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    No. 2
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    No. 2
    Von Christoph Petersen

    Auch wenn Peter Jackson mit seiner „Der Herr der Ringe“-Trilogie den wohl ultimativen Werbefilm sowohl für die Tourismusbranche als auch die Filmwirtschaft Neuseelands ablieferte, konnte Australiens Nachbar auch mit Niki Caros Whale Rider, der unheimlich charmanten Geschichte der rebellischen Maori-Tochter Paikea, ein in guter Erinnerung gebliebenes Ausrufezeichen in der deutschen Kinolandschaft setzen. Auch Toa Frasers „No. 2“, die filmische Umsetzung seines eigenen Theaterstücks, wandelt nun eher auf den Spuren familiärer Beziehungen, als dass er sich sonderlich für stark behaarte Hobbitfüße oder Multicolor-Magier interessieren würde. Dabei kommt Frasers Generationskonflikt aber über eine nicht immer charmante, dafür umso öfter melodramatische Bestandaufnahme einer nur scheinbar zerbrochenen Großfamilie zu selten hinaus.

    Nanna Maria (Ruby Dee), die schon früh mit ihrer Familie aus Fidschi nach Aukland übergesiedelt ist, versammelt eines Morgens ihre Enkelkinder um sich und befiehlt ihnen, noch am gleichen Tag ein großes Fest für sie zu veranstalten. Ihr ist es in dem Garten ihres Hauses „No. 2“ einfach zu ruhig geworden – vom Gesang, Geschrei und auch den Prügeleien früherer Zeiten ist, seitdem die einzelnen Teile der Familie wegen eines Todesfalls zerstritten sind, nichts mehr zu spüren. Außerdem fühlt sich Maria zu alt, um den Clan weiter anzuführen und will deshalb so schnell wie möglich einen Nachfolger als neues Familienoberhaupt bestimmen. Die Vorbereitungen zum Fest kommen aber zunächst nur schleppend voran: Die Enkelkinder streiten darüber, wer von ihnen denn nun den wichtigsten Beitrag zum Erhalt der Familie leistet. Die Eltern sind so in ihren Konkurrenzkampf versteift, dass keiner von ihnen dazu in der Lage ist, auch nur einen Zentimeter auf die anderen zuzugehen. Und die Nanna selbst wird immer wieder von Demenzschüben heimgesucht, die sie schließlich sogar mit einem scharfen Messer in der Hand hinter einer grunzenden Sau hereilen lassen…

    In seiner ursprünglichen Fassung war „No. 2“ ein Bühnenstück, bei dem eine einzige Frau die Rollen aller zehn Familienmitglieder übernahm. Erst nach dem großen Erfolg der Theateraufführungen nahm sich Regisseur Fraser, der sich mittlerweile in sein Stück verliebt hatte, die Zeit, den Stoff für ein Kinodrehbuch neu umzusetzen – dabei wurde aus der One-Man-Show natürlich ein komplettes Ensemble-Cast. Hierbei ergibt sich allerdings ein Problem: Wenn eine Frau auf der Bühne zehn Rollen spielt, fällt es kaum negativ auf, wenn jede dieser Figuren nur für einen ausgewählten Aspekt des Familienlebens steht – immerhin bietet die eine Schauspielerin dennoch genug Abwechslung. In der Filmversion wird aber jeder Charakter von einem anderen Darsteller verkörpert und da stört es schon, dass der eine nur hart arbeitet, der andere nur viel Geld hat und ein dritter nur streng und verbohrt ist – nun, wo jeder Schauspieler nur noch den einen Aspekt seiner einen Rolle beleuchtet, erscheint die Zeichnung der Charaktere doch erheblich eintöniger. Zwar ergibt sich insgesamt dennoch ein recht nett anzusehendes Ensemble-Mosaik, dessen Steine aber jeweils nur einfarbig sind und dem die eine oder andere zusätzliche Facette keinesfalls geschadet hätte.

    Wo Fraser mit den Attributen seiner Charaktere etwas zu knauserig umgeht, schießt er mit der bloßen Masse an angeschnittenen Konflikten über jedes Ziel hinaus. Ob totgeschwiegene Familiengeheimnisse, persönliche Beziehungsprobleme, kulturelle Differenzen, Generationenkonflikte, Rassismus oder gar übertriebener Aberglaube – eigentlich wird in jeder einzelnen Szene der ersten Stunde von „No. 2“ ein neues Problem aufgeworfen, dann aber auch genauso schnell wieder vergessen. Es ist für ein Feel-Good-Movie absolut legitim, wenn sich alle Schwierigkeiten schließlich durch ein wenig Party und ein wenig Aufeinanderzugehen in Wohlgefallen auflösen – wenn man sich schon nicht die Mühe macht, die Konflikte schlussendlich einzeln aufzulösen, braucht man sie aber auch bitte nicht gleich im Sekundentakt einführen, sondern hätte sich lieber für eine Handvoll stellvertretender Problemchen entschieden.

    Diese reine Bestandsaufnahme, die ohne ein wirkliches Vorantreiben der Geschichte auskommen muss, nimmt gut zwei Drittel des Films ein. Erst in der letzten halben Stunde, wenn die Familienmitglieder beginnen, sich aus ihrer unnötig festgefahrenen Situation herauszukämpfen, kommt erkennbare Bewegung in die Sache. Leider meint Fraser, dies auch was die Inszenierung angeht, besonders deutlich machen zu müssen. Und so verliert sich dieser Abschnitt, der thematisch endlich in wirklich interessante Regionen vorstößt, meist in übertrieben melodramatischen Kamerafahrten. Und das letzte bisschen Charme, das sich gegen diese plötzlich aufkeimende Inszenierungswut durchzusetzen vermag, wird, kaum zum Zuschauer durchgedrungen, auch schon wieder von einem viel zu aufdringlichen Musikoverkill, der ohne jede Not die vorher behutsam eingeführten Konflikte plättet, sogleich wieder zugekleistert.

    Das größte Plus von „No. 2“ ist mit Sicherheit sein überzeugender Ensemble-Cast, der wegen der eindimensionalen Charakterzeichnung zwar in seinen Möglichkeiten limitiert bleibt, bei dem es aber dennoch viel Spaß macht, ihn bei seinem ansteckend energetischen Spiel zuzusehen. Angeführt von Ruby Dee, die als rigorose Nanna nicht auf der einfach Niedliche-Alte-Leute-Schiene billige Sympathien abgreift, sondern in ihrer teilweise unangenehm fordernden Art einen durchaus angemessen zwiespältigen Eindruck hinterlässt, macht die komplette Darstellerriege Lust, selbst mal wieder eine richtig große Familienfete zu veranstalten. Leider verhindern die angesprochen Schwächen aber, dass man auch schon bei Nanna Marias Party voll mitgehen möchte.

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