John Lennon - The Last Interview
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
John Lennon - The Last Interview

KI-Slop und einer der größten Künstler aller Zeiten in einem Film!

Von Michael Meyns

Am Nachmittag des 8. Dezember 1980 fanden sich die vier Radio-Journalist*innen Dave Sholin, Laurie Kaye, Ron Hummel und Bert Keane im legendären Dakota-Building in New York ein, um eines der berühmtesten Pop-Paare der Geschichte zum Interview zu treffen: John Lennon und Yoko Ono. Für das wenige Wochen vorher veröffentlichte Album „Double Fantasy“, Lennons erste Platte seit fünf Jahren, wollte das Duo seine noch längere Funkstille beenden. Dass es John Lennons letztes Interview werden sollte, konnte da noch keiner wissen. Nur wenige Stunden später wurde der Ex-Beatle von Mark David Chapman erschossen.

46 Jahre später nimmt Steven Soderbergh („Magic Mike“) das Interview als Basis für einen Porträtfilm. Der heißt zwar „John Lennon: The Last Interview“, versteht sich jedoch weniger als reines Porträt des genialen Beatles-Songwriters. Vielmehr steht ein schillerndes Paar im Mittelpunkt, das zu diesem Zeitpunkt bereits länger zusammen war als die legendäre Pilzköpfe-Band, gemeinsame Höhen und Tiefen durchlebt und gerade erst eine neue Platte aufgenommen hatte. Es ist vor allem ein Blick auf zwei Menschen, die voller Optimismus in eine Zukunft sehen, die sie dann nie gemeinsam erleben sollten.

John Lennon und Yoko Ono im Studio. Kishin Shinoyama
John Lennon und Yoko Ono im Studio.

Es mag auf den ersten Blick überraschen, dass ausgerechnet Steven Soderbergh einen Film über John Lennon gedreht hat. Andererseits kann es angesichts eines der vielfältigsten Œuvres der letzten Jahrzehnte nicht verwundern, dass sich zu großen Hollywoodfilmen, Thrillern, Dramen, Sportfilmen und vielem anderen nun dieser Dokumentarfilm gesellt. Vielleicht fühlte sich Soderbergh auch als Lennons Bruder im Geiste, der während des Interviews mehrmals betont, wie sehr er Kategorisierungen ablehnt. Für ihn geht es nicht um Rock, Blues oder New Wave, sondern einfach nur um Musik. Und genau mit dieser Haltung scheint Soderbergh seine Karriere anzugehen. Wie einst Lennon macht er nicht das, was man von ihm erwartet, sondern einfach das, was ihn gerade interessiert.

Bei „John Lennon: The Last Interview“ stand Soderbergh allerdings vor einem Problem: Wie ein über zwei Stunden langes, reines Audio-Interview (im Film auf gut 100 Minuten gekürzt) bebildern? Mit der Cutterin Nancy Main hat er dafür Unmengen an Archivmaterial, Fotos und Zeitungsausschnitten zu einer kakophonischen Montage zusammengestellt. Diese helfen vor allem, wenn es um die Kindheit des Musikers oder seine Zeit bei den Beatles geht. Auch für die Beziehung zwischen Lennon und Yoko Ono stand eine enorme Menge an Fotos zur Verfügung, die von dem manchmal auch etwas exhibitionistischen Paar existieren. Schwieriger wird es bei den abstrakten, philosophischen Passagen des Gesprächs: Um diese zu bebildern, greifen der Filmemacher und sein Team ausgiebig auf künstliche Intelligenz zurück.

Wo es kein Archivmaterial gibt, muss auch mal ein KI-Slop-Hitler aushelfen

Dass der stets experimentierfreudige Soderbergh hier keine Berührungsängste hat, überrascht nicht. Allerdings sind die Ergebnisse ziemlich durchwachsen und beweisen nur, dass es wohl noch dauern dürfte, bis KI den CGI-Animator*innen die Hollywood-Jobs streitig macht. Die aus Kosten- und Zeitgründen genutzten Bilder von kaleidoskopartig schwirrenden Blumen und Mustern, aber auch von Autokraten wie Caesar, Napoleon und Hitler, die durch Spaliere von Soldaten schreiten, sehen genauso aus, wie man sich KI-Slop vorstellt. Diese Sequenzen wirken völlig unwirklich, künstlich und können in keiner Weise überzeugen.

Zum Glück kann man über diese Ausfälle hinwegsehen. Da stört es schon eher, dass Soderbergh seinem Thema am Ende keine neuen Facetten abgewinnen kann. Die meisten Geschichten und Anekdoten sind allen, die sich mit John Lennon, Yoko Ono und den Beatles beschäftigen, bekannt. Der größte Reiz liegt stattdessen darin, sie hier ungefiltert als O-Ton aus Lennons eigenem Mund zu hören. Auch die für die Dokumentation interviewten Radio-Leute von damals fügen wenig Erhellendes hinzu. Eine Ausnahme bildet die Gänsehaut-Beschreibung jenes Moments, als sie auf der Straße dem späteren Mörder begegneten.

John Lennon und sein Sohn. Kishin Shinoyama
John Lennon und sein Sohn.

Und genau vor diesem tragischen Hintergrund entfaltet der Film am Ende doch noch eine emotionale Kraft. Denn über dem gesamten Film schwebt wie ein unsichtbarer Schleier der tragische Umstand, dass Lennon danach nie wieder Fragen beantworten konnte. Wenn Lennon gen Ende von Interview und Film voller Enthusiasmus über die Zukunft spricht und Pläne schmiedet, seine Musik wieder vor einem Publikum zu spielen, wird aus dem Dokumentarfilm doch noch ein berührendes Porträt über einen der einflussreichsten, kompliziertesten und spannendsten Künstler des 20. Jahrhunderts.

Fazit: Das letzte Interview, das der Ex-Beatle John Lennon zusammen mit seiner Frau Yoko Ono wenige Stunden vor seiner Ermordung am 8. Dezember 1980 gab, bildet das Rückgrat von Steven Soderberghs Porträtfilm, mit dem er der Legende nicht wirklich etwas hinzuzufügen hat. Für jeden Beatles- und Lennon-Fan ist das Werk dennoch Pflichtprogramm.

Wie haben „John Lennon: The Last Interview“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film seine Weltpremiere als Special Screening gefeiert hat.

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