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    Mad Max: Fury Road
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Mad Max: Fury Road
    Von Carsten Baumgardt
    Ganze 200.000 Dollar kostete 1979 George Millers dreckiger kleiner Endzeitfilm „Mad Max“, der sensationelle 100 Millionen global einspielte, Mel Gibsons Weltkarriere startete und schnell zum Kultfilm wurde. Die ebenfalls erfolgreichen Fortsetzungen „Mad Max II – Der Vollstrecker“ (1981) und „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“ (1985) folgten und so wollte Regisseur Miller schließlich schon bald ein weiteres Sequel nachliefern. Aber „Mad Max: Fury Road“ verbrachte rund ein Vierteljahrhundert in der Entwicklungshölle Hollywoods und dass es tatsächlich noch zum Kinostart des Postapokalypse-Actionreißers kommen würde, hatte lange Zeit kaum noch jemand erwartet. Doch nun ist es soweit, wobei es eine fast noch größere Überraschung ist, dass die über weite Strecken katastrophale Produktionsgeschichte dem fertigen Film in keiner Weise geschadet hat: Der inzwischen 70-jährige Visionär George Miller (Oscar für „Happy Feet“) zündet ein atemberaubendes 3D-Action-Feuerwerk und startet einen infernalisch-exzessiven Frontalangriff auf alle Sinne!

    Im australischen Ödland wird der tägliche Kampf ums nackte Überleben mit brutalen Mitteln geführt, für die knappen Nahrungsmittel und Treibstoff sind die verrohten Menschen bereit, zum Äußersten zu gehen. Der besonders skrupellose Warlord Immortan Joe (Hugh Keays-Byrne) regiert sein Volk mit harter Hand. Nachdem seine Schergen den Ex-Polizisten Max Rockatansky (Tom Hardy) in der Wüste aufgegriffen und überwältigt haben, versklavt er den streunenden Außenseiter und degradiert ihn zum lebenden Blutspender. Als Joes Vertraute Furiosa (Charlize Theron) einen unerwarteten Befreiungsfeldzug startet und die fünf zur Fortpflanzung bestimmten Frauen des Tyrannen, darunter Splendid (Rosie Huntington-Whiteley), in einem 2.000 PS starken Kampf-Tanklaster aus der Gefangenschaft schleust, kommt auch Max frei und schließt sich im Kampfgetümmel eher widerwillig dem Himmelfahrtskommando Furiosas an: Ihr Ziel ist das sagenhafte Greenplace, ein fruchtbarer Ort wie im Paradies. Aber der düpierte Immortan Joe jagt den Flüchtigen seine gesamte Armee hinterher.


    Tom Hardy („The Dark Knight Rises“, „No Turning Back“) bekannte im Interview, dass die Dreharbeiten für ihn eine besonders abenteuerliche Erfahrung gewesen seien, weil „Mad Max“-Mastermind George Miller kein herkömmliches Drehbuch verwendete, sondern lediglich eine detailliert ausgeklügelte Szenenabfolge fast ohne Dialoge. Diese ungewöhnliche Herangehensweise ist dem Film deutlich anzumerken, denn „Mad Max: Fury Road“ definiert sich nicht über das gesprochene Wort, vielmehr wird hier nur das Allernötigste geknurrt, gebrüllt oder geraunt. Als Max‘ Kopf zu Beginn in einem eisernen Gesichtskäfig steckt und er kaum sprechen kann, sondern nur grunzen, treibt Miller dieses Spiel auf die Spitze. Die Sprache als zivilisatorische Errungenschaft hat in dieser degenerierten Endzeitgesellschaft kaum noch einen Platz. Umso wichtiger sind die nonverbalen Zeichen von Macht, Unterdrückung, Widerstand und Freiheitsdrang, die der Regisseur in furios stilisierte Bilder einbettet.

    Der krasse Gegensatz zwischen den blutroten Tagaufnahmen (sensationell: die Sandsturm-Sequenz!), die sich im Wüstensand spiegeln, und der dunkelblauen Chrom-Optik der Nachtszenen erinnert ein wenig an Ang Lees phantastische Bilderwelten in „Life Of Pi“, aber Miller schafft etwas ganz Eigenes. Fast jede Einstellung inszeniert er mit einem ikonischen Gestus – garniert mit feiner Ironie: Die Motive aller Beteiligten sind einfach und klar wie in den Klassikern des Italo-Westerns. Aber während sich Django und Co. bisweilen minutenlang regungslos belauern, kommt der ständig pulsierende und von Junkie XLs Soundtrack vorangepeitschte „Mad Max: Fury Road“ nie zum Stillstand und ist ständig in Bewegung. Miller erschafft eine ebenso kuriose wie einzigartige Symbiose aus dem graphisch zugespitzten Comic-Stil, wie ihn etwa Zack Snyder in „300“ geprägt hat, und virtuoser handgemachter Action der alten Schule. Dabei geht er immer wieder bis zum Anschlag over the top: „Fury Road“ ist eine große, kunstvoll durchkomponierte und maximal mitreißende Vollgas-Action-Oper.
     
    George Miller schlägt gekonnt den Bogen von den mittlerweile 30 Jahre alten Originalfilmen zum Genrekino der heutigen Zeit und wird beiden Seiten nicht nur inszenatorisch gerecht: „Who Killed the World?“ – diese Worte sind an einer Gefängnismauer zu lesen und zwischen den Bildern steckt durchaus auch eine kämpferische Anklage gegen eine verkommene, korrupte, ungerechte und zerstörerische Gesellschaft. Zu dem Hauch Öko-Botschaft und Polit-Rebellion gesellt sich dann auch noch eine ordentliche Portion Verrücktheit: Wenn die zombiehaften Schergen Immortan Joes einen wahnsinnigen E-Gitarrenspieler auf eines ihrer Kampfungetüme spannen, ist das einfach skurril. Außerdem sprühen die Bösen sich Silberspray in den Mund, um sich zur Ekstase hochzupushen - hier werden alle Grenzen gesprengt. Und wenn Miller die fünf bildhübschen, unschuldigen Nymphen in Weiß, die die Mütter einer kommenden Generation werden sollen, erstmals im krassen Kontrast zur kargen Umgebung mit ihren ekligen Kreaturen zeigt, dann ist das auch eine kleine Verbeugung vor der rohen Energie des Exploitationfilms. Am Wegesrand des Wahnsinns lassen sich in diesem Film jede Menge Entdeckungen machen.

    Angesichts des äußerst dünnen Handlungsfadens (eine kleine Gruppe Guter fährt von A nach B und wird von einer Horde Böser verfolgt) und der extrem stilisierten Inszenierung müssen die Schauspieler in erster Linie Präsenz zeigen. Tom Hardy und Charlize Theron („Monster“, „Prometheus“) sind für diesen Zweck optimal besetzt, denn sie besitzen echte Starqualitäten. Dem kantigen Briten Hardy steht Mad Max‘ legendäre Lederjacke tatsächlich genauso gut wie seinem Vorgänger Mel Gibson („Braveheart“), der 2006 das damals schlingernde Fortsetzungsschiff verließ und nicht mehr wiederkehren wollte, ehe er später nicht zurückkommen durfte. Während Therons passend getaufte Furiosa mit wilder Entschlossenheit für Freiheit und Zukunft kämpft, versprüht Hugh Keays-Byrne (der schon im ersten „Mad Max“ dabei war) als hinter einer grotesken Maskerade verborgener finsterer Fiesling reine Bedrohlichkeit und wird zu einer Art Wüsten-Darth-Vader. „Fury Road“ fügt sich als unkonventioneller Zwitter aus Sequel und Reboot (auch Reihenneulinge können problemlos einsteigen) organisch in das „Mad Max“-Universum ein, aber ob es wirklich zu den angedachten weiteren Fortsetzungen und damit zur Vollendung einer zweiten Trilogie kommt, hängt davon ab, ob dieser herausragende Film auch den verdienten kommerziellen Erfolg haben wird.

    Fazit: Der Road Warrior Max Rockatansky ist nach fast 30 Jahren zurück – und wie: George Millers „Mad Max: Fury Road“ ist ein furioser und kühner 3D-Action-Exzess für Adrenalin-Junkies!
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