ebenso von dem Taxi überrascht wie der Protagonist selbst. Obwohl sich der Titelheld um ziemlich genau ein Jahrhundert in der Zeit vertan zu haben scheint, ist er dennoch keine Witzfigur – sondern im Gegenteil sogar erstaunlich erfolgreich mit seinen Methoden.
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Der Fall einer entführten Flamingo-Herde hat ihn zum Social-Media-Star gemacht, obwohl er selbst nicht mal weiß, was TikTok überhaupt ist. Auch der LAPD-Ermittler 'Danny Boy' McVicar (Brendan Fraser) hat nur Respekt für Joe übrig, speziell seitdem dieser einen seit Wochen verschwundenen Hotelgast tot im Wasserreservoir auf dem Dach des Hauses gefunden hat. Aber dann wird der Privatdetektiv von der mysteriösen, stets Sonnenbrille tragenden Witwe Sharon Cobbs (Vicky Krieps) angeheuert. Sie wird verdächtigt, ihren ebenso wohlhabenden wie gewalttätigen Ehemann im Poolhaus ermordet zu haben – und Joe soll nun herausfinden, wer wirklich hinter der Tat steckt.
Dabei stößt er – in bester „Chinatown“-Manier – auf eine weitreichende Verschwörung um Grundstücksspekulationen, in die unter anderem auch der Anwalt Bruce Tenenbaum (Danny Huston) und ein geheimnisvoller Power Broker (Robert Patrick) verwickelt zu sein scheinen. Zum Glück kann sich Joe ganz auf die Unterstützung seines Anwalts/Barkeepers Jimbo (Bill Murray), seiner Sekretärin Elizabeth (LaTanya Richardson Jackson) und des befreundeten Gerichtsmediziners Dr. Harry Kleiman (Dustin Hoffman) verlassen. Doch dann droht eine mysteriöse Barbekanntschaft (Rosemarie DeWitt), Joe völlig aus der Bahn zu schmeißen …
„Diamond“ ist ein Film, bei dem Form und Inhalt perfekt ineinandergreifen. Wörter wie „TikTok“ fallen zwar immer wieder – und trotzdem ist es nicht Joe, der hier fehl am Platz wirkt. Andy Garcia hat sich bei der Wahl der Drehorte in Los Angeles offensichtlich darauf konzentriert, nur solche Schauplätze zu verwenden, die sich in den vergangenen 100 Jahren tatsächlich kaum bis gar nicht verändert haben. „Diamond“ lässt sich somit voll auf die eigene Wahrnehmungswelt seiner Hauptfigur ein – schließlich hören wir durchgehend seinen typischen Noir-Voiceover, in dem er mit rau-verlebter Stimme vor allem über sein ambivalentes Verhältnis zur Stadt der Engel sinniert. Nicht Joe und sein Fedora sind die Fremdkörper, sondern die schlabbrig gekleideten Touri-Statist*innen, die hier und da mal im Hintergrund vorbeischlendern.
Leider ist Andy Garcia nicht der allerbeste Autor, vor allem bei den Dialogen. Der erschöpft-lakonische Voiceover kommt an die rauchige Poesie der großen Genrevorbilder bei Weitem nicht heran – und Joes trockene Kommentare sind auch allesamt eher mild unterhaltsam als besonders bissig. Auch der Fall ist nicht besonders spannend oder gar clever konstruiert – und trotzdem schaut man sich „Diamond“ gerne an, weil er so bescheiden-unaufdringlich daherkommt und Garcia mit seinen alten Kumpels wie Dustin Hoffman („Die Reifeprüfung“) oder Bill Murray („Ghostbusters“) eine gute entspannte Zeit zu haben scheint. Und dann gibt es da noch den einen ganz großen Twist, den wir wirklich nicht haben kommen sehen – aber auch hier wird mit umständlich-gedehnten Expositions-Monologen einiges an emotionalem Punch liegengelassen.
Fazit: Eine stargespickte Noir-Tragikomödie, die gleichermaßen oldschool (=charmant) und oldschool (=betulich) ist. Für „Diamond“ wurde bereits der Begriff „das Dad-Movie schlechthin“ verwendet – und diese Einordnung bringt es tatsächlich ziemlich gut auf den Punkt, wobei man sie in diesem Fall gar nicht unbedingt als die Beleidigung verstehen muss, als die sie ursprünglich vermutlich gemeint war.
Wir haben „Diamond“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo er als Special Screening seine Weltpremiere gefeiert hat.