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    Die Stadt der Blinden
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Die Stadt der Blinden
    Von Björn Helbig
    Der moderne Klassiker und internationale Bestseller „Die Stadt der Blinden“, eine Parabel über die Unfähigkeit der Menschen, untereinander Kontakt aufzunehmen, hat es auf die Leinwand geschafft. Trotz anfangs erheblicher Widerstände seitens des Lyrikers und Romanciers José Saramago, gelang es dem Produzenten Niv Fichman und dem Drehbuchautor Don McKellar schließlich, Saramago zum Einlenken zu bewegen und sich die Rechte an dem Romanstoff zu sichern. Als Regisseur konnte niemand Geringeres als Fernando Meirelles verpflichtet werden. Dieser hatte schon vor längerer Zeit Interesse an einer Verfilmung der apokalyptischen Geschichte signalisiert.

    In einer unbekannten Stadt breitet sich Blindheit wie eine Seuche aus. Zuerst trifft es nur wenige. Doch nach und nach werden immer mehr Menschen von der geheimnisvollen Krankheit befallen. Die Infizierten werden in einer verlassenen psychiatrischen Anstalt untergebracht. Je mehr Kranke dort eingeliefert werden, desto problematischer wird die Situation. Die hygienischen Zustände sind desaströs, die gelieferten Essensrationen zu kapp bemessen und die Spannungen zwischen den Kranken nehmen mit jedem Tag zu. Bald gibt es die ersten Todesfälle. Lediglich die Frau (Julianne Moore) eines Augenarztes (Mark Ruffalo) hat ihre Sehkraft noch nicht verloren. Doch auch sie allein hat nicht die Macht, die Situation zu verbessern…

    Nachdem José Saramago 1995 seinen Roman „Die Stadt der Blinden“ veröffentlicht hatte, häuften sich die Anfragen nach den Verfilmungsrechten. Doch der mittlerweile 80-jährige Portugiese verweigerte sich kategorisch: „Es ist ein gewalttätiges Buch über das Ende der Gesellschaft… ich wollte nicht, dass der Stoff in falsche Hände gerät“, begründete Saramago 2007 seine Ablehnung gegenüber der New York Times. Das änderte sich erst nach einem Treffen zwischen Fichman, McKellar und dem Literaturnobelpreisträger. Irgendwie scheinen die beiden den richtigen Ton getroffen zu haben. Denn schließlich willigte Saramago ein. McKellar fertigte das Drehbuch an und Regisseur Meirelles stieß zum Team dazu. Der Roman eines Nobelpreisträgers, das Skript eines bedeutenden Drehbuchautors und für die künstlerische Umsetzung einer der innovativsten Regisseure unserer Zeit – was kann da noch schief gehen?

    „Ich glaube nicht, dass wir blind geworden sind. Ich glaube, wir waren schon immer blind. Blind, und doch sehend. Menschen, die sehen können, aber nichts sehen.“ - José Saramago

    Nicht viel, möchte man denken. Und zunächst fallen auch eine ganze Reihe positiver Aspekte auf. Hier ist die wieder einmal wirklich überzeugende Regie von Fernando Meirelles zu nennen, der nicht der Versuchung erliegt, aus der Geschichte ein kitschiges Soziallehrstück zu machen, das den moralischen Zeigefinger ausstreckt. Der gelernte Architekt Meirelles begann seine Filmkarriere mit einer Reihe experimenteller Dokumentarfilme, bis er mit seinem Spielfilmdebüt City Of God auf Anhieb ein Meisterstück ablieferte. Das intensive Drama über das Leben in den Favelas von Rio de Janeiro wurde verdienterweise mit Auszeichnungen überhäuft. Dass Meirelles keine Eintagsfliege war, konnte er drei Jahre später unter Beweis stellen. Mit der Verfilmung des John-le-Carré-Romans Der ewige Gärtner zeigte er abermals sein außergewöhnliches visuelles Gespür bei gleichzeitiger Empathie für die Figuren. Und auch seinem neuen Werk, das wird von der ersten Minute an klar, liegt wieder ein starkes visuelles Konzept des Brasilianers zugrunde. Die Blindheit, die auch im Buch als „weiß“ beschrieben wird, zieht sich wie ein gleißender Nebel durch den Film und zeigt sich in vielen Szenen und Überblendungen. „Mein erster Instinkt war es, aus dieser düsteren Geschichte einen sehr hellen Film zu machen, mit einer Helligkeit, die beinahe schon aufdringlich sein sollte“, erläutert Meirelles seine Intention. Ein Blick auf das Ergebnis zeigt, dass er damit richtig lag – das weiße Thema ist mehr ist als eine optische Spielerei.

    Über Meirelles’ Entscheidung, die zentralen Rollen mit Top-Stars zu besetzen, kann man sicherlich geteilter Meinung sein. Es hätte der Geschichte bestimmt auch nicht zum Nachteil gereicht, wären der Doktor, die Frau des Doktors, der Barkeeper und der Mann mit Augenklappe von unbekannten Schauspielern gespielt worden. So zeigen Julianne Moore (I'm Not There), Mark Ruffalo (Zodiac) und Danny Glover (Abgedreht) in den Hauptrollen professionelle Schauspielarbeit, dominieren durch ihre bloße Präsenz aber auch den Film. Schauspielerisch ist an allen Leistungen, besonders unter Einbeziehung der großen Herausforderung, sich in die Situation der Inhaftierten hineinzuversetzen, nichts auszusetzen. Einen guten Eindruck machen auch sämtliche Nebendarsteller, darunter Gael García Bernal (Babel) in seiner düsteren Rolle als Barmann und König von Station 3 sowie Yusuke Iseya (Memories Of Matsuko) als der erste blinde Mann und Yoshino Kimura (Sakuran - Wilde Kirschblüte) als dessen Frau.

    Doch der literarische Ausgangsstoff weist auch Schwierigkeiten auf, die die Macher nicht allesamt aus dem Weg räumen konnten. Natürlich ist es problematisch, eine Geschichte, in der bis auf eine Person alle blind sind, in Bilder zu übertragen. Immerhin sollte der optische Eindruck die Atmosphäre der Situation adäquat wiedergeben. Frei nach dem Motto „If it can be written, or thought, it can be filmed.” (Stanley Kubrick) macht Meirelles das Beste aus diesem Dilemma. Die klaustrophobische Stimmung der Romanvorlage erreicht er dennoch nicht. Als Problem erweist sich ebenfalls, dass sich alle Beteiligten Saramagos Werk mit sehr viel – vielleicht zu viel – Respekt genähert und sich deswegen nahezu exakt an die Vorlage gehalten haben. Einen eigenen Zugang zur Geschichte haben die Macher des Films nicht gefunden. Inhaltliche Überraschungen dürfen die Kenner des Buches jedenfalls nicht erwarten.

    „The only thing more terrifying than blindness is being the only one who can see.” - Die Frau des Doktors

    Die kühlen Reaktionen bei seiner Uraufführung in Cannes haben schon darauf hingedeutet, dass der Film wohl auch hierzulande mit einiger Skepsis aufgenommen werden wird. Kritikpunkte lassen sich sicher finden – berechtigte wie auch an den Haaren herbeigezogene. Nichtsdestotrotz ist „Die Stadt der Blinden“ alles andere als ein schlechter Film geworden. Auch wenn es den genannten Schwächen geschuldet ist, dass Fernando Meirelles neue Romanadaption nicht als Meisterwerk gefeiert werden wird, ist dem brasilianischen Regisseur doch wieder ein außergewöhnlicher Film gelungen, der zum Nachdenken anregt. Auf welch wackeligen Beinen die Errungenschaften der Zivilisation doch stehen und wie schnell kultivierte Menschen zu Barbaren werden – dieses Thema war schon häufig Gegenstand literarischer und filmischer Auseinandersetzungen. Mit „Die Stadt der Blinden“ ist diese Serie nun um einen weiteren Titel bereichert worden.

    Fazit: „Die Stadt der Blinden“ ist eine düstere Parabel über eine Blindheits-Epidemie. Für die Verfilmung des Romans wartet Regisseur Fernando Meirelles leider nur mit einer visuellen, aber keiner inhaltlichen Vision auf. Dennoch zeichnet der eng an der Vorlage orientierte Film ein einigermaßen kraftvolles pessimistisches Bild der menschlichen Natur.
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