So einen Film haben wir schon viel zu lange nicht mehr gesehen!
Von Björn BecherAuch wenn James Gray („Ad Astra“) schon früher autobiografische Elemente in seine Filme einbaute, drehte er mit Anfang 50 den persönlichsten Film seiner Karriere: Für „Zeiten des Umbruchs“ verarbeitete er eigene Kindheitserfahrungen zu einem Familiendrama, um so (für sich und das Publikum) zu ergründen, wie die New Yorker Gesellschaft des Jahres 1980 ihn und andere junge Menschen geformt hat. Mit seinem neuen Werk „Paper Tiger“ knüpft er nun direkt daran an; erneut diente ihm die eigene Jugend als Fundament für das Skript. Ursprünglich sollten sogar wieder Anne Hathaway und Jeremy Strong die Alter Egos von Grays Eltern spielen. Nach Verzögerungen mussten sie das Projekt allerdings verlassen und wurden durch Scarlett Johansson und Miles Teller ersetzt.
Doch nicht nur durch den veränderten Cast unterscheidet sich „Paper Tiger“ von „Zeiten des Umbruchs“. James Gray kehrt hier nämlich zum Thrillergenre zurück, das ihn durch herausragende Filme wie „Little Odessa“, „The Yards“ oder „Helden der Nacht“ einst bekannt gemacht hat. Auch diesmal schafft er es, vor allem durch Worte und Atmosphäre – statt mit krachender Action – eine unglaubliche Spannung zu erzeugen. „Paper Tiger“ ist ein im besten Sinne altmodischer Film in der Tradition des New-Hollywood-Kinos. Nicht nur mit seiner detailgetreuen Ausstattung und den langsamen, kontrollierten Kamerabewegungen fesselt das Geschehen, sondern auch dank eines grandiosen Adam Driver in einer charismatisch einnehmenden Performance.
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Im Queens des Jahres 1986 kommen der Ingenieur Irwin Pearl (Miles Teller) und seine Frau Hester (Scarlett Johansson) mit ihren beiden Söhnen ganz ordentlich über die Runden – auch wenn sie sich insgeheim mehr erhoffen und neidisch auf Irwins Bruder Gary (Adam Driver) blicken. Der Ex-Cop arbeitet inzwischen als Sicherheitsberater, fährt einen Mercedes und scheint immer reichlich Geld zu haben. Doch dann bietet sich bei einem gemeinsamen Geschäft plötzlich die Chance auf den großen Wurf, der auch Irwin und seiner Familie die erhofften finanzielle Sprünge erlauben würde: Russische Ganoven haben nach und nach die alten Mafia-Gebiete am verseuchten Gowanuskanal in Brooklyn übernommen …
… und brauchen nun jemanden, der sich um die bürokratischen Hürden kümmert. Mit Garys Verbindungen und Irwins technischem Hintergrund sollte sich, so zumindest der Plan, schnelles Geld machen lassen. Aber weil der Familienvater seinen Job besonders gewissenhaft erledigen will, nimmt er in der Nacht sogar seine Jungs zu einer Exkursion an den Kanal mit – und wird dort direkt von Giftmüll entsorgenden Gangstern bedroht. Die Kriminellen sind alles andere als erfreut über den ungebetenen Schnüffler, was die gesamte Familie Pearl in Lebensgefahr bringt …
In zwei herausragenden Szenen von „Paper Tiger“ schwillt die ohnehin durchgehend intensive Anspannung noch einmal besonders an: Zum einen fällt die finale Konfrontation in einem Maisfeld, mit der sich Gray vor Martin Scorsese und Alfred Hitchcock gleichermaßen zu verbeugen scheint, absolut brillant aus. Aus Spoilergründen gehen wir hier auf diesen mehr als würdigen Abschluss zwar nicht weiter ein, aber um die Klasse von Gray zu unterstreichen, reicht der Blick auf eine frühere Szene. „Man wisse jetzt, wo er wohnt“, ist die Warnung, mit der die Russen Irwin nach seinem Kanalbesuch wieder gehen lassen. Sie unterstreichen diese Drohung nachdrücklich: Das Blitzen einer Polaroidkamera weckt Irwin langsam aus seinem Schlaf und er realisiert, dass jemand in seinem Haus ist.
Vorsichtig schleicht er sich aus dem Schlafzimmer und schnappt sich ein kleines Luftgewehr. Damit kann er nicht viel ausrichten, aber immerhin gaukelt der Schatten eine echte Waffe vor. Daraus macht Gray ein Geduldsspiel. Irwin steht mit der Waffe im Anschlag auf den oberen Treppenstufen. Von unten sind leise Stimmen zu hören. Keine Partei traut sich nach vorne. Wie bei der Maisfeld-Konfrontation im Finale zieht der Film seine nervenzerreißende Spannung nicht etwa aus vordergründiger Action, sondern aus dem quälenden Warten darauf, wer die erste Bewegung macht. So entstehen fast schon stillstehende Momente, in denen man aber spürt, dass jederzeit alles eskalieren könnte.
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Nicht nur in dieser Szene sind die Bilder beeindruckend. Ganz langsam und kontrolliert bewegt sich die Kamera von Joaquin Baca-Asay, mit dem Gray erstmals seit „Two Lovers“ (2008) wieder zusammenarbeitet. Immer wieder fängt sie die vielen Details wie die kleinen Pager ein, welche die Achtzigerjahre in diesem Film ungemein lebendig werden lassen und direkt eine besondere Atmosphäre erzeugen. Oft fokussiert sich Gray auf die Gesichter, aus denen man so viel über die Zweifel an der familiären Loyalität und die emotionalen Konflikte der einzelnen Figuren herauslesen kann. Nach und nach erhöht sich dabei der Druck, der auf ihnen allen lastet – schließlich traut sich nicht einmal das gesamte New Yorker Police Department den neuen kriminellen Vereinigungen entgegenzutreten, die selbst im Vergleich zur Mafia noch mal deutlich rücksichtsloser agieren.
Das nutzt vor allem Adam Driver für eine der besten Leistungen seiner Karriere. Als großer Zampano dringt er zu Beginn des Films in das Haus seines Bruders ein – mit der Belegschaft eines Luxusrestaurants im Schlepptau, die das Sterneessen im bescheidenen Ofen der Familie aufwärmt. Sofort erkennt man, warum Irwins kurz vor seinem 18. Geburtstag stehender Sohn Scott (Gavin Goudey) und dessen jüngerer Bruder Ben (Roman Engel) den Onkel mit so großen Augen ansehen, während ihr Vater sich in dem Moment selbst so klein fühlt. Doch auch der charmante Gary muss im Verlauf des Films seine Lektion lernen. Mit Worten, Geld und seinen alten Polizeiverbindungen glaubt er, jedes Problem aus der Welt schaffen zu können. Doch nach und nach realisiert er, dass die Russen eben garantiert keine Papiertiger sind.
Gerade in diesem Thriller-Umfeld, das immer wieder mit seinen geschliffenen Dialogen Spannung erzeugt, ist es eine Wonne, diese Figur zu beobachten, die sich plötzlich nicht mehr aus Situationen herausreden kann. Drivers Performance überlagert bisweilen allerdings alles andere. Gerade Scarlett Johansson hat eine etwas undankbare Rolle. Schon in „Little Odessa“ basierte Vanessa Redgraves Figur auf Grays Mutter, die er durch einen Gehirntumor verlor. Dass der Filmemacher sich hier wiederholt, ist weniger das Problem. Vielmehr nutzt er das große dramatische Potenzial nur in einer bewegenden Szene voll aus.
Daneben dient ihm die Erkrankung aber vor allem als Handlungsmotor. So lässt er Hester eine Tat begehen, die ihren Schwager endgültig in ein unmögliches Dilemma stößt. Dass James Gray das emotionale Schicksal der Mutter am Ende dann zugunsten der Thriller-Mechanik streckenweise opfert, verwehrt „Paper Tiger“ vielleicht den Sprung zum absoluten Meisterwerk, das sonst in so vielen Momenten durchscheint. Es ist aber nur ein kleiner Wermutstropfen in diesem Film, der mit seiner inszenatorischen Strenge und dem darstellerischen Duell zwischen Driver und Teller zu begeistern weiß.
Fazit: Mit „Paper Tiger“ gelingt James Gray ein packender, atmosphärisch dichter Brückenschlag zwischen seinen intimen Dramen und seinen frühen New-York-Thrillern – getragen vor allem von einem entfesselten Adam Driver und einer famosen New-Hollywood-Aura.
Wir haben „Paper Tigers“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film seine Weltpremiere als Teil des offiziellen Wettbewerbs gefeiert hat.