Wahrheit & Verrat - Truth & Treason
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Wahrheit & Verrat - Truth & Treason

Konventionelles Biopic über einen unkonventionellen Helden

Von Thorsten Hanisch

Es gibt unzählige Filme über die Zeit des Nationalsozialismus, und jedes Jahr kommen weitere dazu. Auch wenn das Thema natürlich enorm wichtig ist und wichtig bleiben wird, ist es nicht verkehrt, in Hinblick auf den filmischen Bereich von einer gewissen Übersättigung zu sprechen – denn Filme wie „The Zone Of Interest“, denen es tatsächlich gelingt, einen neuen Zugang zu finden, sind selten.

Wahrheit & Verrat – Truth & Treason“ spielt zwar nicht in dessen Liga, hebt sich aber ebenso ab, weil eine ungewöhnliche Figur beleuchtet wird, die überraschenderweise bisher noch gar keine filmische Aufarbeitung erfahren hat. Erzählt wird die Geschichte von Helmuth Hübener, dem mit 17 Jahren jüngsten Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, der vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wurde. Regisseur und Co-Drehbuchautor Matt Whitaker, der bereits 2002 einen Dokumentarfilm über Hübener veröffentlicht hatte, nimmt sich dessen Leben in Form eines konventionellen, geradlinigen Biopics an, das seinen Protagonisten allerdings weniger greifbar macht, als ihn zu einem Heiligen zu stilisieren. Unterhaltsam ist das dank guter Darsteller und kompetenter Umsetzung aber dennoch.

Helmuth Hübener (Ewan Horrocks, Mitte) und seine Mitstreiter bereiten ihre antifaschistischen Flugblätter vor. Kinostar
Helmuth Hübener (Ewan Horrocks, Mitte) und seine Mitstreiter bereiten ihre antifaschistischen Flugblätter vor.

Hübener (Ewan Horrocks), der aus einer unpolitischen Arbeiterfamilie stammt und Mormone ist, beginnt im Sommer mit dem Abhören des englischen Radiosenders BBC und verwendet die Nachrichten der Briten zur Formulierung und Vervielfältigung antifaschistischer Texte, die er als auf roten Notizkarten geschriebene Flugblätter unter seine Mitmenschen bringt. Bei der Verbreitung der Flugblätter kriegt er Unterstützung von Karl-Heinz (Ferdinand McKay) und Ferdinand (Daf Thomas), zwei Freunden aus der Gemeinde.

Natürlich ist das ein brandgefährliches Unterfangen, und so dauert es nicht lange, bis die Gestapo auf die Schriften aufmerksam wird. Bald heftet sich Gestapo-Mann Erwin Muessener (Rupert Evans) an Hübners Fersen – mit Erfolg: Der 17-Jährige wird von seinem Vorgesetzten Heinrich Mohns (Christos Lawton), einem prominenten NSDAP-Mitglied, verraten und inhaftiert. Muessener, der den jungen Widerständler brutal verhört, kann zunächst nicht glauben, dass der 17-Jährige die Texte selbst verfasst haben soll – er hatte einen Uni-Professor erwartet. Zwar überzeugt Hübener ihn vom Gegenteil, schafft es aber nicht, glaubhaft zu machen, dass er die Flugblätter vollständig selbst verteilt hat.

Gut gegen Böse

Unter Folter gibt er die Namen seiner Freunde zwar preis, geht dann aber nicht auf den Plan seines Anwalts ein, sich aus der Affäre rauszuwinden und die Schuld auf Karl-Heinz abzuwälzen, sondern übernimmt bei der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof nicht nur die volle Verantwortung, sondern hält zudem eine flammende Anklage gegen den Nationalsozialismus. Seine Freunde kriegen Gefängnisstrafen, er wird Ende Oktober 1942 hingerichtet.

Die weltweiten Vertriebsrechte an „Wahrheit & Verrat – Truth & Treason“ befinden sich bei den amerikanischen Angel Studios. Hierbei handelt es sich um ein 2021 von Mormonen gegründetes Medienunternehmen, welches sich auf christliche Filme und Fernsehserien spezialisiert, aber auch propagandafreie, wirklich sehenswerte Titel wie den erst kürzlich in den deutschen Kinos angelaufenen „Sketch“ im Programm hat. Dass „Wahrheit & Verrat“ bei dieser Firma gelandet ist, verwundert nicht wirklich, schließlich handelt es sich bei dem Protagonisten um einen Mormonen. Wesentlich ausschlaggebender dürfte aber der Umstand gewesen sein, dass sich hier ein Kind, also ein Sinnbild der Unschuld, gegen das Böse erhebt und in einem der Vertreter der Gegenseite sogar Zweifel am eigenen Tun auslöst.

Der Volksgerichtshof verurteilt den Widerständler wegen Landesverrats zu Tode. Kinostar
Der Volksgerichtshof verurteilt den Widerständler wegen Landesverrats zu Tode.

Dementsprechend konzentriert sich der Film völlig auf den Akt des Widerstandes. Von Hübeners früher Kindheit oder seiner Zeit bei der Hitlerjugend erfährt man nichts. Sein familiäres Umfeld spielt keine größere Rolle, und so wird – auch wenn Repressalien gegen seinen jüdischen Freund Salomon thematisiert werden – nie so richtig klar, wie er zu dem standfesten und furchtlosen Menschen wurde, der er schlussendlich war.

Überhaupt geht „Wahrheit & Verrat – Truth & Treason“ für einen Film über einen Widerständler einen ziemlich bequemen Weg. Die Handlung setzt direkt 1941 ein, dem Jahr, in dem Hübener seine Aktivitäten beginnt. Nach 15 Minuten hört er die BBC ab, nach einer halben Stunde tippt er Flugblätter, und fast die komplette zweite Stunde erlebt man den Aktivisten während seiner Inhaftierung beziehungsweise beim Verhör mit Mussener und im Gerichtsaal. Hübener wird hier zur männlichen Jeanne D’Arc des NS-Widerstands. Das wird noch dadurch untermauert, dass in ein paar Szenen das Licht von hinten einstrahlt und der Junge dadurch ein bisschen wirkt wie eine Kirchenikone.

Konventionell, aber kurzweilig

Hübener kommt man in den zwei Stunden trotzdem nicht wirklich näher. Doch die weitgehend unbekannte, gut aufspielende Besetzung, das schnörkellose Erzähltempo und die kompetente Regie, die voll auf klassische Spannungsdramaturgie setzt und das für einen Historienfilm geringe Budget von 7,6 Millionen Dollar mit geschickten Kameraeinstellungen kaschiert, lassen die Laufzeit dennoch rasch vergehen.

Fazit: Insgesamt ein enttäuschend gewöhnliches Biopic über eine ungewöhnliche Figur, das dank der routinierten von Regie Matt Whitakers und einer engagierten Besetzung trotzdem sehr unterhaltsam ausgefallen ist.

Übrigens: Die Angel Studios haben „Wahrheit & Verrat – Truth & Treason“ auf ihrer hauseigenen Streaming-Plattform in Form einer vierteiligen Mini-Serie veröffentlicht. Es ist gut möglich, dass sich durch die zusätzliche Laufzeit der Eindruck weiter nach oben verschiebt.

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