Zu oft "Inglourious Basterds" geschaut
Von Christoph PetersenDen wahrscheinlichsten Bauernhof für das Versteck der jüdischen Familie hat er mit mathematischer Logik bestimmt. Er sucht auch nicht wie ein Habicht, so wie die meisten deutschen Soldaten, die immer nur das Offensichtliche sehen, sondern wie eine Ratte, die sich fragt: „Wo würde ich mich verstecken?“ Und dann auch noch der punktgenaue Wechsel vom Französischen ins Englische, um die unter den Bodendielen kauernde Familie von der Unterhaltung auszuschließen. Die Eröffnungsszene von „Inglourious Basterds“ ist in sich schon ein Meisterwerk – und Christoph Waltz hat darin den Archetypus des eloquenten, hochintelligenten, aber psychopathischen Nazi-Schurken genüsslich auf die Spitze getrieben. Dafür gab es völlig zu Recht auch seinen ersten Oscar.
Aber wenn nach einer so ikonischen Rolle noch ein ähnlicher Charakter in einem Film vorkommen soll, dann braucht es dafür schon einen verdammt guten Grund; schließlich kann man kaum anders, als ihn direkt mit Quentin Tarantinos Judenjäger zu vergleichen. Und um das gleich vorwegzunehmen: Der ungarische Regisseur László Nemes hat in seinem grandios gefilmten, kunstvoll mit Licht und Schatten spielenden Widerstands-Heldendrama „Moulin“ eigentlich keinen Grund, aus dem Schlächter von Lyon ein Verhörgenie von Lyon zu machen – zumal doch schon sein ebenso bahnbrechendes wie umjubeltes Langfilmdebüt „Son Of Saul“ von 2015 beweist, dass er es eigentlich besser wissen sollte.
Studio TF1
Der titelgebende Jean Moulin ist in Frankreich als maßgebliche Führungsfigur im Widerstand während des Zweiten Weltkriegs ein unumstrittener Nationalheld. Der Film setzt allerdings erst kurz vor seiner Verhaftung ein: 1942 kehrt der ein Jahr zuvor nach London geflohene Moulin (Gilles Lellouche) im Auftrag von General Charles de Gaulle per Fallschirmsprung in seine Heimat zurück, um die zerstrittenen Widerstandsgruppen zu vereinen.
Aber schon kurz nachdem ihm dies im Mai 1943 gelungen ist, wird der unter dem Tarnnamen Jacques Martel als Innenausstatter lebende Résistance-Chef in Caluire nahe Lyon von der Gestapo verhaftet: In den Verhören setzt der leitende SS-Obersturmführer Klaus Barbie (Lars Eidinger) alles daran, herauszubekommen, welche Gefangenen zur Führung des Widerstands gehören. Aber an Jacques Martel alias Jean Moulin scheint er sich die Zähne auszubeißen …
Mit „Son Of Saul“ hat László Nemes auf Anhieb den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewonnen – und nebenbei einen der herausragenden Holocaust-Filme der letzten 25 Jahre gedreht: Über die gesamte Laufzeit von 107 Minuten bleibt die Kamera dicht am Hinterkopf der Titelfigur, einem jüdischen Gefangenen in Auschwitz, der als Mitglied des „Sonderkommandos“ unter anderem dafür zuständig ist, die Leichen aus den Gaskammern in die Krematoriumsöfen zu schleppen. Dabei wird alles außerhalb seines direkten Aktionsradius unscharf dargestellt, die Leichenberge sind nur schemenhaft im Hintergrund auszumachen – so hat, ähnlich wie später in „The Zone Of Interest“, vor allem das Sounddesign das eigentliche Grauen transportiert. Nemes selbst erklärte dazu, dass er den Holocaust nicht „ästhetisieren“ oder als voyeuristisches Spektakel zeigen wollte.
Aber dieser Ansicht scheint er zehn Jahre später nicht mehr unbedingt zu sein. Schon sein zweiter und dritter Film, die analog gedrehten Historien-Epen „Sunset“ und „Andor Hirsch“, sahen verdammt gut aus. Aber jetzt schießt er wirklich den Vogel ab: Bei seiner Weltpremiere in einer analogen 35mm-Kopie im 2,35:1-Cinemascope-Format projiziert, ist „Moulin“ zwar sicher nicht der beste, aber ziemlich sicher der bestaussehende Film des Cannes-Jahrgangs 2026. Zunächst noch ein Spionage-Thriller, in dem sich Moulin selbstsicher durch die französische Kunst-High-Society bewegt und auf dem Weg zu konspirativen Treffen jede denkbare Vorsicht walten lässt, präsentiert sich „Moulin“ von Beginn weg als erlesener Augenschmaus. Nur ändert sich daran auch nach der Verhaftung nichts: Was für ein Spiel mit Licht und Schatten, wenn die SS-Wagen vorfahren, um Moulin aus dem Gefängnis zum Folterverhör abzuholen – diese Szene könnte so glatt aus „Der dritte Mann“ stammen.
Aber nicht nur ästhetisch passen die Elemente irgendwann nicht mehr zusammen. Da ist dann auch noch die Figur von Klaus Barbie, dem berüchtigten Schlächter von Lyon, der für eine fünfstellige Anzahl von Ermordungen (mit-)verantwortlich war. Statt mit stumpfem Sadismus versucht der Leinwand-Barbie aber, zunächst mit einem genialistischen Wortgespür und Wiener Walzer die Antworten aus Moulin herauszubekommen. Das ist so offensichtlich ein filmisches Stilmittel, dass es schon als Klischee in sich zusammenfällt, bevor Lars Eidinger überhaupt so richtig loslegt, jede einzelne Szene bis zum Anschlag zu melken. Hier sind Nemes und Eidinger gemeinsam der Faszination des Bösen verfallen.
Wenn er irgendwann stolz von SS-Gräueltaten in der Ukraine erzählt, wo die Babys nicht mit ihren Eltern in die Kirchen zum Verbrennen gepfercht wurden, nur um sie später doch noch in das Feuer zu schmeißen, weil sie dann beim Zerplatzen ein Geräusch machen wie ein Champagnerkorken, dann weiß man fast schon nicht mehr, ob man nun lachen oder weinen soll. Keine Frage: In James Gunns „Superman 2: Man Of Tomorrow“ wird er auf genau diese Art als Brainiac einen ganz vorzüglichen Psychopathen-Bösewicht mit Blockbuster-Format abgeben. Aber für „Moulin“ sind er und seine Rolle ein echtes Problem.
Fazit: „Moulin“ sieht absolut fantastisch aus – aber mit seiner Entscheidung, aus dem stumpf-sadistischen Schlächter Klaus Barbie einen hochintelligenten Psychopathen irgendwo zwischen Hannibal Lecter und Hans Landa zu machen, hat László Nemes sich und seinem Publikum keinen Gefallen getan.
Wir haben „Moulin“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere in einem Screening mit 35mm-Analogkopie gefeiert hat.