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    Branded To Kill
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Branded To Kill
    Von Björn Becher
    Seijun Suzuki gehört zu jenen Filmemachern, die lange Zeit ein Schattendasein führten und in den vergangenen Jahren plötzlich ins Bewusstsein der Filmfans vorpreschten. Wenn man von den großen japanischen Regisseuren sprach, dann redete man fast immer von Ozu, Kurosawa, Imamura oder Fukasaku, nun mittlerweile auch von Suzuki. Vielleicht initiiert durch Jim Jarmuschs „Ghost Dog“ oder auch das allgemeine stärker ins Bewusstsein Rücken des asiatischen Kinos, sind Filme von Suzuki in diesem Jahrtausend zu gern gesehenen Teilen von Retrospektiven geworden. Das wohl weltbeste DVD-Label Criterion, welches ausschließlich wichtige Klassiker und Zeitdokumente der Filmgeschichte veröffentlicht, hat schon recht früh Suzukis „Branded To Kill“ in die Criterion-Collection-Reihe aufgenommen. Neben „Tokyo Drifter“ ist „Branded To Kill“ auch das wichtigste Werk im Schaffen von Suzuki. Dabei brachte ihm die pulpige und visuell herausragend inszenierte Profilkillergeschichte nach der Produktion erst einmal keinesfalls Ruhm ein, sondern beendete zeitweise seine Karriere nahezu.

    Hanada (Jo Shisido) ist der drittbeste Killer in seiner Organisation, weswegen er nur „Killer No. 3“ genannt wird. Er hofft bald aufzusteigen, doch er verfolgt dies nicht mit allen Mitteln, lebt er doch auch glücklich in einer Beziehung mit seiner Frau (Mariko Ogawa). Doch als plötzlich die mysteriöse und tödliche Misako (Mari Annu) auf der Bildfläche erscheint und ihm einen Auftrag erteilt, verändert sich sein ganzes Leben. Er gerät selbst auf die Abschussliste und sogar die Person, der er am meisten vertraut hat, ist plötzlich nicht mehr auf seiner Seite. Bald steht ihm auch noch „Killer No. 1“ (Koji Nambara) gegenüber…

    Als Suzuki 1967 „Branded To Kill“ drehte, war er einer von zahlreichen fest angestellten Regisseuren bei Nikkatsu. Das Studio ist vor allem bekannt für seine Yakuza-Produktionen unterschiedlicher Güte, die nahezu am Fließband abgedreht wurden. Von den Regisseuren erwartete man nur schnelle, klar den Genreregeln entsprechende Standardware für den japanischen Kinomarkt, welche auf die großen japanischen Schauspielerstars jener Zeit zugeschnitten war. Denn diese Namen würden das Publikum schon von alleine ins Kino locken. Suzuki nahm sich im Laufe seiner Karriere bei Nikkatsu aber immer mehr kleine Freiheiten und fing an, innerhalb des Genrerahmens zu experimentieren. Mit „Tokyo Drifter“ schien er 1966 den Bogen überspannt zu haben. Die knallbunte Optik, verknüpft mit dem Stil des französischen Gangsterkinos in einem Film, der laufend die Genrekonventionen untergräbt und das Cinemascope-Format zum Zelebrieren kunstvoller Bilder nutzt, war ganz und gar nicht das, was man bei Nikkatsu wollte. Doch man gab ihm noch eine Chance und Suzuki nutzte diese um – wie man es heute wohl sagen würde - den Herren von Nikkatsu den ausgestreckten Mittelfinger zu zeigen.

    Die Kritik an den knallbunten Farben aus „Tokyo Drifter“ ins Lächerliche ziehend, wurde „Branded To Kill“ ein Schwarz-Weiß-Film. Im Übrigen blieb alles beim Alten. Das erste Drehbuch, eine Standard-Geschichte um einen Killer auf Abwegen, diente Suzuki nur als Treatment und Ausgangsidee. Er schaltete sich früh in den Entwicklungsprozess ein und statt, wie gefordert, eine simple Geschichte von einem Killer zwischen den Fronten zu drehen, wildert er wieder durch das Genre, zitiert und untergräbt es. Er verknüpft Stil und Elemente des Film Noir mit der Nouvelle Vague. Er wechselt zwischen harter Brutalität und Slapstick. Er verbindet Dramatik mit Humor und lässt den Zuschauer bei keiner Szene im Klaren, ob er sich nicht im nächsten Moment ins Absurde ziehen wird oder ins Surreale abgleitet. Gegen Ende sprengt er dann schlussendlich alle Gewohnheiten und Erwartungen, wenn er in der urkomischen, aber auch hoch spannenden letzten halben Stunde die beiden Todfeinde Nr. 1 und Nr. 3 zeitweise zu misstrauischen Mitbewohnern macht. Das widerläuft mehr als einmal den typischen Sehgewohnheiten und macht es für den mit dem Schaffen des Regisseurs unvertrauten Erstseher sicher schwer, immerzu allem zu folgen und eine Spannung über die gesamten 90 Minuten aufrecht zu erhalten, doch schon diese Erstsichtung lohnt sich dennoch. Denn allein die Tatsache, dass „Branded To Kill“ ein unvergleichlicher visueller Leckerbissen ist, macht ihn zu einem Klassiker, der wohl einfach nur seiner Zeit voraus war. [1]

    Und bei jeder weiteren Sichtung gewinnt „Branded To Kill“ in eindrucksvoller Weise. Jede Szene wirkt noch ausgeklügelter, das eindrucksvolle Szenenbild, welches fast ein weiterer Hauptdarsteller ist, die ungewöhnliche, aber immens gekonnte Dramaturgie... all das erschließt sich einem weiter und wenn Filmkomponist und Musikproduzent John Zorn (u.a. Michael Glawoggers Workingman´s Death) in einem Essay schreibt, „Each time I see it I discover something new—it’s like seeing it for the first time.“ [2], übertreibt er nicht, sondern trifft den Nagel auf den Kopf.

    Der eingangs schon angesprochene Film Ghost Dog von Jim Jarmusch (von diesem auch ein Stück weit als Hommage an Suzuki verstanden) baut übrigens auf „Branded To Kill“ auf. Die Geschichten ähneln sich, Jarmusch hat zudem eine Szenenfolge nahezu eins zu eins übernommen und beiden Werken ist zudem ihre konsequente Verweigerung der üblichen Dramaturgie des „Profikillers-wird-zum-Gejagten“-Themas gemeinsam. Stattdessen interessieren sich die Filme mehr für ihre Figuren, ohne deren Innenleben dem Zuschauer auf dem Präsentierteller darzubieten.

    Trotz aller Brillanz war Nikkatsu, wo man nur einfaches und klar verständliches Actionkino wollte, so entsetzt, dass es Suzuki, der über 40 Filme für das Studio machte, kurzerhand entließ. Dessen Karriere schien danach trotz einiger TV-Engagements und einem selbst finanzierten Versuch auf die Kinobühne zurückzukehren, zu Ende zu gehen, bis er sich 1980 auf der Berlinale mit „Zigeunerweisen“ eindrucksvoll zurückmeldete und 2005 im Alter von über 80 Jahren mit „Princess Raccoon“ seinen bis dato letzten Film drehte.

    Heute genießt er selbst bei Nikkatsu wieder die alte Anerkennung. Bei den Retrospektiven mit den wichtigsten Werken des Studios kündigt man „Branded To Kill“ immer als Meisterwerk an, wie es der Film auch verdient hat. Ein Meisterwerk, für welches der Regisseur damals verklagt wurde. Immerhin noch bessere Zeiten als heute, in denen die Produktion eines solchen, im Studiosystem entstehenden, sich davon aber emanzipierenden Film, wohl schon früher gestoppt worden wäre.

    [1] Das amüsante Statement von Suzuki in einem Interview mit Japan-Experte Tom Mes hierzu: ”The best thing for a movie is to have a lot of people come to see it when it's released. But back then my films weren't so successful. Now, thirty years later, a lot of young people come to see my films. So either my films were too early or your generation came too late.” (Quelle: http://www.midnighteye.com/interviews/seijun_suzuki.shtml)

    [2] Das Essay von Zorn ist hier online verfügbar: http://www.criterionco.com/asp/release.asp?id=38&eid=55&section=essay&page=1
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