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    Up in the Air
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Up in the Air
    Von Carsten Baumgardt
    Filmemacher rund um den Globus sind ständig auf der Suche nach ihr: der originellen Idee. Schließlich ist alles gefühlt schon in der x-ten Variation erzählt worden. Unser Planet ist nahezu bis in den letzten Winkel erforscht und der Weltraum deshalb schon fast eine Art zweite Heimat für Filmschaffende geworden, wenn ihnen die Stoffe auf der Erde ausgegangen sind. Wissenschaftler schwärmen von der Tiefsee, die erst zu einem lächerlichen Prozent erschlossen ist. Aber auch hier hat Hollywood schon Spuren hinterlassen. Regisseur Jason Reitman, der sich mit Thank You For Smoking und Juno bereits mehr als nur erste Sporen verdient hat, ist bei der Themensuche auf eine Zwischenwelt gestoßen, die er für seinen Protagonisten, der an 322 von 365 Tagen in die Luft geht, als Zuhause reserviert. Und so gefällt Reitmans Tragikomödie „Up In The Air“ als ein originelles, höchst unterhaltsames Stück Kino, das mit kluger Regie, tollen Dialogen und einem fantastischen Hauptdarstellertrio begeistert.

    Ryan Bingham (George Clooney) liebt seinen Job, den 99 Prozent aller Menschen wahrscheinlich nicht einmal geschenkt haben möchten: Für eine Firma in Omaha, Nebraska feuert er amerikaweit Leute aus ihren Jobs. Immer dann, wenn ein Manager kalte Füße bekommt, tritt Bingham auf den Plan und eröffnet den Mitarbeitern, dass es ihre Stelle nicht länger gibt oder dass sie freigestellt werden. Er ist der Beste seines Fachs. Eiskalt, aber dennoch einfühlsam, soweit dies möglich ist. Seine Welt liegt über den Wolken und in anonymen, austauschbaren Flughafen-Hotels. Er hasst Verpflichtungen, hat aber ein großes, persönliches Ziel: Er will als siebter Mensch die Zehn-Millionen-Bonusmeilen-Schallmauer durchbrechen. Als Bingham in der Geschäftsfrau Alex (Vera Farmiga) eine Seelenverwandte erkennt, gerät seine kleine Welt, die er gerade der ehrgeizigen Jung-Geschäftsfrau Natalie (Anna Kendrick) im Auftrag seines Bosses Craig (Jason Bateman) erklärt, ins Wanken…

    Jason Reitman ist der Sohn von Komödien-Spezialist und Ghostbusters-Regisseur Ivan Reitman. Bei der Interview-Tour zu „Up In The Air“ war die fünftmeistgestellte Frage die nach Reitman Senior. Damit sollte jetzt endlich Schluss sein. Während Vater Ivan in den 2000ern nur bei den beiden mittelprächtigen Komödien Evolution und Die Super-Ex Regie führte (und sich nun hauptsächlich aufs Produzieren konzentriert), hat Sohn Jason mit der scharfsinnigen satirischen Komödie „Thank You For Smoking“ und dem Indie-Superhit „Juno“ zwei erstaunlich reife Werke abgeliefert. Die legen zwar geerbtes Talent nahe, aber alles darauf zu schieben, wäre zu kurz gegriffen. Denn Jason Reitman hat seinen ganz eigenen Stil entwickelt, sich seine eigene Handschrift zugelegt und eigene Energie aufgebracht, um seine Ziele zu erreichen. Er führt Regie, schreibt das Drehbuch und produziert. Und um die Hierarchie endgültig klar zu stellen: Ivan Reitman fungierte bei „Up In The Air“ lediglich als einer von mehreren Produzenten, die Jason zur Seite standen.


    Interview


    Was Jason Reitman auszeichnet, ist seine Vielseitigkeit. Sein „Up In The Air“ lässt sich nur sehr schwer einem festen Genre zuordnen. Am ehesten trifft es noch die Tragikomödie, aber sein Film ist so vieles mehr: zu allererst eine unglaublich unterhaltsame Komödie über ein ernstes Thema, manchmal ein menschliches Drama, manchmal eine zu Tränen rührende Familiengeschichte oder auch die Coming-Of-Age-Geschichte eines Mittvierzigers. Diese ganzen Elemente hat Reitman virtuos im Griff, die Handlung läuft ihm nie aus dem Ruder. Stilistisch überzeugt der Regisseur mit einer eleganten Inszenierung, die von dem liebevollen Vorspann bis zum Ende sauber wie aus einem Guss wirkt. Dazu kommt das Drehbuch, das Reitman mit Sheldon Turner (Spiel ohne Regeln, Texas Chainsaw Massacre: The Beginning) lose beruhend auf Walter Kirns Roman „Der Vielflieger“ verfasste. Es schüttet scharfzüngige, präzise und kluge Dialoge aus, so dass es für die Darsteller ein Leichtes ist, ausgiebig zu glänzen. Innerhalb der Geschichte um schmerzhafte Jobverluste ist „Up In The Air“ auch als gesellschaftlicher Beitrag für mehr Menschlichkeit zu verstehen. Wenn schon solche Hiobsbotschaften überbracht werden müssen, so appelliert der Film, sollte den Gefeuerten nicht auch noch ihre Würde geraubt werden – ihr Los ist ohnehin schon hart genug. Bis auf wenige Ausnahmen sind übrigens die Reaktionen der Entlassenen echt. Das Filmteam suchte in St. Louis und Detroit nach Menschen, die gerade auf die Straße gesetzt wurden. Das verleiht „Up In The Air“ einen zusätzlichen realen Bezug. Ansonsten übernehmen großartige Schauspieler wie J.K. Simmons (Spider-Man) oder Zach Galifianakis (Hangover) mit kleinen, bewegenden Auftritten.

    Die Figur des Antihelden Ryan Bingham, die für die Verfilmung modifiziert wurde, ist George Clooney (Männer die auf Ziegen starren, Michael Clayton) auf den Leib geschrieben. Er gibt seinen Job-Terminator unglaublich charmant, aber gleichzeitig auch arrogant. Seine Seele scheint ein Stahlbad durchlaufen zu haben, trotzdem ist er nicht unverletzbar. Er liebt seine Unabhängigkeit und ist dennoch insgeheim auf der Suche nach Geborgenheit, selbst wenn er sich das auf seiner Odyssee von Dallas nach St. Louis, von Kansas City nach Tulsa oder von Miami nach Chicago nicht eingestehen will. Und Clooney meistert bei seiner Galavorstellung alle Facetten mit einer ganz besonderen Leichtigkeit. Obwohl er den Menschen Schicksalsschläge zuckersüß serviert, verkommt sein Charakter nicht zum Schurken. Hier verbirgt sich auch der einzige Kritikpunkt. Der Film vermittelt an einigen Stellen den Eindruck, dass der Verlust des Arbeitsplatzes halb so schlimm sei und neue Chancen eröffne. Dass dies heutzutage nur selten der Wahrheit entspricht, weiß dieser Ryan Bingham zwar, aber vielleicht wird dies ein wenig zu mild ausformuliert, selbst wenn der Film in einer späteren Szene dazu Stellung bezieht.

    Wer denkt, die Geschichte havariere nach Binghams Lehrstunde für die toughe Novizin Natalie in die Klischeefalle, wird an dieser Stelle genauso überrascht wie im dritten Akt, wo sich die Autoren Reitman und Turner weise aus der wirklich schwierig zu handhabenden Auflösung heraus manövrieren. Die lauernde Gefahr der Sentimentalität lässt der Film links liegen. Jungstar Anna Kendrick (Twilight, New Moon), die wie Vera Farmiga (Orphan) und George Clooney für einen Oscar und Golden Globe nominiert ist, offenbart immenses Potenzial, weil sie ihrer Figur eine erstaunliche Tiefgründigkeit entlockt. Lauernde Allgemeinplätze umgeht Kendrick souverän und überzeugt vielmehr mit einer ausgefeilten Charakterdarstellung. Farmigas Leistungsvermögen ist schon seit The Departed und Nothing But The Truth bekannt, aber auch sie bekommt eine wunderbare Rolle, die Überraschungen parat hält. Sie strahlt etwas Besonderes aus.

    Fazit: Mit „Up In The Air“ legt Jason Reitman eine meisterhafte, kluge Tragikomödie vor, die vor dem Hintergrund der größten Weltwirtschaftskrise seit Dekaden eine eigene Welt erschließt und dabei einfach formidabel unterhält. Atmosphärisch dicht, leicht und beschwingt, mal zynisch, mal warmherzig und in der Spitze herzergreifend ist „Up In The Air“ der Beweis dafür, dass es auch abseits der ausgetretenen Pfade noch Neues zu entdecken gibt.
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