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    Die Friseuse
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Die Friseuse
    Von Lars-Christian Daniels
    Blond, übergewichtig, pinkes Outfit, markante Berliner Schnauze – nein, die Rede ist nicht von Comedy-Queen Cindy aus Marzahn, sondern von Kathi König, der zentralen Figur aus Doris Dörries Komödie „Die Friseuse“. Die Regisseurin (Nackt, Kirschblüten - Hanami) hat sich nach langer Zeit mal wieder an die Verfilmung eines Drehbuchs gewagt, das nicht aus ihrer eigenen Feder stammt. Für das Skript verantwortlich zeichnet stattdessen Laila Stieler, die sich schon in Wolke Neun mit einem gesellschaftlich heiklen Thema beschäftigte und hier Mut zum Unästhetischen bewies. Leider verliert sich ihr Drehbuch, das auf der wahren Geschichte der Berliner Friseuse Kathleen Cieplik basiert, trotz starkem Auftakt zu oft in gewollt tragischen Momenten und sucht bis zum Schluss vergeblich nach einer konsequenten Linie.

    Die gelernte Friseuse Kathi (Gabriela Maria Schmeide) zieht nach der Trennung von ihrem Mann mit Tochter Julia (Natascha Lawiszus) zurück an jenen Ort, an dem sie einst aufwuchs: eine Plattenbausiedlung in Ostberlin. Alleinerziehend und arbeitslos wendet sich die stark übergewichtige Powerfrau an die Agentur für Arbeit, die ihr prompt ein Vorstellungsgespräch in einem Friseursalon im florierenden Einkaufszentrum um die Ecke vermittelt. Die anfängliche Euphorie verfliegt schnell, als ihr die Chefin trotz bester Zeugnisse mit der Begründung absagt, sie sei „nicht ästhetisch“. Kurzerhand beschließt Kathi, sich selbständig zu machen und direkt gegenüber ihren eigenen Friseursalon zu eröffnen. Vorher muss Kathi jedoch erst einmal Startkapital auftreiben, verbohrten Krawattenträgern auf den Schlips treten und auch noch das ein oder andere Problem mit ihrer pubertierenden Tochter lösen…

    Die Frage, ob man nun über übergewichtige Menschen lachen darf, beantwortet „Die Friseuse“ gleich in der Einleitung: Man darf! Kathi König entspricht zwar nicht dem gängigen Schönheitsideal, begegnet den täglichen Herausforderungen und Diskriminierungen aber selbstbewusst und mit einer gepfefferten Portion Schlagfertigkeit. Dass die anderen Partygäste komisch gucken, wenn die Frau mit den bunten Haaren und dem Riesenhintern auf der Tanzfläche exzessiv ihren Speck schüttelt, schert Kathi herzlich wenig. Entwaffnend selbstironisch schicken Doris Dörrie und Laila Stieler ihre Hauptfigur ins Rennen und platzieren insbesondere in der ersten Filmhälfte eine ganze Reihe gelungener Gags. Die Hauptrolle ist Gabriela Maria Schmeide (Halbe Treppe, Die Wolke) wie auf den Leib geschnitten, wenngleich ihre Nacktszenen offensichtlich von einem korpulenteren Double übernommen wurde. Sie blüht als ewig plapperndes, daueroptimistisches Pummelchen förmlich auf, erfüllt zugleich aber auch sämtliche Vorurteile, die spätestens Klischeefriseuse Uschi aus Bernd Eichingers „Manta, Manta“ nachhaltig festigte. Dass ihre Berufsbezeichnung heutzutage korrekt eigentlich „Frisörin“ heißt, interessiert die Protagonistin nicht.

    „Ick bin Friseuse.“

    Ihre Tochter Julia ist da ganz anders: still, verschlossen und mitten in der Pubertät, authentisch verkörpert von Jungschauspielerin Natascha Lawiszus (Die Gräfin). Während die Probleme zwischen alleinerziehender Mutter und heranwachsender Tochter anfangs noch langsam gesteigert und glaubwürdig inszeniert werden, wandelt sich Julia später allzu schnell vom desinteressierten Teenager zur aufgeschlossenen Nachwuchshausfrau, die die Mama unterstützt, wo sie nur kann. Der Grund für ihr plötzliches Umdenken bleibt im Dunkeln.

    Die übrigen Charaktere wirken relativ blass und erschöpfen sich in Stereotypen. Da gibt es die arrogante Leiterin des Friseursalons (Maren Kroymann, Die Welle, Horst Schlämmer – Isch kandidiere!), die sich von Äußerlichkeiten täuschen und später läutern lässt, oder Julias beste Freundin, die Kathis Körperfülle peinlich findet, sich aber gerne für lau von ihr die Haare schneiden lässt, und natürlich die arbeitslose Silke (Christina Große, Die Könige der Nutzholzgewinnung), die augenscheinlich von ihrem alkoholkranken Mann geschlagen wird, aber stets vorgibt, gestürzt zu sein. Der Kleinkriminelle Joe (Rolf Zacher, „Berlin Alexanderplatz“, Jud Süß - Film ohne Gewissen) ist nicht mehr als eine Ganovenkarikatur und zu allem Überfluss auch noch mit der Brechstange in den Plot eingeflochten. Nicht zuletzt aufgrund der schwachen Skizzierung der Nebenfiguren ist der Versuch, die humorvolle Grundhaltung des Films mit nachdenklichen Passagen aufzubrechen, zum Scheitern verurteilt. Auch die knallbunte Bonbon-Optik lässt sich oft nur schwer mit kritischen Denkanstößen vereinbaren.

    Mit zunehmender Spieldauer lässt darüber hinaus der Einfallsreichtum der Macher spürbar nach. Irgendwann ist auch das letzte Problemchen, das Übergewichtige täglich zu meistern haben, abgefrühstückt. Zu oft wiederholen sich die morgendlichen Strapazen beim Hinausquälen aus der tiefen Matratze, durch die engen Türrahmen und Treppenhäuser. Und spätestens mit dem Eintreffen der asiatischen Arbeitskräfte wird ein Nebenstrang in die Handlung integriert, der das Erreichen des eigentlichen Ziels, nämlich die Eröffnung des Friseursalons, unnötig in weite Ferne rückt. Vielversprechende Ideen, wie zum Beispiel der hartnäckige Verehrer, der Kathi anfänglich umgarnt, werden hingegen zu schnell wieder fallen gelassen. So bleibt „Die Friseuse“ ein Film, der zwar leicht schmeckt und nicht belastet, aber auch nicht gerade für nachhaltige Sättigung sorgt.
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