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    Krabat
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Krabat
    Von Jan Hamm
    Ein millionenfach verkaufter Roman sorgt für anhaltende Begeisterung beim jungen Publikum. Er erzählt die Geschichte eines Zauberlehrlings, der sich seiner Verantwortung stellen und gegen die Schwarze Magie zu Felde ziehen muss. Das klingt vertraut – doch die Rede ist nicht von Harry Potter. Bereits 1971 veröffentlichte der deutsche Kinder- und Jugendbuchautor Otfried Preußler seinen Roman „Krabat“. Das folkloristische Märchen brachte ihm zahlreiche Preise ein, wurde bislang in 31 Sprachen übersetzt und hat sich als Schullektüre etabliert. Nachdem 2006 schon Preußlers Der Räuber Hotzenplotz zum wiederholten Male verfilmt wurde, verwirklichten der Produzent Thomas Wöbke und der Regisseur Marco Kreuzpaintner, der mit Trade zuletzt auch internationale Erfahrungen sammeln konnte, nun ihren Kindheitstraum und transportierten den Stoff auf die große Leinwand. Ein Kinderfilm ist dabei allerdings nicht entstanden. Vielmehr hat das Duo „Krabat“ als ambitioniertes und ausgesprochen düsteres Coming-Of-Age-Drama umgesetzt, dem an entscheidenden Stellen aber eine selbstbewusstere Inszenierung gut getan hätte.

    Der 14-jährige Krabat (David Kross, Hände weg von Mississippi) verliert seine Mutter an die Pest und zieht fortan mit zwei Freunden bettelnd durch das vom Dreißigjährigen Krieg verwüstete Land. Eines Nachts vernimmt er eine Stimme, die ihm das Ende seines Elends verheißt. Dem Ruf folgend gelangt er zu einer mysteriösen Mühle, deren Meister (Christian Redl, Der Untergang) ihn bereits erwartet und als Lehrling verpflichten will. Krabat schlägt ein, muss aber bald feststellen, dass ihm die anderen Lehrlinge nicht gerade zugeneigt sind. Nur im Altgesellen Tonda (Daniel Brühl, Good Bye, Lenin!) findet er einen Freund. Durch seinen Fleiß erkämpft sich Krabat das Wohlwollen des Müllers und wird in den Kreis der Mühle aufgenommen – als Schüler der Schwarzen Magie. Zunächst genießt er die neugewonnene Macht und die aufkeimenden Gefühle zur jungen Kantorka (Paula Kalenberg, Was am Ende zählt). Doch dann offenbart Tonda ihm das eigentliche Geheimnis der Mühle. Jedes Jahr opfert der Müller einen der Lehrlinge, um sein eigenes Leben zu verlängern…

    Preußler, der Nazideutschland und den Krieg als Kind und Jugendlicher selbst erlebte, bezeichnete „Krabat“ treffend als die „Geschichte meiner Generation“. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen Themen wie die verführerische Kraft der Macht und das Versprechen ultimativen Gehorsams bis in den Tod. Mit diesem Subtext überschreitet „Krabat“ die Grenzen der Kinderliteratur. Ein Umstand, dem Wöbke und Kreuzpaintner Rechnung tragen. Die bedrohliche Atmosphäre der Vorlage wird in jeder Hinsicht eindrucksvoll eingefangen. Gedreht wurde in den Karpaten, die Kameramann Daniel Gottschalk als bedrückendes Niemandsland umsetzt. Die Mühle inmitten des kühlen Panoramas wirkt morbide und dreckig. Kein Hauch des märchenhaften Charmes eines Hogwarts – hier herrscht Dunkelheit. Dabei entstehen Bilder, die echtes Leinwandformat haben. Den Feinschliff erhält die Szenerie durch die sinistere Präsenz von Christian Redl. Dessen Müllermeister wirkt umso bedrohlicher, als dass sich in ihm diabolischer Hexer und perfide Vaterfigur vereinen. Das Böse in „Krabat“ ist nicht abstrakt, es ist unmittelbar greifbar.

    Kindgerecht ist das nicht, aber es ist der richtige Ansatz, um den Subtext der Coming-Of-Age-Geschichte – den Weg zur Mündigkeit Krabats – voll auszuspielen. Und hier offenbart sich die zentrale Schwäche des Films: David Kross. Ob es an seiner mangelnden Erfahrung oder an Kreuzpaintners unpräziser Instruktion liegt, ist nicht ersichtlich. Aber dieser Krabat will einfach nicht nicht ins ansonsten so homogene Bild passen. Zu unaufgeregt wirkt Kross, während große Gefühle - etwa die Furcht vor dem Meister oder die romantischen Momente mit Kantorka – im Mittelpunkt stehen. Seine Entwicklung vom ängstlichen Waisen zur mutigen Rebellion gegen die Führer- und Vaterfigur bleibt ausdrucksschwach und verhindert ein tiefergehendes Mitfiebern und –fühlen. Der in eine Nebenrolle verdrängte Robert Stadlober wäre hier eindeutig die bessere Wahl gewesen. Kross’ flaches Spiel fällt um so mehr auf, da der Rest des Casts wirklich intensiv bei der Sache ist. Daniel Brühl zeigt als melancholischer und fatalistischer Tonda einmal mehr seinen Facettenreichtum und Christian Redl wirkt in den düstersten Momenten wie der Bruder Jorges aus Der Name der Rose.

    Ein weiteres Ärgernis hat sich in Form der einen großen Actionsequenz in der Filmmitte eingeschlichen, in der die Zauberschüler das nahe Dorf vor marodierenden Soldaten verteidigen. Die Sequenz ist derart hektisch gefilmt und geschnitten, dass sich der Zuschauer über einen Jason Bourne hinter der nächsten Biegung nicht weiter wundern würde. Das passt so gar nicht zum ansonsten ruhigen Erzähltempo und wirkt wie eine krampfhafte Anbiederung an moderne Actionfilme. Nötig wäre das keineswegs gewesen, denn „Krabat“ erreicht mit seinem Acht-Millionen-Euro-Budget auf der formalen Ebene auch so durchaus internationales Niveau. Vor allem die CGI, etwa bei der Verwandelung der Lehrlinge in Raben, ist ausgesprochen plastisch. So bleibt ein fader Beigeschmack, denn auch dramaturgisch ist die Szene irrelevant. Sie dient lediglich dazu, den Meister auf die Fährte der Liebschaften seiner Lehrlinge zu bringen – die Action bleibt somit ohne zwingenden Bezug zum eigentlichen Plot.

    Fazit: „Krabat“ ist ambitioniert und erschafft eine konsistente und gruselige Atmosphäre. Zudem ist die Geschichte stark und bleibt selbstbewusst bei ihren osteuropäischen Wurzeln, ohne krampfhaft im Windschatten der „Harry Potter“-Reihe mitzusegeln. Ein Erfolg an den Kinokassen könnte deutschen Filmemachern mehr Mut zu Genreproduktionen einimpfen, da es diese hierzulande ohne Bestseller-Vorlage im Nacken prinzipiell eher schwer haben. Trotz des schwachen Spiels von David Kross und den inszenatorischen Mängeln bleibt „Krabat“ nämlich ein sehenswerter Film.


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