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    Alles Erlaubt - eine Woche ohne Regeln
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Alles Erlaubt - eine Woche ohne Regeln
    Von Florian Koch

    Ende der 90er Jahre waren Bobby und Peter Farrelly auf dem Comedy-Olymp angekommen. Nachdem die Brüder bereits in „Dumm und dümmer" mit einer Orgie an kindischen Geschmacklosigkeiten für volle Kinokassen sorgten, legten sie 1998 mit dem Superhit „Verrückt nach Mary" noch eine Schippe drauf. Die originelle und brüllend komische Beziehungskomödie etablierte nicht nur Ben Stiller als Komödienstar, sondern wagte mit einem fies eingequetschten Penis und unappetitlichen Spermaspuren in Stillers Haar auch absolute Tabubrüche im US-Mainstreamkino, von denen Hit-Lieferanten wie Judd Apatow („Beim ersten Mal") und Todd Phillips („Hangover") noch heute zehren. Die Farrellys konnten jedoch künstlerisch und kommerziell nie wieder an ihren großen Hit anknüpfen. Nach dem sexistischen Tiefpunkt „Nach 7 Tagen - Ausgeflittert" versuchen sie mit „Alles erlaubt – Eine Woche ohne Regeln" ein neuerliches Comeback. Ihre einstige filmische Erfolgsformel aus kompromisslosen Gags unter der Gürtellinie und einen Hauch Ernsthaftigkeit will jedoch auch in diesem Fall nicht richtig funktionieren.

    Rick (Owen Wilson) und Fred (Jason Sudeikis) sind beste Kumpel und könnten mit ihrem Leben eigentlich restlos zufrieden sein. Eigentlich. Denn den beiden Enddreißigern fehlt in ihren Beziehungen der rechte Kick. Rick schaut jeder hübschen Frau hinterher – nur seiner eigenen nicht. Seine große Liebe Maggie (Jenna Fischer) ist genau wie Rick viel zu sehr mit der Erziehung ihrer drei anstrengenden Kinder beschäftigt, um noch Zeit für ein erfülltes Sexualleben zu haben. Ricks erotische Frustrationen teilt auch Fred, bei dem die sexuelle Unzufriedenheit mit seiner Frau Grace (Christina Applegate) so weit geht, dass er sich lieber im Auto einen runterholt. Von einer Freundin bekommen die beiden verzweifelten Ehefrauen den Tipp, dass sie ihren Männern doch einen einwöchigen Freifahrtschein erteilen sollen. In dieser Zeit dürften Rick und Fred völlig ohne Konsequenzen in ihrer Freizeit machen, was sie wollen. Dabei spekulieren Maggie und Grace darauf, dass die beiden Biedermänner mit dieser neu gefundenen Freiheit gar nichts anfangen können und so schnell wie möglich zu ihnen zurückkommen wollen. Wenn sie sich da nicht getäuscht haben...

    Was Bobby und Peter Farrelly mit ihrer drastischen Komödie „Alles erlaubt" bezwecken, liegt klar auf der Hand. Sie wollen nicht nur die sexuellen Probleme im routinierten Ehealltag, sondern vielmehr noch, die Midlife-Crisis von postpubertären Enddreißigern komödiantisch verarbeiten. Nach einer ungewöhnlich langen Exposition voller Peinlichkeiten und dümmlich-ordinärer Sprüche werden Rick und Fred von ihren Freunden dazu angestachelt, mit dem Freifahrtsausspruch im Hinterkopf endlich einmal Gas zu geben und die ein oder andere Frau aufzureißen. Dass sich diese Aufgabenstellung für die beiden Spießer als weitaus schwieriger als gedacht erweist, zeigt schon der erste Tag, als sie sich in einem Lokal dermaßen überfressen, dass sie gar nicht mehr in der Lage sind, auf die Pirsch zu gehen. Auch am zweiten Tag fällt den beiden nichts Besseres ein, als umnebelt von ein paar Hasch-Brownies ihren Golferclub aufzumischen – vordergründig unterlegt mit dem Cypress-Hill-Klassiker „Take the Hits from the Bong".

    Besonders Ricks Dilemma ist es, dass er trotz seiner Obsession für die Kellnerin Leigh (Nicky Whelan) eigentlich viel zu lethargisch und selbstzufrieden ist, überhaupt ein Abenteuer zu wagen. Den Farrellys fällt nichts anderes ein, als Maggie als sein Spiegelbild zu inszenieren: Auch sie hat in diesen sieben Tagen, losgelöst von Rick, Möglichkeiten, andere Männer kennenzulernen, sorgt sich aber viel mehr um das Wohl ihres Mannes, und geht deshalb allen Annäherungsversuchen aus dem Weg. Natürlich ist ihre Freundin Grace die Gegenfigur, eine kinderlose Frau, die kaum einer jüngeren Männer-Versuchung widerstehen kann. Ganz ähnlich geht es auch ihrem Gatten, der durchaus für ein Abenteuer zu haben wäre, wenn ihn nicht sein Freund Rick zurückhalten würde. Diese Pärchenkonstellation ist von den Farellys so vordergründig und unmissverständlich aufgebaut, dass die unzähligen Mann/Frau-Anmach-Parallelmontagen kaum Spannung oder Originalität beinhalten.

    Im Gegensatz zu ihren früheren Komödien, als selbst Minderheiten nicht geschont wurden, wirkt „Alles erlaubt" für Farrelly-Verhältnisse erstaunlich bieder und wertkonservativ. Die Ehe wird als heiliges Gut beschworen, die Wildheit und Zügellosigkeit der Männerwelt als lächerlich und sinnlos dargestellt. In diese hochmoralische Wert-Anschauung wollen die Over-the-top-Gags der alten Farrelly-Schule so gar nicht passen. Flatulenzen, primitive Sprüche und derbe graphische Darstellungen wie zwei offen gezeigte Penisse in einer Saunaszene wirken Fehl am Platz, bringen aber am Ende doch die größten Lacher.

    Handwerklich ist das alles solide inszeniert, auch wenn das Setting – der Film spielt nahezu ausschließlich in Innenräumen wie Clubs und Bars – ein wenig billig und einfallslos wie eine TV-Soap wirkt. Und auch die Darsteller können sich kaum profilieren. Owen Wilson („Die Hochzeits-Crasher") gibt gewohnt souverän seine Standardrolle als zurückhaltender Normalo auf Abwegen, während „Saturday Night Life"-Star Jason Sudeikis von den Farrellys deutlich an die Leine genommen wurde, und sich weniger einbringen kann als erhofft. Blass bleiben die beiden Frauenfiguren, die auch noch so charmant mit ihren Männern umgehen, dass man sich fragt, wo denn eigentlich die Probleme in den jeweiligen Beziehungen sind. Den schlechteren Eindruck hinterlässt hier noch Christina Applegate („Eine schrecklich nette Familie"), sie will zu ihrem Spielpartner Sudeikis einfach überhaupt nicht passen und nervt mit künstlich-aufgesetzter Mimik. Nur eine Nebenrolle sticht aus dem sonst ordentlichen Ensemble überaus positiv hervor: Charakterdarsteller Richard Jenkins („Burn After Reading") als Frauenversteher und Alt-Aufreißer Coakley, der Rick und Fred im Club auch im hohen Alter noch zeigt, wie der Hase läuft. Jenkins‘ Auftritt hat Witz und Pepp, ist aber leider etwas zu kurz geraten.

    Man wünscht, die Farrelly-Brüder hätten sich für „Alles erlaubt" - trotz einiger gelungener Gags - wie in früheren Zeiten mehr Schärfe und Frechheiten erlaubt. Ihre moralinsaure Komödie leidet aber unter einer chronischen Ideenarmut in puncto Wortwitz und Situationskomik und versandet im Mittelmaß. Erst an diesem gescheiterten Comebackversuch der Farrellys merkt man, welche überragende Klasse doch Todd Phillips‘ Überraschungserfolg „Hangover" hatte.

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