Wenn Fanfiction zur Realität wird...
Sich über Disney-Klischees lustig machen? Das wurde in den 2000ern richtig populär. Und der Grund dafür waren sicherlich die ersten beiden „Shrek“-Filme, die nicht nur richtig gute Filme sind, sondern auch durch ihren satirischen Charakter zu Mega-Hits wurden. 2007 sagte sich der große Mauskonzern Disney dann selbst, dass man auf die Schiene mit auf springen müsse. Dabei war die Idee für das Script bereits vorher schon im Gespräch, doch die Studiobosse empfanden das Ganze als „unpassend“ für Kinder. Die ersten Entwürfe waren wohl deutlich „erwachsener“ als das fertige Endprodukt… Nun kam es dann schließlich doch zum Film und während viele diese „revolutionäre“ Idee feiern, sehe ich das Ganze sehr kritisch. Mittlerweile sind fast 20 Jahre ins Land gezogen, 2022 gab es sogar eine Fortsetzung und aus heutiger Sicht ist „Verwünscht“ ein kurioser Film...
In der Zeichentrickwelt Andalasien lebt die Prinzessin Giselle, die von ihrer Hochzeit mit dem eben kennengelernten Prinzen Edward träumt. Doch ihre böse Stiefmutter verbannt Giselle in eine Welt, ohne Glück: Unsere Welt. Giselle ist logischerweise total baff und weiß nicht, wo sie sich befindet. Bald trifft sie auf den Scheidungsanwalt Robert und seine Tochter Morgan und beginnt sich in ihrer neuen Umgebung einzuleben. Doch es dauert auch nicht lange, bis ihr geliebter Prinz Edward kommt und sich auf die Suche nach Giselle macht…
Die Grundidee ist das, was den Film voran treibt. Wäre es nicht witzig, wenn kitschige Disney-Figuren auf unsere harte Realität treffen würden? Nun, der Gag ist bereits nach der ersten Minute sehr nervig und „Verwünscht“ entwickelt sich schnell zum typischen Hollywood-Komödien-Slapstick. Das ist manchmal auch ganz unterhaltsam, besonders James Marsden als dümmlicher Prinz ist eins der Highlights. Doch der Film will nicht selten sehr erwachsen und reif wirken mit seiner Thematik der Scheidung, die im teils absurd komischen Kontrast zu Giselles überbordender Liebe für alles und jeden steht. Und hier und da gibt es auch einige progressive Ansätze, wenn zum Beispiel mal eine weibliche Figur ihren männlichen Helden retten muss. Wer aber erwartet, dass die quietschbunte Disneywelt hier etwas Reife erhält, irrt sich. Eher ist es andersrum und die Realität wird vom kitschigen Disney-Zauber überwältigt. Das ist aus heutiger Sicht noch zynischer als damals. Zudem werden hier in meinen Augen problematische und sehr konservative Werte vermittelt: Bist du geschieden, haben du und/oder dein Partner wohl etwas falsch gemacht und ihr liebt euch nicht mehr richtig. Dass da noch deutlich mehr Aspekte in eine zerbrochene Ehe reinspielen, wird gekonnt weggelassen.
Ansonsten ist „Verwünscht“ auch in seiner Story nicht wirklich überzeugend. Regisseur Kevin Lima drehte 1999 auch Disneys „Tarzan“, der in meinen Augen ebenfalls sehr lasch in seiner Story war. Hier haben wir ähnliche Schwierigkeiten: Eine langweilige Bösewichtin will die Prinzessin umbringen. Klar, das Ganze ist als Parodie auf viele alte Disney-Klassiker konzipiert, aber es wird mit diesem Klischee auch nichts sonderlich Kreatives gemacht.
Der Cast hat sichtlich Spaß an dem Blödsinn, was ganz unterhaltsam ist und einige der Songs von Alan Menken gehen gut ins Ohr. Optisch überzeugt der Film aber oftmals nur, wenn wir in der Zeichentrick-Welt von Andalasien sind. Die CGI-Effekte in der echten Welt sind dagegen sehr schlecht gealtert…
Fazit: „Verwünscht“ ist aus heutiger Sicht nicht mehr als ein kurioses Ergebnis seiner Zeit und ein Beweis, dass Disney damals kurz vor einer erneuten kreativen Krise stand. Die Grundidee, die mehr einer Fanfiction gleicht, ist zwar hier und da reizvoll, kann aber nie die Existenz dieses Films rechtfertigen. Wer sinnbefreiten Kitsch von Disney mit ein paar guten Songs und witzigen Momenten haben will, kann hier ruhig zugreifen, aber es ist schon klar, warum Pixar in den 2000ern so viel bessere Filme heraus brachte: Die nahmen ihr Publikum ernst und kreierten Storys, die mehr als nur eigene Propaganda waren. Im gleichen Jahr kam auch der Hit „Ratatouille“ heraus, das allein sagt schon viel aus.